Bürgerliche Rauschgiftbegriffe

LSD/Literatur Don't mess with LSD - T.C. Boyle erzählt diesmal von der Potenz psychoaktiver Substanzen, die den Typus des Drehtürpatienten hervorbrachten. Rein in die Klinik, raus ...
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Die europäischen und amerikanischen Opiumraucher und Kokainisten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts tauchten in Subkulturen unter, die von ihnen kaum kodiert wurden. Die Ginsucht und andere Erscheinung des Armutsalkoholismus bildeten die bürgerlichen Rauschgiftbegriffe. William S. Burroughs rückt die Geschichte seiner Initiation in ein Milieu ausgemusterter Seemänner, die sich in New Yorker Automatencafés gegenseitig versorgten und Versorgungskrisen in Entzugskliniken durchstanden. Schließlich setzte sich Burroughs nach Mexiko ab. In seiner Drogen-Diaspora bekam er nicht mit, wie Junk den US-Mittelstandsnachwuchs infizierte und zur tödlichen Modeerscheinung wurde. Die ersten einschlägigen Nachrichten hielt Burroughs für Fake News. Er glaubte nicht, dass erfahrene Junkies Jugendlichen, die im ersten Verhör ihren Informationsstand preisgeben würden, Drogen verkauften.

T.C. Boyle, Das Licht, aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren, Hanser, 379 Seiten, 25,-

Doch so war es. Es entstand eine Heroinkultur und auf einem ihrer Plateaus entstand der Kult um Halluzinogene. Der Chemiker Albert Hofmann hatte 1943 die „bewusstseinsverändernde, damals und noch lange sagte man -erweiternde“ Wirkung von LSD entdeckt. In Hofmanns konservativ-anarchischer Umgebung wurde die neue Sache im Traditionsgewand intellektueller Haschisch-Séancen etabliert. Ich erinnere an Walter Benjamin. Das „Setting“ griffen Amerikaner auf, allen voran Timothy Leary. Hofmann und Leary (sowie Hermann Hesse) sind Gewährsmänner im jüngsten Werk eines Autors, der seine konstitutionelle Süchtigkeit mit einem belletristischen Dauerfeuer bekämpft.

Er schreibt um sein Leben. Hofmann war ein kühler Schamane, der seinen Eigensinn vor der Welt zu verbergen wusste. So schildert in T.C. Boyle. Ich bin sofort zuhause in der verstiegen-verschwiegenen Basler Sandoz-Hexenküche. Die Archetypen der Druiden des Handlungsjetzt und die Vorläufer ihrer Paredroi offenbaren sich seit jeher bei der alemannischen Fastnacht. Hofmann experimentiert mit einer geringen Dosis, er vergiftet sich selbst und notiert die Symptome „Angst, Schwindel, Sehstörungen, Lachreiz“.

T.C. Boyle lässt Hofmann auf einem Romanvorplatz stehen. Der Autor springt in das Jahr 1962. Psychoaktive Substanzen versprechen eine Revolution der Psychoanalyse, sie setzen „das Unbewusste frei“ und „verarbeiten ungefiltert Sinneseindrücke“.

Jedenfalls glaubt das Tim Leary. Der an der Harvard Universität in Cambridge, Massachusetts, lehrende Psychologe hofft, Freud mit LSD wie in einer Rakete hinter sich lassen zu können. Alle sind auf dem Weg zum Mond. Jede Fakultät hat ihr eigenes Raumfahrtprogramm. Die freie Welt fiebert. Tim zählt sich zu ihren Pionieren, er kann jetzt keine zaghaften Doktoranden gebrauchen.

Turn on, tune in, drop out.

Tim zieht Fitzhugh Loney in seinen Bann. Fitz ist T.C. Boyles Erzählagent. Zunächst verliert sich der angehende Psychologe in dem Menschenwirbel, der um die akademische Sonne am psychedelischen Horizont kreist. Tim ist heiß. Er hat das Ticket für die Zukunft. Das erzählt T.C. Boyle in einem „Jazz, Gin und Geplauder“-Stroboskop-Stil, der mich an Stanley Kubricks Lolita-Verfilmung von 1962 denken lässt. Die Swinging Sixties sind noch gar nicht da. Außerhalb der Avantgarde-Refugien lehnen James Dean- und Gene Vincent-Verschnitte tödlich gelangweilt in endlosen Kleinstädten an Musiktruhen und hören Lieder von Buddy Holly, die Paul Anka geschrieben hat (Relotius-reloaded).

Tim feiert Partys zu Forschungszwecken, seine Doktoranten und ihre Partner*innen dienen als Probanden. Fitz gibt seine Reserve auf. Er ergibt sich Tims Charisma. Mit seiner Familie reist er im Magic Bus erst nach Mexiko und dann nach Millbrook im Dutchess County von New York. Da scheint sich die Love & Peace-Acid-Vision/Version in der Wirklichkeit eingeschlichen zu haben.

„Aber ein Idyll kann natürlich nicht von Dauer sein.“

21:28 06.02.2019
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