Romantisches Unterholz

Julien Green Das erzählende Kind taucht in den Seerosentümpeln des magischen Denkens. Es knüpft an die eigenen Vorstellungen hochgespannte Erwartungen ...
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Green besucht das Lycée Janson zur selben Zeit wie Jean Gabin.

Eingebetteter Medieninhalt

Amerikanische Antike

Die meisten Texte verlieren ihre literarische Lesbarkeit an die Zeit. Sie verwittern erst und verstummen dann wie alte Leute, die sogar ihr Geschwätz vergessen haben. Viele Romane und Erzählungen bleiben noch nicht einmal als Quellen interessant. Unbemerkt erlitten sie den Schock der Zeit. Manche Sachen gewinnen unter ihrer Patina neue Qualitäten. Indem man sie liest, liest man sie wieder, auch wenn man sie zum ersten Mal liest. Als Parteigänger:innen unserer Gegenwart teilen wir die Ernten aus den Kloaken des kollektiven Bewusstseins. Das fällt mir ein, während ich Julien Green (1900 - 1998) in das von ihm vor Jahrzehnten bestechend erinnerte Jetzt seiner Pariser Kindheit folge. Der Knabe vergisst nicht, seinen Stolz zu reklamieren, da er den deutschen Feind nicht aus der Ferne einer unberührten Gegend erlebt, sondern an der Pariser Front der Mobilisierung.

Ich rede über Julien Greens „Erinnerungen an glückliche Tage“, Roman, auf Deutsch von Elisabeth Edl, Carl Hanser Verlag, 22,-

Lesen Sie zuerst

Kloaken des kollektiven Bewusstseins

und

Kaiserliches Begehren

und

Feindliche Fehlleistungen

Romantisches Unterholz

Das erzählende Kind taucht in den Seerosentümpeln des magischen Denkens. Es knüpft an die eigenen Vorstellungen hochgespannte Erwartungen. Die Wirklichkeitserträge der Erwachsenen erscheinen lächerlich auf dieser Folie. Weit davon entfernt, sich „zu beklagen (spornt es Green an) Tage zu erleben, die später in Büchern als die entscheidenden Tage der Geschichte unseres Jahrhunderts stehen würden“.

Am Anfang des Begreifens seiner Begabung steht für den Künstler als Knaben die Erfahrung, dass er mit der Kraft seiner Gegner:innen besser arbeiten kann als mit seiner eigenen. Der Heranwachsende rezensiert die Formate der Bewältigung des I. Weltkriegs an der Pariser Heimatfront. Allmählich schleicht sich der Mangel ein. Das Personal desertiert ins Feld als Halm und Helfer blutiger Ernten.

„Der poilu (einfache Soldat) (wird) zu einer Art Idol, sein täppisches Aussehen (inspiriert) Zeichner und Dichter patriotischer Lieder.“

Das Bajonett erhält den Kosenamen „Rosalie“. So schrecklich der Debütant das aufgesetzte Messer findet, ein Hauch von Faszination mischt sich doch in den gerechten Mief der Ablehnung. Green sucht Zuflucht im romantischen Unterholz von François-René de Chateaubriands Atala. Der 1801 erschienene Roman erzählt von ... Ich sehe gerade, dass sich der Wikipedia-Artikel nicht kolportieren lässt. Stichwort „getaufte Halbindianerin“.

Green prägt „sich (der Roman) als etwas unübertrefflich Schönes ein, (als) eine Art Traum, aus dem zu erwachen dumm wäre“. Ich nenne das eine unbewusste Koinzidenz mit Joyce‘s Wort von der „Geschichte (als einem) Albtraum, aus dem (ich: Stephen Dedalus) zu erwachen suche“.

Realitätsflüchtig liest er in öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Leute spucken aus, wo sie stehen und gehen. Ein empfindsamer Zeitgenosse distanziert sich: „Ich (bin) mit René an den Ufern des Mississippi, (schaue) auf die schwimmenden Inseln, die der Père des eaux langsam zum Meer (hintreibt) mit ihrer exotischen Vegetation ...“ Es fehlt nicht „der flackernde Schein eines Lagerfeuers“.

Chateaubriands Exotisierungen funktionierten bis über meine Kindheit hinaus. Jetzt ist das vorbei. Was wird an die Stelle solcher kolonialen Märchen treten?

Warum kann Green die toxische Ladung des Rassismus nicht identifizieren?

Den scheuen Katholiken befremden viele Emanationen im öffentlichen Raum. Leidenschaftlich gern hält er sich in den vier Wänden seines Zuhauses auf. Die Mutter stirbt ohne Vorzeichen. Die rabiate Plötzlichkeit wirft Green aus der Bahn. Über Nacht verliert er sein Zentrum zu einer Zeit, da das Leiden den breitesten Allgemeinplatz abgibt. In seiner Schule etabliert man ein Lazarett.

Green besucht das Lycée Janson zur selben Zeit wie Jean Gabin.

06:30 18.05.2021
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