Dämonische Dimension

#Leben Die schwerwiegendste moralische Herausforderung erkennt Hannah Arendt im „Problem des Bösen“.
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Anfang der Sechzigerjahre erkennt Hannah Arendt die schwerwiegendste moralische Herausforderung im „Problem des Bösen“. Die finnisch-französische Philosophin Bourbon Arikara pflichtet ihr in einem Diskurs bei, der weiter geht. Arendt beschränkt sich auf den Nistplatz Europa. In dem Aufsatz „Die dämonische Dimension des Banalen“ universalisiert Bourbon die Position zu einer Zeit, da viele Autor:innen sich publikumswirksam gegen den Atomtod engagieren und für eine „friedliche Nutzung der Atomenergie“ plädieren. Sie feiern den Zeitgeist, sie sind so ahnungslos wie alle anderen. Ich rede gerade von dem historischen Augenblick, da Bernward Vesper und seine Verlobte Gudrun Ensslin schreibende Großgenoss:innen abklappern, während Vesper den Nachlass seines faschistischen Vaters zu veröffentlichen versucht.

Bourbon erklärt die Bombe zum Paradezeichen. Sie sei das, was das Kolosseum für das kaiserliche Rom war. Die Gelehrte vergleicht die Bombe mit Madonnendarstellungen der Renaissance. Man sieht förmlich Raffaels Madonnenschwärme im Strangelove-Fever.

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Bourbon spricht von dernuklearen putain. Sie befragt Auguren ihrer Ära. Bourbon besucht Ernst Jünger (1895-1998), dessen „erschreckende Gelassenheit“ die Besucherin benommen macht. Der beinah neunzigjährige Gastgeber lebt auf einem Gut der Stauffenbergs, im alten Forsthaus, einem Barockbau von 1728. Er ist dabei, beinah ein halbes Jahrhundert da zu verbringen. Jünger hat das Glück der Langen Weile. Daher rührt das Bedürfnis, den übergeordneten Standpunkt einzunehmen und die einordnende Kategorie zu bestimmen.

Bourbon sagt: Atomzeitalter, oh Graus, und Jünger entgegnet: Gemach Gevatterin, immer mit der Ruhe. Es war doch von jeher nie anders, als dass jene, die Maschinen aus der Welt schaffen wollten, die Mechanik nicht beseitigen konnen. Das absurdeste Beinah-Gegenbeispiel beschreibt Noel Perrin in „Keine Feuerwaffen mehr“. Im 17. Jahrhundert fand in Japan ein waffentechnologischer Rückschritt als historischer Sonderfall statt. Die europäische Kriegsführung erschien den Bushi entwürdigend. Deshalb motteten sie ihre Musketen ein, deren Herstellung und Gebrauch ihnen portugiesische Fernfahrer vermittelt hatten. Ich will jetzt nicht über die tieferliegenden Gründe der Enthaltsamkeit reden, sondern lediglich den von Jünger hervorgehobenen Punkt bestätigen. Als im 19. Jahrhundert die Öffnung der japanischen Häfen erzwungen wurde, wehrten sich die Bedrängten mit allem, was sie hatten. Sie holten steinalte Vorderlader aus den Kasematten und siehe, die Apparate funktionierten.

Die Ächtung der Arkebusen beseitigte nicht ihre Mechanik.

Jünger findet andere Bilder. Er setzt Widerspruch voraus, obwohl Bourbon ihm gar nicht widerspricht. Ihr erscheint das Atomzeitalter auch nicht als Endpunkt des Schreckens. Übrigens bringt Jünger bereits die Umweltzerstörung ins Spiel. Er ordnet auch den Pandora-Büchsenöffner Robert Oppenheimer anders ein als jener sich selbst.

Bourbon steuert den Punkt so aus:

„Es gibt Schlimmeres (als Blut an den Händen)“, fand Harry Truman, nachdem er – unangenehm berührt – zum Zeugen eines seelischen Aufbruchs seines Chefatomphysikers Robert Oppenheimer geworden war. Seinem Kammerdiener Staatssekretär Dean Acheson befahl er, ihm „dieses Individuum“ fortan vom Hals zu halten. Schließlich habe der Wissenschaftler lediglich das Ding gebaut. „Ich (Truman) habe sie explodieren lassen.“ Bourbon schildert die Szene im Weißen Haus (in „Die dämonische Dimension des Banalen“) so phantasmagorisch-angestochen wie eine andere S. Kubrick.

Robert Oppenheimer plagen Skrupel, nachdem das Schlimmste geschehen ist. Er begreift sich als Weltenzerstörer. Ernst Jünger nimmt ihn vom Kreuz und an den Haken der Analyse. Oppenheimer habe bloß eine Tür aufgemacht, als Hiwi im Dienst eines Anführers, dessen Bedenken im Mahlwerk der Entschlossenheit pulverisiert wurden. Im Übrigen seien Wissenschaftler:innen in einem Hohlraum zwischen den soliden Kasten* nicht gut aufgehoben.

*„Die/der WissenschaftlerIn habe keine Klassenethik, da sie/er weder SoldatIn noch PriesterIn sei.“ Aus einem Gespräch zwischen Bourbon und Jünger über dasAtomzeitalter als finale Epoche.

10:05 02.05.2021
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