Charmanter Stützstrumpf

Theater Die Brücke als moralische Anstalt - Josua Rösing inszeniert Siegfried Lenzens “Feuerschiff” hemingwayesk am Deutschen Theater
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Die Bühne erinnert an einen Pfahlbau. Sie verkörpert eine Brücke als nautische Entscheidungsarchitektur. Die Brücke ist von jeher der Schauplatz des Willens eines Mannes. Der Kapitänswille wiegt jederzeit schwerer als die Einwände von Hundert. In Siegfried Lenzens Erzählung “Das Feuerschiff” wird diese refraktäre Totalität in einen Zustand der Durchlässigkeit überführt. Ein fremder Wille taucht auf in der Gestalt des schiffsbrüchigen Doktor Caspari. Der kriminelle Anwalt verlangt, dass Kapitän Freytag die Anker seines Feuerschiffs lichtet und so seine Position zum Nachteil anderer Seefahrer preisgibt.

Das ist die Spielanordnung. Ihr Reiz liegt darin, dass die Konsequenzen von Entscheidungen randalierend zutage treten und den Handlungsfolgen nicht ausgewichen werden kann. Der unkriegerische Lenz lässt einen auf Ausgleich bedachten Kapitän auf den Grund der Skrupellosigkeit laufen. Das erste Treffen der Kontrahenten nimmt dem Zuschauer die Hoffnung auf Spielräume und Torchancen der Gerechten. Trotzdem bleibt die Sache spannend.

Feuerschiffe ersetzen Leuchttürme. Freytags Feuerschiff soll außer Dienst gestellt werden, die Mannschaft bestreitet ihre letzte Wache, es ist die Rede von Freytag, seinem Sohn Fred, dem unsichtbaren Funker Philippi so wie der Krähe Edith von Laboe. Auf der anderen Seite übernehmen mit Caspari die Kaperbrüder Eugen und Edgar Kuhl das Kommando. Owen Peter Read spielt die Verwandten in Personalunion mit einem Wahnsinnsgruß von Klaus Kinski. Sein Repertoire kommt auch aus der Splatterabteilung. Hans Löw spielt den Freibeuter als unter die Räuber gegangenen, seelisch längst gestrandeten Bourgeois. Timo Weisschnur spielt den Sohn in Auflehnung gegen einen zaudernden Vater. Man möchte ihm unter die Arme greifen und seinem Aufruhr gegen die havarierten Halunken Tatkraft leihen. Leidenschaftlich empört sich Fred gegen einen Mann, der passiv bleibt, wo aktiv angesagt ist. Doch steht außer Frage, dass Freytag seinen inneren Appellen folgt und er mit sich im Reinen bleibt. Was ihn verfolgt, fristet ein Dasein als Gerücht von einer unterlassenen Hilfeleistung. Ich erzähle das nicht, die Inszenierung umrundet lange die Verfehlung und ihre narrative, mythologisch an Prometheus gekettete Umgebung.

Ulrich Matthes sieht dem Kapitän, so wie Lenz ihn schildert, verblüffend ähnlich: “Freytag war ein alter Mann mit magerem Hals und hautstraffem Gesicht, seine wäßrigen Augen tränten unaufhörlich; obwohl sein untersetzter Körper gekrümmt war, verriet er noch etwas von der Kraft, die einst in ihm gesteckt hatte oder immer noch in ihm steckte. Seine Finger waren knotig, sein Gang säbelbeinig.”

Freytag tarnt seine Indolenz mit den Floskeln der Umsicht. Das ist kaum zu ertragen. Ständig findet er Ausreden. Er gibt sein Schiff auf, behauptet indes, es zu bewahren und die Ordnung an Bord aufrecht zu erhalten.

Matthes veröffentlicht diese Verhaltensbodenlosigkeit mit der Mimik eines an Land gespülten Karpfens. Er süffelt den eigenen Speichel, macht blöd auf überlegen und salbadert den Schneid des Sohnes ins Abseits.

Caspari hält Volksreden der Verbundenheit mit dem Feind als einem beinah göttlichen Schauspiel. “Jeder Mensch gleicht seinem Gegner.”

Casparis Attitüde wirkt porös. Die Situation stellt aber keine echte Herausforderung dar. Er spielt eine Art charmanter Stützstrumpf für Freytag, dass der ihm nicht zu früh aus den Latschen kippt.

Im Stück werden Verluste zugespitzt, bis die Sinnlosigkeit einer vorgeblich pazifistischen Haltung zum verkehrten Weltprogramm wird. Beim traumatisierten Lenz dominieren Ambivalenzen. Gewaltlosigkeit und die Verweigerung des Heldentums sind Säulen, die lediglich erschüttert werden. Den Autor rettet der Existenzialismus.

Kein Held und kein Märtyrer: “Denn beide sind mir immer verdächtig gewesen: sie sterben zu einfach."

John von Düffel hat sich die Erzählung vorgenommen. Sein Text nimmt Lesarten den Atem, die am Versagen des Kapitäns zweifeln. Im Deutschen Theater sieht man nur die camouflierte Untätigkeit/Unfähigkeit des Kapitäns.

10:17 05.07.2016
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