Brüchige Himmelsleiter

Premiere Stephan Kimmig inszeniert Michel Houellebecqs “Unterwerfung” am Deutschen Theater
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Je mehr Not sittliche Antriebe abstumpft, um so sicherer wird der versunkene Mensch sich neue Götzen schaffen. Denn etwas muss er haben, wovor er knien kann. Jacob Burckhardt

Der Theaterhimmel ist aus Butterbrotpapier. Eine Himmelsleiter beweist ihre Brüchigkeit. Zum Schluss liegt der Himmel am Boden. Das Desaster spielt im Umkehrschub auf eine zum Urmotiv aufgestiegene Christianisierungsszene an. Der Missionar fällt die hl. Eiche, doch der Himmel fällt (entgegen indigener Erwartungen) dem Frevler und seinen Zeugen nicht auf den Kopf. Viel mehr Symbolik gestattet Stephan Kimmig seiner Inszenierung von Michel Houellebecqs “Unterwerfung” nicht. Der Roman erschien im Januar 2015 am Tag von Charlie Hebdo. Er erschien als Menetekel und Zuspitzung der Schwächen des säkularen Europas. Er schockt mit diesem Panorama: Bei den Präsidentschaftswahlen 2022 ergibt sich Frankreich einem kohortenförmig auftretenden, gnadenlos staatstragenden, Frauen von der Bildung und dem Erwerbsleben ausschließenden Islam.

Der Islam wurde vom Kapitalismus beschleunigt, jetzt ist er selbst ein Turbo. Als Verkörperung des kranken Mannes von der Seine installiert Houellebecq den Literaturwissenschaftler François. Der Huysmans-Experte ist so politisch “wie ein Handtuch”. Seine Indolenz beschreibt die Verfassung einer offenen Gesellschaft, die von Bequemlichkeit zersetzt wird. Kimmig stationiert François an einem Ort absoluter Wirkungslosigkeit. Ein Krankenbett ist die wichtigste Requisite.

Steven Scharf spielt François als Genie der Anpassung und Fleisch gewordene Zitterpartie. Als Konsumentenungeheuer. Die Inszenierung wirkt wie der Resonanzraum einer Pathologie. François setzt seine soziale Existenz mit Gebärden des Leibes gleich: Migräne, Zahnschmerzen, Hämorrhoiden. Er macht eine unappetitliche Rechnung auf. Hauptsache, der Schmerzpegel schlägt nicht ungebührlich aus. Er schillert in Nuancen der Agonie. Er erkennt einen Zusammenhang zwischen Monotheismus und gesellschaftlicher Stabilität. Der literarischen Vorlage folgt Scharf exakt. Phasenweise gleicht der Theaterabend einem Hörspiel. Der Text wird Protagonist.

Im Takt der Semester wechselt François die Studentinnen für den Geschlechtsverkehr. Er erweitert den Reigen mit Escortservice-Séancen, die seiner Leblosigkeit Denkmäler setzen. Er verkommt im Vergnügen und ekelt sich vor der eigenen Schwäche. Während eine muslimische Bruderschaft Frankreich umkrempelt, geißelt François seine Nutzlosigkeit in den Tonfällen der Larmoyanz. Allein Marine Le Pen von der Front National tritt gegen den Durchmarsch widerstandsbereit an. Lorna Ishema spielt die Politikerin merkelschick. Sie ist außerdem schwarze Madonna, Herzdame und die Karozehn im Stück. Als Studentin bemerkt sie: Ich wurde dazu erzogen, mich als gleichberechtigtes Individuum wahrzunehmen.

Damit ist Schluss. Ishema wechselt in die Rolle von François’ jüdischer Freundin Myriam. Ihre Eltern gaben Frankreich auf, nur die Liebe zu François hält Myriam davon ab, den Emigranten nach Israel zu folgen. Doch vergisst der Liebhaber junger Frauen zu fragen, ob die Gefährdete bei ihm bleiben möchte.

Fast am Ende sieht man Ishema kurz als zweite Gattin eines konvertierten Universitätspräsidenten. Dass dieser Robert Rediger der von den Saudis gekauften Sorbonne vorsteht, lädt das Thema nationale Identität bis zum Anschlag auf. Wolfgang Pregler spielt den Honoratior als Knilch wie er gewitzt sein Fähnchen in den Wind dreht. Er zeigt den ganzen Houellebecq, der in “Unterwerfung” der französischen Gesellschaft den Spiegel vorhält. Für ein paar Euros mehr vergessen ihre Repräsentanten die katholische Grundierung etc.

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Im siebten Jahrhundert verlor das oströmische Reich Syrien, Mesopotamien, Nordafrika und viel von Kleinasien an den Islam. Konstantinopel musste Belagerungen widerstehen. Slawische Völker wanderten in den Peloponnes ein. Byzanz schien weder leben noch sterben zu können (Jacob Burckhardt) - und doch währte die römische Resterampe tausend Jahre. Tausend Jahre vergebliche instauratio imperii Romani. Byzanz hielt sein Leben der äußersten Verteidigung für Wert. Ja, es träumte von der Wiedergewinnung des Okzidents noch, als es schon ganz und gar dem Orient anheimgefallen war. Den Kalifen im Élysée-Palast spielt Camill Jammal als Wolf im Sakko. Ben Abbes verkündet eine Déclaration de guerre in der Sprache der Diplomatie. Orientierung bietet ihm ein Lexikon römischer Staatsideen. (Das ist lustig. Jeder deutsche Kaiser bezog sich auf das Imperium als einem Vorbild für Expansion und Stabilität.) Was zählt, ist Fertilität – sind die demografischen Parameter, die eine Gesellschaft nicht vor die Hunde der Kinderlosigkeit gehen lassen. Die Islamisierung der französischen Republik re-etabliert das auf einen Buchgott bauende Patriarchat als Garanten der Reproduktion. Der Islam modernisiert ein altes Getriebe. Das stellt die Islamdebatte von den Füßen auf den Kopf und verweist auf Rom zu Konstantins Zeiten. Eine entschlossene Minderheit pumpt Leben in einen anachronistischen Staat. Ihre Symbole avancieren zur Signatur der Herrschaft. Legionen ziehen mit dem Kreuz auf ihren Schildern in die Schlacht.

Ben Abbes umarmt den geschlagenen Europäer. Niederträchtig säuselnd steigt er zu François ins Bett. François erkennt die Größe seines Herrn. Der Zuschauer begreift, wie viel auf dem Spiel steht.

09:48 23.04.2016
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