Das Agora-Phantasma

#fredomöchtegern Die Kommunarden von 1871 wollten den permanenten Volksentscheid unter Ausschluss vermittelnder Instanzen. Ihre Vorstellungen waren Ableitungen eines Agora-Phantasmas.
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Belgrad

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Rimbaud träumte von einem Sieg über die staatliche Ordnung. Als Clochard bis zur Kenntlichkeit maskiert, kreuzte er im aufständischen Paris von 1871 auf. Die Kommunarden erschienen als Feinde jedweder Repräsentation. Sie wollten den permanenten Volksentscheid unter Ausschluss vermittelnder Instanzen. Ihre Vorstellungen waren Ableitungen eines Agora-Phantasmas. Es suggerierte die Antike als ständige Versammlung. Die Kommunarden übersahen, dass sie jenen entsprachen, die im alten Griechenland keine Zugangsberechtigung für solche Versammlungsmarathons hatten. Ob direkte oder repräsentative Demokratie: die Arbeit selbst wurde als versklavend angesehen. Arbeiten zu müssen war ein schwerer Fehler.

Ich bedenke dies im Dunst von zwei Gefolgsmänner der Gegenseite. Ihre aufsässige Ignoranz der Rechtsordnung reizt mich. Ich rufe mich zur Ordnung. Selbstbeherrschung ist mein Trumpf.

Keine Aktionen gegen Kegel

Ich nenne sie Kegel, all die Figuren, die Fredo in meine Bahn stellt mit der Hoffnung, ich ließe meine Kugeln dagegen laufen, so dass der Konflikt von seinem historischen Kern geschält werden könnte.

Nicht mit mir. Es gibt keine Falle, in die ich tappe. Weder die Liebe noch das Geld machen mich gierig. In meinen Erinnerungen stehen spitzgiebelige Häuser an einem Hang: lauter Schattenreiche in sumpfigen Küchengärten. Keine Menschenseele begehrt Einlass an der Haustür. Jede wählt die rückwärtige Küchenpforte. In jeder Küche sitzt eine Tante meiner Großmutter mit protestantischem Dutt. Uralte Schwestern und Cousinen, die ihre Männer seit einem halben Jahrhundert überleben, verrichten ihre Kaffeegebete und verkrümeln Streusel. Ich sehe Hakennasen und Tränensäcke. Ich stürze in einen Abgrund der Zufriedenheit.

Was sich vor mir abspielt hat eher weniger Bedeutung als das, was sich in mir abspielt. Ich bin in einer klösterlichen Verfassung.

Salome biegt um die Ecke so rank wie eh. Jedoch welk.

Rank & welk

Mitgenommen von den Jahren. Wir stehen vor dem Italiener von gestern Abend. Die Alternative wäre der Grieche in der Brunnenstraße, der als letzte Station einiger Lehrer*innen unserer Generation spät abends noch zu einem Katastrophengebiet werden konnte.

Die Unfälle der Liebe unter Beamten

Bösartige Kellner scherten sich einen Dreck um bürgerliche Schieflagen. Die persönliche Ansprache gelang ihnen zwischen zwei Zügen. Nie sah ich sie die Tsipouros kippen, die wir schon als Schüler*innen in uns wegschütteten.

1979 - Salome sitzt da so leger wie in dem Polstermonsun vor dem Fernseher daheim, eine gleichgültige Verführerin. Sie scheint ihr (Klassen-)Bewusstsein verloren zu haben. Sie erlaubt den Kellnern, deren schnell abgeschossenen Bemerkungen für zumutbar zu halten. Die Kellner glauben, Salome Humor beibringen zu dürfen.

Salome demokratisiert ihre Vorzüge und nimmt Abstand von ihren Privilegien als eine der höchsten Töchter Kassels.

Zurück in der Gegenwart

Fredos Gesindel bleibt abgeschlagen vor der Glaswand. Es besetzt Stühle auf dem Vorplatz unter einer durchhängenden Markise.

Ob Fredo sie für ihre „unversöhnlichen Interventionen“ bezahlt? Plötzlich fällt mir Buster Douglas ein, der den bis dahin ungeschlagenen (37 Kämpfe, 37 Siege, davon 33 Knock-out-Siege) und allgemein für unschlagbar gehaltenen Mike Tyson 1990 in Tokio besiegte und ihn so brach wie man jeden bricht, der Niederlagen zu spät in seinem Leben kennenlernt.

Zweifellos bin ich der unterbewertete Herausforderer im Kampf gegen Fredo. Aber ebenso zweifelsfrei ist die Möchtegern-Nemesis Fredo kein Tyson. Das macht die Sache nicht einfacher.

Eine Niete im Angriffsmodus

Rimbaud begriff die Kunst als Tor(heit). Salome und ich geben unsere übersättigten Bestellungen ab, die Freude an Nudeln mit Tomatensoße gehört der Vergangenheit. Der Kellner gewährt ungerührt Ablass.

Was einmal Bedeutung hatte. Dass man als Passagier erkennen konnte, ob der Pilot eine militärische oder eine zivile Ausbildung absolviert hatte. Dass man den Anflug auf Hongkong kannte. In kürzester Zeit waren wir (ein zutraulich-allgemeines Wir) weltläufig geworden.

Salome erweiterte nach dem Abitur ihren Horizont in Kalifornien.

Es gab Berührungen mit Filmleuten, die auch Zuhälter waren. Das wurde vorderhand weggesteckt als Erfahrung.

Das Resümee fand statt am Küchentisch einer Wohnung, die zum Imperium der Eltern gehörte. (Selbstverständlich nicht meiner Eltern.)

Die Erfahrung blieb nicht ohne Echo. Eine amerikanische Attitüde wanderte ein, fermentierte, veränderte die Atmosphäre, erweiterte das Spektrum und blieb als invasives Element wenigstens für mich identifizierbar.

So wie ein Scheidenpilz, der die Runde machte.

Überall war es selbstverständlich, nicht vom Hof gejagt zu werden.

„Die Vergangenheit wirkt aus dem Hintergrund“, schreibt Freud, ich weiß nicht mehr wo.

Fredos Garde verelendet vor der Scheibe.

Die Güte des Brotes weist das Lokal als Stammgastangelegenheit aus. Hier oben (auf unseren heiteren Höhen) verzichten die Leute auch bei einer Einkehr ums Eck nicht auf den häuslichen Standard.

08:27 04.06.2019
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