City of Troubles

Brain Thundergod* vernimmt Echos der Vergangenheit im verschwiegenen Hass
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Das Lob der Anderen

Aus meiner Besprechung von Kerstin Cantz' Roman „Fräulein Zeisig und der amerikanische Freund“ zitiert der Knaur Verlag:

„Rassismus in all seinen Spiel- und Tonarten ist ein großes Thema in Kerstin Cantz' grandioser Boulevardrevue.“ Jamal Tuschick, Blog Tuschicks Textland

„Mit Proust‘scher Präzision beschreibt Kerstin Cantz nächtliche Sensationen um 1960 in Amerikas europäischer Puppenstube. Wir nannten sie Bundesrepublik Westdeutschland.“ Jamal Tuschick, Blog Tuschicks Textland

Sehen Sie ferner https://www.textland-online.de/index.php?article_id=3433

Letícia Debinhúa-Kimura wägt das Schweigen in der seelischen Topografie des Belfaster „Herzlandes“. Im verschwiegenen Hass vernimmt sie Echos der Vergangenheit. Die Stadt der Troubles wurde in der Post-Konflikt-Ära neoliberal abgestempelt. Letícia spricht von einem „neuen neoliberalen Revanchismus“, in dem die Friedensdividende an die alten Usurpator:innen ausgeschüttet wird.

Guten Tag, mein Name ist Brain (nicht Brian) Annabelle Texas Thundergod*. Ich bin Therapeutin. Gerade unterhalte ich mich mit Letícia über geteilte Städte und Länder. Auf Zypern bringen manche ihr Wasser mit, um auf der anderen Seite keinen Cent lassen zu müssen. Die Insel ist seit 1974 geteilt, seit 2003 gibt es Übergänge vom griechischen ins türkische Lager. Das Misstrauen geht mit, erklärt Letícia. Das ist wahr, aber nicht die ganze Geschichte. Tomaten, Spargel und Tabak aus den besetzten Gebieten, Fisch aus Pyla (einer Gemeinde der historischen Koexistenz), auf dem Larnaka Flughafen gelandete Touristen, prekäre Migranten auf der Mogadischu-Nairobi-Istanbul-Ercan-Green-Line-Route passieren die Grenze ohne den zypriotischen Widerwillen. So vieles hintertreibt die Segregation. Die architektonische Textur kombiniert hellenische, türkische, gotische, venezianische und sarazenische, also lateinische und islamische Elemente. Es gibt einen armenischen Einfluß.

Letícia zitiert eine griechische Zypriotin mit den Worten: „Wir werden das Wasser der Türken nicht trinken.“ Türkische Musik im Radio kommt auf der griechischen Seite als Krach an.

Nikosia - Lefkosía - Lefkosa - Für orthodoxe Pilger ist der Ausflug in die muslimische Zone eine Zeitreise. Alles erscheint ihnen wie eingefroren. Griechische und türkische Zypriot:innen haben sich mehr angetan als protestantische und katholische IrInnen. Hier wie da dient der Religionsgegensatz einer Erklärungsvereinfachung. Der Nordirlandkonflikt (Troubles) wird von manchen Autor:innen als ethnische Auseinandersetzung beschrieben. Die Konfliktlinien verlaufen durch die Geschichte zwischen der ursprünglichen Bevölkerung und den von der englischen Krone angelockten, wenn nicht zwangsangesiedelten protestantisch-privilegiert Dazugekommenen. Die Engländer:innen, Schott:innen und Waliser:innen erschienen in Irland als Usurpator:innen. Sie dominierten die Eingesessenen wirtschaftlich, und wurden mit der Kolonialmacht identifiziert. Sie bildeten die Oberschicht. Sie waren Brit:innen, Bürger:innen des Empire, Angehörige einer Weltmacht.

Die eingesessenen Katholik:innen waren Kolonisierte, ohnmächtig bis auf den Strunk. Dieser Zumutung wurde erst im Jahrhundert der Dekolonisation ein in der Welt widerhallender Widerstand entgegengebracht. Der Rest ist Schweigen, sagt Seamus Heaney.

„Whatever you say, say nothing.“

05:36 01.07.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentarfunktion deaktiviert

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert. Deshalb können Sie das Eingabefeld für Kommentare nicht sehen.

Kommentare