Feministische Paradepersönlichkeit

#Leben Im Nun von Jetzt ist Mutter Courage eine von sich selbst enttäuschte Person, die dazu neigt, sich in den Schatten grandioser Frauen zu stellen.
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Domino-Dior beschreibt in Personen vereinte Gegensätze. Ihre Mutter besitzt eine mietpreisgebundene Wohnung in New York. Sie sei das Beste, was Courage Onkey von ihrem früh ausgeschiedenen Ehemann je erhalten habe. Die Wohnung rangiert vor der Tochter. Sie gestattet der finanziell ewig lavierenden Graswurzel-Aktivistin Raumerlebnisse, wie sie in NY nur reiche Leute kennen. Domino-Dior schildert in meiner Sprechstunde den Fetischcharakter der Wohnung. Das Ding wächst in seiner mentalen Bedeutung für Mutter und Tochter weit über die Quadratmeter-Größe hinaus. Da ist Überfluss, wo sonst nur das Nötigste zur Verfügung steht.

Vom Scheitern

Die leichte Verfügbarkeit des Scheiterns als ursprünglich theologische Kategorie behält ihren vornehmsten Grund in der pastoralen Pädagogik. Zum seelsorgerischen Selbstverständnis gehört die Abklärung des Sprengels. Ihm (im Plural der Gemeindemitglieder) soll seine kläglich-erhabene Stellung im Universum nicht vorenthalten werden. Bis zum Existenzialismus begriff man das Scheitern in allen mehrheitsgesellschaftlich wirkungsvollen Sektoren grundsätzlich theologisch. Camus und Beckett (auch Graham Greene ist hier interessant) gaben in ihren Auseinandersetzungen mit dem Scheitern die theologische Bedeutung des Begriffs nicht auf.

Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better. Samuel Beckett

Das Besondere diente dem Allgemeinen, wie zum Beispiel der trunksüchtig vom Glauben abgefallene Priester als kolonialer Dutzendtyp, der eine Clash-Folge von Christentum, bescheidener Herkunft und Imperialismus repräsentierte. Heute und schon lange wirkt vor allem die Trostfunktion des Schreibens. Es tröstet „die Langsamen im Kopf“ (Silvia Szymanski), über ihr Scheitern zu schreiben. Deshalb statten Autor*innen ihr Personal entsprechend aus: um ihre Niederlagen im Leben literarisch wettzumachen. Wenn Jessica Andrews‘ Heldin in „Und jetzt bin ich hier“ bemerkt:

„London ist auf Geld und Ehrgeiz gebaut, und von beidem hatte ich nicht genug“,

erkennt die Kritikerin in der Feststellung die Weigerung, das Richtige zu tun: nämlich so beschämt wie sang- & klanglos abzurücken; anstatt auf einem Spot der Optimierung ins eingeborene Sediment zu sinken.

Domino-Diors Mutter Courage ist das Produkt einer in die Länge gezogenen Haltlosigkeit. Sie wuchs als Kind unkonventioneller Leute in einer sozialen Ruine auf, nahm einen Anlauf mit Absprung, um die Spannweite ihrer Begabungsflügel zu messen, verlor sich rasch in prekärer Bedeutungslosigkeit mit ödem Job und toxischen Männerbeziehungen, um endlich als vorwiegend lesbische Kunstschmiedin wenigsten noch ein paar kulturelle Blumentöpfe einzuheimsen.

Im Nun von Jetzt ist Mutter Courage eine von sich selbst enttäuschte Person, die dazu neigt, sich in den Schatten grandioser Frauen zu stellen. Domino-Dior beschreibt sie sich als Jüngerin, die ihre Idole mit Selbstverstümmelungsbereitschaft und dem Muskelcharme einer Schweißerin* anhimmelt. Hauptsächlich gibt Courage die brutale Pracht in Punkstiefeln zu Füßen der feministischen Paradepersönlichkeit Lovelle Magic Mikado.

*Kunstschweißerin

Prophylaktische Paarberatung

Domino-Dior kennt nichts anderes als Pleiten, Pech und Pannen in Kombination mit politischer Kunst und Aktivismus. So ist sie aufgewachsen.

Nach wenigen Ausflügen in die Grandiosität kommt Domino-Dior in der Selbstgenügsamkeit allmählich an. Die als Tochter einer Skulpurenmonumentalistin und Politpunkerin unspektakulär Scheiternde feiert Orgien der Abbitte für nie bewiesenen Hochmut. Sie mausert sich zur Liebhaberin von Haikus und Faltenröcken. Sie spekuliert auf spirituelle Sensationen im Reich der Mutter. Darum geht es nämlich, wenn man die Verzuckerungen abzieht. Domino-Dior will gar kein ...

Bald mehr.

11:48 14.02.2021
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