Das Arschloch der Familie

Literatur Jesse Falzoi erzählt in ihrem ersten Roman „Das Geheimnis der Welt“ die Geschichte einer Wahlberlinerin, die in Mexiko ihre Richtung zu verlieren droht.
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Plötzlich ist er wieder da und beansprucht auch noch in der Rolle eines Schattens seiner selbst viel Raum. Andreas Grafenhorst, genannt Andi, erlangt mit Hinfälligkeit und einem spannenden Vorleben die Aufmerksamkeit seiner Schwester Sonja, die ihn längst abgeschrieben hatte, als ein Anruf sie aus ihrer Berliner Ordnung riss und nach Lübeck rief.

Jesse Falzoi, „Das Geheimnis der Welt“, Roman, Songdog Verlag, 280 Seiten, 20,-

Ausgerechnet Lübeck. Die Stadt der kurzen Wege und der sieben Türme. Das Tor des Nordens. Die Königin der Hanse und der Kindheitsschauplatz von Sonja Grafenhorst, die für ihr Leben lauter gute Lösungen auf der Basis des Verzichts gefunden hat. Mit Freundinnen leitet sie eine Kinderkunstschule in Berlin. Die Preisgabe des eigenen künstlerischen Ehrgeizes zugunsten einer Brotentscheidung hängt mit dem Erfolg und der Sicherheit zusammen. Sonja hat eine Tochter allein großgezogen und ihr wechselnde Bekanntschaften verschwiegen. Die Tochter ahmt sie nach, gemeinsam entwerten die Frauen den Erzeuger als „Waschlappen“.

Die Tochter rechnet mit der Mutter. Sie wirft ihr vor, das familiäre Bollwerk zu schleifen. Der Vorwurf trifft Sonja, die mit fast fünfzig zum ersten Mal über ihre Ufer tritt; herausgefordert von Begegnungen mit dem Bruder, der nach einem Schlaganfall in einem Lübecker Krankenhaus der Fürsorge bedarf.

Für Sonja ist Andi „ein Arschloch“. Als Schulabbrecher hatte er das Weite gesucht und sich bei der Familie nicht mehr gemeldet. Sonja zieht vorübergehend in die Wohnung, die Andi in Lübeck höchstens als Absteige genutzt haben konnte. Sie besichtigt das halbfremde Leben des Bruders, während das Personal ihrer Vergangenheit vorstellig wird. Sie erinnert Szenen, in denen Andi sie bis zur Schwelle des Missbrauchs manipulierte. Noch immer brennt die Scham, auf ihn hereingefallen zu sein.

Sonja träumt komplette Spielfilme. Leute, die vorgeben sie von jeher zu kennen, erscheinen ihr vollkommen fremd. Die Fremden wissen gut Bescheid.

In einem Romannebenraum leben die norddeutschen Eltern unter einem hessischen Mittelgebirgskamm in der Gegend von Kassel. Sie sind da als Betreuer einer dementen Verwandten hängengeblieben.

Sonja kennt die Residenzstadt Kassel.

Die Geografie ihrer Biografie zieht Linien zwischen Lübeck, Kassel und Berlin. Das ist ein typisches Nachkriegsdreieck. Aufgewachsen in der Provinz, landete man über kurz in Berlin.

Westberlin war die Stadt und das Schaufenster der eskapistischen Lebensentwürfe.

Wie aus einem Guss ist das Romandebüt von Falzoi, solange das Geschehen auf deutschem Boden stattfindet. Die Geschichte einer tendenziell fatalistischen Selbstvergewisserung im Geleit eines Erinnerungsansturms, der vor historischer Kulisse in seltsamen Begegnungen gleichermaßen beglaubigt und dementiert wird, ist so großartig, dass ich Zeile für Zeile gelesen habe.

Die Liebe zu jeder Verzweigung, Vertiefung und Einkehr endet mit einem Flug. Auf den Existenzspuren ihres Bruders gelangt Sonja nach Mexiko, begegnet einem Herrn Honecker und gerät in die Nähe der Ciudad-Juarez-Femizid-Hölle.

„Als Frauenmorde von Ciudad Juárez wird eine seit mindestens Anfang der 1990er-Jahre andauernde Mordserie in der nordmexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez bezeichnet. Seit 1993 wird in den internationalen Medien über diese Mordfälle berichtet. Die Opfer werden entführt, gefoltert und zumeist nach einigen Tagen bis einigen Wochen gefesselt auf Brachflächen außerhalb der Stadt abgelegt. Die Leichen weisen in der Regel Spuren von Gewaltanwendungen auf, manche Leichen wurden enthauptet oder verstümmelt. Die meisten Morde wurden bisher nicht aufgeklärt. Es werden unterschiedliche Männergruppen hinter den Taten vermutet.“ Wikipedia

Der Roman nimmt ungeheuer Fahrt auf. Er schießt ins Burleske und kapriolt surreal. In Mexiko fängt eine andere Geschichte an, die mich nicht erreicht. Doch, was davor erzählt wird, behält seine Poesie. Monika Rinck prägt irgendwo das Wort von der „sanften Klinge“. Das passt. Rinck führt aus (als gelungenes Verfahren auf der Höhe der poetischen Stunde - es wird jetzt wieder ernstgemacht): „Hier zu knapp und da viel zu ausführlich, mit Auslassungen und irreführenden Details.“ Das beschreibt am besten das Beste.

Wie Sonja voller Ablehnung gegen die Wand der brüderlichen Hilflosigkeit läuft und ihre Loyalität gegenüber der Tochter wegen Arschloch Andi zum Spekulationsobjekt wird.

Wie Sonja sich rächt und der brüderlichen Kaltherzigkeit eine stille Post der Empörung folgen lässt.

Wie sie sich nie sicher ist, ob Andi selbst als vom Schlag Getroffener sie noch verarscht.

Allmählich verliert Sonja ihre Gewissheiten. Ein Verehrer versüßt die Verluste. Sonja flirtet routiniert. Sie hat auch schon wieder angefangen zu rauchen.

Selbstauskunft der Autorin

„Begonnen hat alles mit einer Hausaufgabe, die mir Alexi Zentner im Herbst 2013 am Sierra Nevada College aufgegeben hat, nämlich 50 erste Sätze zu schreiben, wovon er anschließend einen bestimmen würde, den ich zu einer Geschichte weiterführen sollte. Natürlich musste er denjenigen wählen, für den ich mir am wenigsten Mühe gegeben hatte – und bei dem mir zuerst absolut gar nichts einfiel -, aber nach einer schlaflosen Nacht war klar, dass ich über meinen Bruder schreiben musste, der vor über zehn Jahren den Kontakt zu uns abgebrochen hatte. Wie so oft in der Literatur führte eine reale Begebenheit zur Erschaffung einer neuen Welt, diesmal allerdings nicht zu einer Kurzgeschichte, sondern zu einer Tetralogie, deren erster Teil davon berichtet, wie Sonja Grafenhorst sich auf die Suche nach der Wahrheit über ihren plötzlich wieder aufgetauchten Bruder begibt. Die Reise geht über ihre norddeutsche Heimatstadt Lübeck nach Mexiko, aber vor allem ist es eine Reise zurück in die Vergangenheit – ihre eigene und die ihres Heimatlandes.“

06:48 10.05.2019
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