Skrupelloser Charme

Literatur Mehr zu John Boynes Roman „Die Geschichte eines Lügners“ - Nach einem steilen Anlauf scheint Boynes unangenehmer Held Maurice im unteren Mittelfeld gestrandet zu sein.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Kleinod der Infamie

Jahrelang kriegte Maurice Swift kein Opponent von der Siegerstraße. Der in einer harten nordenglischen Schule gut präparierte Bloodbaby-Boomer setzte sich nahtlos durch. Seine Hauptwaffe war skrupelloser Charme. Gleich danach kam die Genussfähigkeit ohne Reue. Virtuos spielte er auf dem Klavier der Faszination, die sein gutes Aussehen wie einen Brand verursachte.

John Boyne, „Die Geschichte eines Lügners“, auf Deutsch von Maria Hummitzsch und Michael Schickenberg, Piper, 423 Seiten, 24,-

Erfahrene Männer, denen die niedrigen Beweggründe des Aufsteigers nur zu deutlich vor Augen standen, konnten sich gegen ihre Anfälligkeit nicht wehren. Zuerst auf der Strecke blieb Erich Ackermann. Er starb als „Faschist“ in der Konsequenz einer bizarren Täter-Opfer-Umkehr, die Maurice eingeläutet hatte.

Ich erzähle die Binnengeschichte jetzt nicht. Ich sage nur, sie ist ein Kleinod der Infamie. Aber auch Maurice verliert schließlich seine Rolle als Götterliebling an jüngere Aufreißer. Der eminente Spielcharakter des Lebens offenbart sich zumal in den Beiträgen eines semi-fiktiven Gore Vidal. Boynes Gore zwingt ein Genie à la Wilde zu einer, seine Bestform leider lange überdauernden Überhebung als Generalbewegung eines Auserwählten.

Alles muss geschliffen sein und zum Bonmot gerinnen. Man scheißt auf einer vergoldeten Kanzel und benutzt parfümiertes Toilettenpapier. Die Manierismen grassieren mit den Falten um die Wette.

Was ist Gore in Wahrheit? Ein greiser Spanner, der davon träumt, einen jungen Körper mit echter Lieber erfüllen zu können, während er doch in der Verantwortung für den antiken Gefährten lebt und seine Geschäfte entsprechend der Frage Wer überlebt wen? eingerichtet hat.

Mir ist das zu gesellschaftlich.

Ein alter Löwe sollte aus sich keine Auslegeware machen. Im Luxus genügsam zu schwelgen: das verstehe ich unter finaler Prächtigkeit.

Als Gast in Vidals Villa an der Amalfiküste battelt sich Maurice mit dem indignierten Giganten (so sieht sich Gore). Der Underdog schlägt sich gut. Ihm geht völlig ab, worunter Helden der Oberschicht so furchtbar leiden. Er kennt keine Scham. Sein Rotz kratzt ihn nicht. Er will nur nach oben.

Doch zeigt sich zügig, wie limitiert der Ehrgeiz ist.

Ein paar Jahre später gehört Maurice zum alten Eisen. In der Wahrnehmung des Nachwuchses war er mal Schriftsteller.

Gleich mehr.

Edelverschnitt

Die von ihrem Lebensstil und ihren Aversionen angegriffenen Vidals haben ihre Swifts von jeher. Sie erziehen sie sich zu unverschämten Domestiken ihrer Lust und ihrer Bequemlichkeit. Manchmal suchen die Vidals auch die Gefahr, die von gierigen Underdogs ausgeht. Ich möchte jetzt nicht von Pasolini anfangen. Der Spiegel marktseierte 2015: „Faschisten, Kommunisten, Katholiken: Keiner mochte Pier Paolo Pasolini. Doch wer brachte ihn um? Seit vierzig Jahren rätselt Italien.“

“There are no more human beings, only strange machines colliding towards each other.” PPP

„Das anstößigste Werk, das jemals erschienen ist.“ So bezeichnete Klaus Theweleit die „120 Tage von Sodom“.

Eingebetteter Medieninhalt

Oscar Wilde versus Patricia Highsmith

“Style is knowing who you are, what you want to say, and not giving a damn.” Gore Vidal

“Fashion is what one wears oneself. What is unfashionable is what other people wear.” Oscar Wilde

Zu offensichtlich ahmt Gore Vidal Oscar Wilde nach. Gore wirkt als Edelverschnitt. Mit ihrer eleganten Intelligenz und einer Inklination zum Eigenen verlängert die US-Ostküsten-Ikone die Spielfigur des Anglo-Aristokraten aus der Kraft des subversiven Geistes.

John Boyne spekuliert auf automatische Erträge, die Gores Genie abwirft. Er setzt das Feine dem Groben aus und manchmal auch einem rivalisierenden Schliff, und zwar immer dann, wenn er Highsmith' talentierten Mr. Ripley in der Gestalt des ehrgeizigen Zöglings Maurice Swift nicht einfach nur als Durchstecher und Hochstapler verkommen lässt.

Die von ihrem Lebensstil und ihren Aversionen angegriffenen Vidals haben ihre Swifts von jeher. Sie erziehen sie sich zu unverschämten Domestiken ihrer Lust und ihrer Bequemlichkeit. Manchmal suchen sie auch die Gefahr, die von gierigen Underdogs ausgeht. Ich möchte jetzt nicht von Pasolini anfangen. Der Spiegel marktseierte 2015: „Faschisten, Kommunisten, Katholiken: Keiner mochte Pier Paolo Pasolini. Doch wer brachte ihn um? Seit vierzig Jahren rätselt Italien.“

Zum Glück bringt die Erzählerinstanz, die ich gewiss nicht mit Boyne verwechseln werde, genug Sympathie für den Aufsteiger Maurice mit, um ihm für einen Fight das nötige Format zu geben. Die Ruchlosigkeit des von Gore idealtypisch repräsentierten Jetsets, der sich keine Zwänge auferlegt und sich auch nicht ernsthaft an die Rechtsordnung gebunden fühlt, zimmert sich immer mal wieder einen Gegenspieler, der zwar wie ein Elefant im Porzellanladen erscheint, aber trotzdem die High Society effektiv erschüttert.

Es tut mir beinah leid, Maurice so episch ins Geschehen zu rücken. Allein, er erfüllt die Bedingungen, indem er schlagfertig bleibt und seine eigenen Interessen in der Inferiorität zu wahren weiß.

„Fasziniert betrachtete Gore das Gesicht des Jungen. Er hätte nicht mit Sicherheit sagen können, was er gerade dachte, aber über den Ausdruck allein hätte er tausend Worte schreiben können.“

Gore bekennt heimlich, Nixon als Galionsfigur am Windjammerbug seiner besten Jahre zu vermissen. Wenigstens schaut Jackie manchmal noch vorbei, sofern sie in der Gegend ist.

Wenn die Bedeutung abnimmt wie der Mond

Die Vidal-Episode spielt um das Jahr 1990. Gore rechnet so. In der Kennedy-Ära gehörte ihm das Weiße Haus so gut wie der Präsidentenfamilie. Lyndon B. Johnson ignorierte den Bonvivant. Nixon lud Gore immerhin zweimal ein. Ford konnte ihn nicht leiden. Carter verstand ihn nicht. Reagan nahm ihn nicht für voll. Bush (Senior) weiß gar nicht, dass es ihn gibt.

Sottisen der Empfindsamkeit

Der schreibende Kellner und hemmungslose Plagiator Maurice Swift ködert den alten Schriftsteller Erich Ackermann mit Sottisen der Empfindsamkeit à la „Ich war auf dem Friedhof Père Lachaise“, um Oscar Wilde an seinem Grab zu würdigen.

Eingebetteter Medieninhalt

Zum ersten Mal in Paris war ich im Mai Neunundsechzig. Ich zählte zum Tross einer meiner reichsten Verwandten. Gunther, der Mann einer Schwester meiner Mutter, stach als Erbe einer Pforzheimer Uhrenfabrik die durch die Bank bei Bosch, Porsche so wie beim Daimler beschäftigte und in jedem Fall gut gestellte Onkel- und Großonkelriege aus. Er war der König aller Onkel und sowohl in meiner Kinderphantasie als auch in meiner Erinnerung so ausschweifend wie der Schah von Persien in seiner Glanzzeit. Mit Tante Heidrun und Onkel Gunther war ich im Amphitheater von Verona. In ihrer Gegenwart aß ich zum ersten Mal Prosciutto e Melone. Als Gast in ihrer Villa durfte ich Coca-Cola trinken und in einem Gästezimmer mit eigenem Fernseher übernachten, während meine Eltern noch nicht einmal ein Telefon hatten.

Nun also Paris. Im Schatten von Platanen sitzen wir vor einer Gaststätte. In der allgemeinen Aufregung finde ich angenehm wenig Beachtung. Ich beobachte eine schöne Frau am Nebentisch, die Weißwein aus einem beschlagenen Glas trinkt und eine Zigarette nach der anderen raucht. Da kommt ein Mann mit der Kragenweite eines Marcello Mastroianni. Die Frau erhebt sich, um sich französisch begrüßen zu lassen. Die beiden erscheinen mir aufs Beste verheiratet.

Sie berühren sich, lachen miteinander, küssen sich auf den Mund. Doch dann streifen sie ihre Eheringe ab und versenken sie in der Neige eines Glases. Sofort erheben sie sich, als gehorchten sie Regieanweisungen. Sie küssen sich noch einmal zum Abschied und berühren sich auch noch einmal an den Händen, bevor jeder in eine andere Richtung strebt.

Okay, das habe ich nicht erlebt, sondern Erich, der eher trostlose Held in Boynes Lügner-Roman. Der Punkt ist, dass sein Assistent Maurice in der Manier eines Eckermanns, jedoch mit weit eigensüchtigeren Absichten das Erlebnis aufschreibt. Er hat es auf dem Père Lachaise“ versäumt und musste es sich erzählen lassen.

Maurice reklamiert Erichs mit Schlussfolgerungen angereicherte Beobachtungen für sich. Er beklaut seinen Verehrer hemmungslos.

Ich will mich der Sache noch einmal anders nähern. Erich genießt einen „Rosé im Schatten einer Kastanie vor einer Bar in Montmartre, während (er) die letzten Minuten einer Ehe mitverfolgt. Eine Frau Ende vierzig, sehr attraktiv …“ Den Rest kennen Sie. Maurice kreuzt auf und erzählt sein Friedhofsgedöns. Abends liest Erich an prominenter Stelle. Shakespeare & Company war bereits für James Joyce eine wichtige Adresse. Ich erinnere sogar den Namen der Buchhandlungsgründerin: Sylvia Beach.
Maurice begleitet den Gefeierten nach New York. Die Welttournee des aktuellen Price-Trägers endet in Amsterdam. Erich kehrt zu seinem Lehreralltag in Cambridge zurück. Maurice debütiert mit Erichs Lebensgeschichte. Der Ausschlachtung folgt die Vernichtung. Der Günstling denunziert seinen Mentor.
Über Nacht verliert Erich alles. Die Verfilmung seines Bestsellerromans wird gestoppt. Sein Arbeitgeber kündigt ihm. Sein Verlag trennt sich von ihm.

Kein Aschenbach unserer Tage

Anders als Thomas Manns Gustav von Aschenbach beschränkt sich der spät berühmt gewordene Schriftsteller Erich Ackermann nicht aufs Schwärmen. Er geht die Risiken sexueller Handfestigkeit mit einem viel jüngeren Mann ein. Der schöne Maurice qualifiziert sich als Fan eines durchgreifenden Aschenbachs unserer Tage. Man glaubt, die Geschichte schon hundert Mal gelesen zu haben. Sie behauptet einen Platz im kollektiven Gedächtnis. In einer Vorhölle der Indolenz, die von einem absurd späten Ruhm zusätzlich angeheizt wird, findet sich der halbgreise Erich in einer vertrackten Lage wieder. Sein sozialer Status als erfolgreicher Schriftsteller macht ihn attraktiv. Seine biologische Situation widerspricht der Ansage.

Maurice begrüßt die Avancen des Solventen. Erich ist aber zu spät an diesem Punkt angelangt. Ihm fehlt die Souveränität jener, die glauben, ihren Erfolg verdient zu haben, weil (so wie sie es sehen) mehr in ihnen steckt als im faden Rest.

Am besten wäre, Erich hielte die Gunstbeweise des schicken Anfängers für nichts Besonderes. Jeder Könner kriegt einen Bonustrack des Lebens, wenn auch nicht gratis.

Indem er ihn freihändig zitiert, schmeichelt Maurice dem alten Erich. Der Autor stellt die Peinlichkeit der Szene wie die Vase einer unbeholfenen Freizeittöpferin aus. In der Wiedergabe kriegt Erichs unvollkommene Lyrik den Todes-Peak Richtung Wahnsinn. Die ganze Einsamkeit vergeblicher Kunstanstrengungen spielt sich in der Deklamation auf. Man möchte partout nicht Zeuge solcher Exzesse verfehlten Ehrgeizes werden.

Erich muss Maurice zu nichts überreden. Der Subalterne nutzt das Interesse des Arrivierten als Brücke zu seiner Beförderung. Erich macht ihn zu seinem Assistenten und lässt sich von ihm auf einer Promotiontour nach Kopenhagen begleiten.

So stellt sich der Auftakt in einem Ausbeutungsverhältnis dar, dessen Intermezzi vor allem Erichs Befangenheit illustrieren. Der von Haus aus Betuliche begibt sich auf lauter Vorsprünge seines in der Stille beheimateten (nun nicht mehr stillen) Seins.

Maurice täuscht denEckermannvor. Doch verfolgt er mit seinen Aufzeichnungen einen dunklen Zweck. Der Sohn eines Schweinebauern bemächtigt sich einer tragischen Lebensgeschichte mit lauter empathischen Nachfragen.

„Jetzt sind sie Bauern, Bergleute, Lehrer. Keiner von ihnen ist je verreist, noch nicht mal aus Yorkshire sind sie rausgekommen. Aber mir hat das nie gereicht.“

So redet Maurice über seine Leute. Er denunziert sie. Das heißt, er denunziert jeden.

Erich öffnet sich und tritt über seine Ufer. Er verliert die Kontrolle an sein Begehren. Er lobt dem Skrupellosen ein Stipendium aus und bindet ihn weiter an sich. Zu seinem Nachteil vermutlich.Dazu bald mehr.

Was außerdem geschah

John Boynes Held Erich Ackermann verguckt sich im Berliner „Savoy“ in den schreibenden Kellner Maurice Swift.

Eingebetteter Medieninhalt

„Sinnlich vertieft“ und „unter erotischer Spannung“ entstehen nach einem langen produktiven Leben späte Szenen im Rahmen eines verschleppten Höhepunkts. Der von Marcel Reich-Ranicki über dessen Tod hinaus als größter deutscher Gegenwartsautor gefeierte Thomas Mann reagierte zum Schluss noch einmal auf die Erscheinung eines Adoleszenten, so wie er es im „Tod von Venedig“ voraussah. Der unter Altersmelancholie ächzende Autor Aschenbach verzehrt sich in der Novelle nach Tadzios „klassischer Schönheit“ auf die schüchternste Weise. So begegnete Mann, den man vernünftigerweise für einen Vollender des 19. Jahrhunderts hält, selbst dem Kellner Franz Westermeier 1950 in einem Schweizer Hotel. Der „göttliche Knabe“ diente einem Mann im Reinen mit sich selbst als letztes Idol.

„Ich bin eben gnädig geführt worden von einem Schicksal, das es zwar streng, darunter aber immer grund-freundlich mit mir meinte.“

Der lange Anlauf dient folgender Feststellung: John Boynes Held Erich Ackermann verguckt sich im Berliner „Savoy“ in den schreibenden Kellner Maurice Swift.

Eingebetteter Medieninhalt

Später Erfolg

In einem Brief aus dem Jahr 1953 verschanzt sich Samuel Beckett hinter seinem schlechten Deutsch. Eine Entschuldigung dient ihm zur Wiederholung drastisch gegen Deutschland gerichteter Ansichten. Auch John Boynes Held Erich Ackermann bringt halb entschuldigend ein ungeliebtes Deutsch in Anschlag. Der gebürtige Berliner verbrachte seine Glanzzeit als Hochschullehrer am King‘s College.

Ein in Jahrzehnten erfolgloser Schriftsteller veröffentlicht an der Schwelle zum Pensionsalter einen Kracher. Der späte Erfolg verweist wie zum Hohn auf das Entgangene, nie Gelebte.

Der Expatriierte schrieb in der Freiheit akademischer Routinen passioniert eine Reihe unbeachteter Romane und setzte dem Schlendrian semi-öffentlichen Privatisierens die Krone einer „unüberlegten Gedichtsammlung“ auf.

Der Ruhm kam wie ein Schlag aus dem Nichts.

Das ist der Romaneinstieg. Wir sehen Ackermann in der Lobby eines Berliner Hotels, dem Literaturhaus in der Fasanenstraße nah.

Am Vorabend hatte der Schriftsteller einen Termin an prominenter Stelle. Nun sitzt er beim Qualitätsriesling, der Verlag freut sich, für alle Kosten der Opulenz aufkommen zu dürfen. Für Ackermann ist das eine neue Erfahrung. Er genießt mit Vorsicht, so wie man erst einen Zeh ins kalte Wasser taucht, bevor man einen ganzen Fuß aussetzt.

Präludium

Eingebetteter Medieninhalt

“It is not enough to succeed. Others must fail.“ Gore Vidal

Gore Vidal trägt „scharlachrote Slipper, die Gianni Versace eigens für ihn gefertigt“ hat. Das ist der Einstieg in den zweiten Romanteil.

Gore „schaut auf das Tyrrhenische Meer. Er trägt eine Leinenhose, ein am Hals aufgeknöpftes weißes Hemd und ein Paar ...“, siehe oben.

"A narcissist is someone better looking than you are." Gore Vidal

Boyne gestattet seinem Gore-Verschnitt einen Ritt über die Prärie reicher & prominenter Homosexualität. Vergleichen Sie das Original mit Boynes Auffassung und Sie werden sich einer Regung im Spektrum der unangenehmen Berührung nicht erwehren können. Der Autor verfehlt den Kollegen. Er gibt Gore die Attitüde eines Parvenus, der sich in seiner Exklusivität räkelt. Kurz gesagt, man muss Boynes Gore so begreifen, als gäbe es keinen anderen. Dann kommt man voran.

Was ist der Dreh im zweiten Romanteil?

Erich Ackermann, der ab- und ausgeweidete und endlich geschlachtete Held des Anfangs, begegnet der Versuchung in Gestalt eines jungen Mannes arglos. Maurice Swifts Skrupellosigkeit geht dem alten Erich erst auf, als es für alles zu spät ist. Im zweiten Durchgang trifft Maurice den mit allen Wassern gewaschenen Gore. Man liest die Szenen der Annäherung in Erwartung eines Duells.

Ich setze auf Gore.

Maurice erscheint nicht allein an den Gestaden des Tyrrhenischen Meers. Dash Hardy legitimiert den Verführer an einem gesegneten Flecken westlich der Apennin Halbinsel zwischen Sardinien, Korsika und Sizilien.

„Dash, der arme wehrlose Dash“, denkt Gore. Er sieht einen Hingerissenen und geradezu Weggetretenen neben dem akkurat verlottert auftretenden Maurice, diesem Chameleon der Gepflogenheiten. Er traf den richtigen Ton bei dem seelisch vereinsamten Erich, und so macht er auch in der Gesellschaft des Gesellschaftslöwen Gore nichts falsch.

Trotzdem warnt Misstrauen den vom Glück Begünstigten.

„Gore hätte die ganze Nacht lang mit Namen um sich werfen können. Er hatte schon immer jeden gekannt, den es zu kennen galt, und kannte immer noch jeden.“

Das Weitere gestaltet sich leider sehr überschaubar. Maurice macht Aufsteigerfehler, die allen außer Gore entgehen. Der reich Geborene rümpft die Nase über den erbitterten Ehrgeiz seines Gastes.

Er lässt sich nicht bestechen, wie ich es vorausgesagt habe. Jeden Morgen vertreibt er düstere Nachtgedanken bei einem Spaziergang an der Amalfiküste. Gore ertappt sich bei einer Sehnsucht nach der Nixon-Ära. In diesem Augenblick kehrt meine Aufmerksamkeit zurück. Ich sehe Gore gemeinsam mit Bianca Jagger und Andy Warhol imStudio 54.

“Andy Warhol is the only genius I’ve ever known with an IQ of 60.” Gore Vidal

Beischlafmanieriertheiten

Der amerikanische Edelmann nimmt die eigenen Leichen im Keller zum Anlass, um die Frage aufzuwerfen: Was darf man erzählen?

Dies vor dem Hintergrund, dass sich Maurice das Vertrauen eines arrivierten Kollegen erschlichen hat, um es zu missbrauchen.

Gibt es ein Recht auf kollegiales Schweigen?

Als ich jung war, galt allgemein als ausgemacht, es wird alles erzählt, um es zu verschweigen. Inzwischen führt man dieses Gespräch auf einer brüchigeren Basis; so als sei nicht das ganze französische 19. Jahrhundert von Baudelaire über Flaubert bis zu den Brüdern Goncourt Klatsch ohne Ende gewesen. Beischlafmanieriertheiten mit dem Zylinder auf dem Kopf und der Zigarre im Mund fanden Eingang in Aufzeichnungen. Ich denke dabei an Guy de Maupassant, der sich von einem Notar ins Bordell begleiten und sich von dem Vereidigten sechs Samenergüsse amtlich bestätigen ließ. Maupassants Formulierung war geschraubter.

Ein talentierter Mr. Ripley unserer Tage

Der schreibende Kellner und hemmungslose Plagiator Maurice Swift ködert den alten Schriftsteller Erich Ackermann mit Sottisen der Empfindsamkeit à la „Ich war auf dem Friedhof Père Lachaise“, um Oscar Wilde an seinem Grab zu würdigen. Zu denken ist in seinem Fall an den skrupellosesten aller hochbegabten Stapler: Patricia Highsmith‘ „Mr. Ripley“. Im zweiten Romandurchgang antichambriert Maurice in einer Strandvilla an der Amalfiküste. Sie gehört dem US-Expatriierten Gore Vidal. Gore durchschaut den „Freund“ seines alten Kumpels Dash in der Logik stigmatisierender Kategorisierungen. Wie hält der Kerl die Gabel? Etc. Jetzt müsste Maurice eine Gegenkultur aufbieten und als Underdog den Kettentanz aufführen, das heißt, mit hausgemachtem Existenzialismus auftrumpfen. Stattdessen lässt er sich wohlig durchschauen: als abgefeimtes Früchtchen.

Eingebetteter Medieninhalt

Lasst uns mal über Charakter reden.
Gore gibt Maurice die Gelegenheit, sich abschätzig über seinen Gönner Dash zu äußern. Und was macht der Protegé? Er setzt den Kollegen herab, der ihn vor Ort eingeführt hat. Der Weltmann in seiner Villa am Tyrrhenischen Meer registriert den Höllengestank der Illoyalität. Sein innerer Seismograph zuckt förmlich zusammen.

Aber dann interessiert sich der halbgreise Hausherr in seinem vollkommenen Ennui doch wieder nur für die Soße, in der die Meeresfrüchte zum Mittagessen schwimmen.

„‚Ich?‘, fragte Gore, der gerade mit drei fachmännischen Griffen eine Riesengarnele aus der Schale löste, in Cassiopeias köstliches Chilidressing tunkte und sich in den Mund schob. Es gab Hunderte von Gründen, den Herbst seines Lebens …“

Gore spannt mit dem Fernglas das Treiben muskulöser Dorfbuben ab. John Boyne schildert Gore als lüstern-genügsamen Guardone. Dieser Gore braucht nicht viel für die Erfüllung im Hausgebrauch. Im Grunde kann er alles selbst machen, aber wenn ihm ein hübscher Mann die Hand leiht, ist das sehr okay. Nur, mehr muss nicht sein.

Ich glaube, das ist ein Merkmal begabter Leute: dass sie sexuell einfach gestrickt sind und auf den Kostümfesten der Elaborierten stets deplatziert wirken. Das macht ja auch ihren Reiz aus, diese narzisstische Easyness, sprich Unabhängigkeit.

“There’s only one thing that counts. It’s who lives to write the verdict on the others.”Gore Vidal

Es hört nicht auf, mich zu irritieren, wie wenig Boyne dem Idol Gore Vidal gerecht zu werden versucht. Gore erschien bereits Ende der Sechzigerjahre überlebensgroß. Er trat gegen den rustikal austeilenden Norman Mailer an. Mailers Problem: er konnte seinen Antifeminismus nicht für sich behalten, während Vidal als Schwuler nicht auf den Feindeslisten von Betty Friedan, Germaine Greer und Susan Sontag landete. Mailer brachte es fertig, im TV so aus sich herauszugehen:

“I’m not going to sit here and listen to you harridans harangue me.”

Vielleicht auch auf Mailer gemünzt, schrieb Germaine Greer: “Women have very little idea of how much men hate them.”

Vidal agiert auch an der Amalfiküste als Ikone der liberalen US-Ostküste. Er fühlt Maurice auf den Zahn und bringt Dash in Verlegenheit. Seine Überheblichkeit ist nicht zu stoppen.

Versucht er Maurice zu entlarven? Will der Elitäre den Straßensmarten bloßstellen?

Wie auch immer. Maurice liefert der nobilitierten Selbstgewissheit einen Kampf bis auf das Messer der Unverschämtheit. Die Schwächen eitler Alt-Galane sind ihm vertraut. Auf dem Klavier kann er spielen. Er sieht die Nähe zur Inkontinenz, riecht den Mief der Betagtheit, analysiert das Redundanzprogramm.

Gore hat das Beste hinter sich, Dash spielte immer schon Kreisliga.

Das gefällt mir jetzt wieder. Wie Boyne den von Haus aus eher lächerlichen Ehrgeizling Maurice im Wohnzimmer eines kolossalen Ruheständlers seine Form finden lässt.

Maurice fintiert, taucht ab, täuscht vor und kommt stets zurück in der Gewissheit, dass seine Gegner angeschlagen sind.

Das ist sein Match, sein Entrée, seine Chance, Gores juvenile Prophezeiung -

“There’s only one thing that counts. It’s who lives to write the verdict on the others”

- ganz anders als intendiert wahr werden zu lassen.

Mir ging das gestern Abend durch den Sinn, nachdem Regina den Tod von Ludwig Fels erwähnt hatte. Ich dachte an einen Moment der Initiation, zu der Zeit als die Helden Michael Wildenhain, Peter Schneider, Bodo Morshäuser und eben Ludwig Fels hießen. Es war immer das gleiche Gespräch.

In der Gegenwart von Damals.

Wir sitzen in Salvatores (Name von der Redaktion geändert) Zimmer, Bettina, der Gastgeber und ich. Für eine Wohngemeinschaftsbleibe ist der Raum erstaunlich bürgerlich möbliert. In meinem Zimmer liegt nur eine Matratze auf dem Boden. Meine Sachen verwahre ich in einer Kiste, die ich auf der Straße gefunden habe. Das Regal besteht aus Bohlen und Backsteinen.

Salvatore schläft in einem richtigen Bett. Er wohnt in Korbmöbeln. Sein Plattenspieler ist ein Premiumprodukt. Seine Plattensammlung darf kein Mensch einfach sichten. Salvatore sanktioniert unbefugte Inaugenscheinnahmen. Er erwartet von seinen Besucher*innen Intelligenz und Benehmen. Das erscheint nicht allein mir kurios bis zur Abwegigkeit.

Salvatores Eltern leben getrennt. Seine Geschwister wuchsen im Haus der Mutter auf, während Salvator dem Vater, einem Zahnarzt, den Vorzug gab. Ich habe nur einen vagen Begriff von der Großzügigkeit der Verhältnisse, die Salvatores Biografie begründen und seine Dünkelhaftigkeit und den stotternden Snobismus erklären. Die Vermögen in der Vorgängergeneration rangieren als Peanuts in den Erzählungen. Was zählt, ist die Großvaterkohle im Zusammenhang mit etwas Unermesslichen, das weltweit funktioniert. Mich interessiert das natürlich nicht. Natürlich ist Salvator Kommunist, und zwar so wie Walter Benjamin Kommunist war. Folglich gehört er zu jenen, die sofort nach der Revolution an die Wand gestellt werden.

Wir sitzen in Salvatores Rohrkram, rauchen Zigaretten aus Salvatores wiederum familiär automatisch aufgefüllten Beständen

Wer hat, dem wird gegeben

trinken Tee aus dünnwandigen Tassen, die nicht im allgemeinen Wohngemeinschaftsgebrauch sind, und reden überLiteratur aus der Arbeitswelt. Max von der Grün vertritt diese Richtung. Ein Nachwuchsstar heißt Ludwig Fels. Seine Texte sind simpel. Was Fels kann, können wir auch.

Darum geht es.

Das können wir und das machen wir und dann sind wir Stars, die in ersten Häusern verlegt werden.

Ich breche an dieser Stelle ab und überspringe locker zwanzig Jahre. Jetzt bin ich in meinen Dreißigern, verdiene manchmal viertausend Mark im Monat als Freelancer, und Salvator hat psychische Probleme. Meines Erachtens hat er die, weil er nie Sport getrieben hat. Meinen Erfolg erkläre ich mir mit der Augen-zu-und-durch-Mentalität meiner sportbegeisterten Familie. Manchmal treffe ich Bettina, wenn wir gerade beide zu Besuch in unserer Heimatstadt sind. Es ist noch nichts egal, sondern alles kostbar …

jede Erinnerung wie in Gold gefasst.

Das ganze Weißt-du-noch. Weißt du noch, wie wir in Clemens grünem Golf morgens um vier auf dem Weg zu den Elfbuchen … und weiß du noch, wie wir nachts im Grünen See …

Die Abwertung kommt erst noch.

Ich lebe in Frankfurt am Main, und gerade ist Buchmesse. Ich schlendere von Stand zu Stand, so sehr mit der Branche verbunden, dass ich überall aufgehalten werde. Jemand stellt mir einen alten, auf den ersten Blick unzufriedenen Kollegen vor. Das ist der Ludwig Fels. Er nimmt mich sofort als Gegner wahr, obwohl er mich doch gar nicht interessiert. Den heißen Scheiß liefert zurzeit Feridun Zaimoglu. Die Fels-Kohorte leidet an ihren schlechten Angewohnheiten. Diese Leute sehen nicht gut aus, warum soll ich mich mit ihnen aufhalten.

„Das ist Ludwig Fels“, sagt vielleicht seine Verlegerin. Ich weiß es nicht mehr. Aber ganz gewiss wird Fels mir drei Mal vorgestellt. Die verdunstete Bedeutung des jungen Arbeiterschriftstellers, der er mal war, sucht vergeblich nach einem Resonanzpunkt im Augenblick einer völlig anderen Debatte. Da paradieren Schirrmacher und Heidenreich. Gaddis hat abgesagt.

Steht da John Berger? Das kann doch nicht sein.

Ces Nooteboom nickt mir zu. Gestern beim Kritikerempfang fiel mir auf, dass der große Niederländer Cowboystiefel trägt. Ich habe auch welche. Soll ich die noch einsetzen für einen ultimativen Messeritt?

Was soll ich mit Ludwig Fels? Konzentriert euch auf die Szene. Fels fokussiert mich. Ich spüre seine Abneigung gegenüber dem smarten Halbwilden im Anzug, dessen Arroganz sich mit keinem Gegenstand verbindet. Das ist doch bloß ein Freier (freier Mitarbeiter), der mitnimmt, was die angestellten Journalist*innen liegenlassen in ihrer Bocklosigkeit.

Entweder du machst Karriere oder du schreibst.

Ich weiß, wie klein das Licht ist, das andere leuchten sehen, wenn sie mich sehen. Das beschäftigt mich nicht. Ich will schreiben. Ich schreibe. Ich tue das, was ich will, und wenn ich in eine Bar komme, geschieht das Wunder privilegierter Bewirtung gar nicht so selten. Da stellt gern mal ein Barchef seine teuerste Flasche Whiskey auf den Tresen und alles geht aufs Haus. Meine Art zu sein und meine Art, die Nacht auszuleuchten, nämlich ebenso elegant-animierend und mühelos wie die Chefs ihre Geschäfte führen, gewährt mir eine besondere Zugangsberechtigung. Ich habe ein paar Sachen richtig gemacht, über die man nicht spricht. Dazu gehört, Geld nicht anzunehmen, das einem von Leuten angeboten wird, die man eben massiv begünstigt hat oder jederzeit begünstigen könnte.

Es gibt solche, die von Wirten Geld nehmen und deshalb diskret gemieden werden, und es gibt solche, die in einer Gemeinschaft exklusiv Lebender in ehrlicher Armut mitschwimmen. Man erkennt sie als Liebhaber städtischer Schätze. Honoriert wird eine bestimmte Form der Wertschätzung von Dingen und Ansichten. In diesem Tross bewegen sich Küchenhelfer*innen neben Spitzenköch*innen.

Ich bin fein raus und oben auf, anders als Fels. Er versucht seine politische Sendung an den Zeitungsmann zu bringen. Im Messetumult erscheint mir alles interessanter als das, was Fels in der Nische allgemeiner Gleichgültigkeit zu sagen hat. Trotzdem erinnere ich mich kurz an die Stunde mit Bettina und Salvator, als wir den Schriftsteller vorbildlich auf einem Erfolgsgipfel verorteten. Das spielt keine Rolle mehr.

Aus der Ankündigung
Maurice Swift ist Schriftsteller. Er hat Stil, kann brillant erzählen, doch ihm fehlen die Geschichten. In Westberlin trifft er auf sein Idol, Erich Ackermann, der gerade mit einem großen Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Ackermann verfällt dem charmanten jungen Mann, der sich für alles, was er sagt, interessiert. Er nimmt ihn mit auf Lesereise durch Europa und erzählt ihm sein Geheimnis. Es ist diese Geschichte, für die Maurice endlich als Autor gefeiert wird. Und die Ackermanns Karriere beendet. Maurice dagegen ist schon auf der Suche nach dem nächsten Stoff…
Psychologisch raffiniert, hochspannend und mit funkelndem Humor erzählt John Boyne von der verführerischen Macht des Vertrauens und von einem, der für Ruhm alles tut.
Zum Autor
John Boyne, geboren 1971 in Dublin, ist einer der renommiertesten zeitgenössischen Autoren Irlands. Seine Bücher wurden in mehr als vierzig Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit seinem Roman „Der Junge im gestreiften Pyjama“, der in vielen Ländern auf den Bestsellerlisten stand und von der Kritik als „ein kleines Wunder“ (The Guardian) gefeiert wurde.
05:33 14.01.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare