Brüsker Schleim

Corona Adel Oconaluftee kommt ihrer Zeit als eine entgegen, die dem omnipotenten und prä-avantgardistischen Gestus der Meinungsführerinnen zustimmend widerspricht.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Oconaluftee ist Journalistin, mit einer Ehe versichert, Mutter einer Tochter, sexsüchtig. In der ersten Szene besucht sie nach ein paar Tagen der Abstinenz vor der Arbeit und in der Osterzeit einen bewährten Liebhaber, der ihr zwar den „Kick“ nicht mehr geben kann, sie aber dennoch zu spät kommen lässt.

Oconaluftee ist mit Mercurys Körper vertraut. Vertrauen ist der Killer.

Oconaluftee konsumiert Fremde ohne Ansehen der Person.

Coverversionen der Bürgerlichkeit

Oconaluftee kommt ihrer Zeit als eine entgegen, die dem omnipotenten und prä-avantgardistischen Gestus der Meinungsführerinnen so zustimmend wie maschenhaft widerspricht. Sie feiert Sensationen knapp über den Bodenwellen des Gewöhnlichen. Irgendwo sagt der grandios indifferente Hans Magnum Enzensberger, Gerhard Nebel interessiere sich für die Menschheit, aber nicht für die Leute, um so die eigene Position im Gegenlicht zu bestimmen. So eine ist jedenfalls auch Oconaluftee.

Wir haben uns für die Leute zu interessieren, auch wenn es weh tut. Enzensberger postuliert das Wir und nimmt sich aus.

Wir, das sind die anderen. Ich bin nicht Wir, sagt Oconaluftee. Sie etablierte sich als unnachsichtig-einleuchtende Diskursfürstin in der Prägekraftära der Frankfurter Rundschau. In dieser Zeitung wurde die Kritische Theorie gestreamt und verwässert. Noch leuchteten die Unterschiede zwischen Grün und Schwarz. Zugleich gab es keinen Unterschied zwischen intellektuell und links. Das Große und Ganze einer von Adorno negativ geladenen Anthropologie löste sich in Gesellschaftskritik auf.

Der Scheitel wurde zur Person. Fast alle schrieben über Friseure im Senegal, Schweizer Punks und Imbissbudenbetreiber auf Haiti so wie man vor einem Kreuzberger Spätkauf die Bierflasche entkorkt. Ich erinnere an Gabriele Goettle.

Überall präsentierte sich „ein freigelegter Oberarm“ (Marie-Luise Scherer) der anmutigsten Darstellung, überall war Ungeheurer Alltag (Michael Rutschky), obwohl die Kunde davon „aus der Hölle kam“ (Theodor W. Adorno).

Doch fußt der ethnologische Eskapismus in einer Manier, mit der Henry Mayhew (1812 - 1887) in der Hochzeit der Afrika-Expeditionen und der spekulativen Ethnologie sich der Armutsarchaik vor der eigenen Haustür widmete. Mayhew trieb Völkerkunde in den Gassen von London und unterschied Stämme von Klans. Hundedieb war zu seiner Zeit ein anerkannter Beruf, jedenfalls in gewissen Kreisen. Oconaluftee zeichnet Mayhew eine Vignette des ehrenden Andenkens im Ahrenshooper, dem Magazin einer pan-epedemischen Surviver-Culture rund um den Bodden und um den Redakteur Grand Slam Coogan.

Oconaluftee camoufliert eine Gossenkarriere. Ihre Nymphomanie erzwingt Scheinheiligkeit und erzeugt Fadenscheinigkeit.

Coogan nimmt Oconaluftee unter die Fittiche seiner Aura. Die Süchtige betrügt ihre Umgebung mit Coverversionen der Bürgerlichkeit. Sie betreibt Fassadenkletterei. Sie erfindet Quellen, schmiert zusammen. Sie relotiust eine der Regierung nahestehende Quelle. Jede Geschichte erschöpft sich im ersten Satz und im Verdruss der Schöpferin.

Die Einheit von Selbsterhaltung und Arbeit erscheint Oconaluftee degoutant. Für sie soll es rote Rosen regnen. Ich Weiteren reicht es ihr, Beachtung zu finden. Oconaluftee träumt von einem sozial Omnipotenten, der sie in seinen Spielräumen allein lässt. Obwohl sie u.a. im 18. Arrondissement großartig wohnt, stinkt das ihres Mannes zu sehr nach Maloche und Manie, um den New Style auf die richtige Weise zelebrieren zu können.

Brüsker Schleim

Wenig unterscheidet Oconaluftee von einem Junkie oder einer Alkoholkranken? Ich weiß es nicht. Die Sucht sprengt Oconaluftee ab und verbietet ihr Normalität. Gerissen unterläuft Oconaluftee die Erwartungen der Garanten ihres Lebens. Schuldverschiebungen erfolgen automatisch.

Oconaluftee verhehlt sich nicht, dass ihr Wesen ein Flickwerk der niedrigen Beweggründe ist. Mal geht sie brüsk vor, mal schleimt sie rum. Sie sieht sich beim Lügen zu

Vor dem angelaufenen Spiegel in der Eingangshalle von Coogans Landhaus fährt sie sich übers Gesicht und sieht sich beim Lügen zu und empfindet nichts.

Gleich mehr.

09:18 07.02.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare