Das falsche Exil

Christoph Hein Hausherr Horst B. zirkuliert als stellvertretender Kultusminister im engsten Kreis der Macht. Er war in England im „falschen Exil“.
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Sie sind die „jungen Adler“ der Republik, geistige Söhne einer Generation der Gläubigen und Dissidenten eines seelenlosen Sozialismus. Brüderlich breiten sie voreinander die Schwingen ihre Hoffnungsüberschüsse aus: Thomas Brasch und Christoph Hein. Sie wollen hoch hinaus, wie es sich für Adler gehört.

Christoph Hein, „Gegenlauschangriff - Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege“, Suhrkamp, 123 Seiten, 14,-

Hein ist ein unbeliebter Gast im Haus Brasch. Den Pfarrerssohn stigmatisiert eine gescheiterte Republikflucht. Hein lebte schon im Schaufenster des Westens, als ihm bei einem Besuch der Eltern Ulbrichts Maurer den Rückweg verbauten. Als unsicherer Kantonist vermisst Hein sämtliche Privilegien. Wenn sich vor seiner Nase eine Tür zuschlagen lässt, fällt jedes Mal eine Tür ins Schloss.

Für Thomas Brasch ist Christoph schlechter Umgang.

Hausherr Horst B. zirkuliert als stellvertretender Kultusminister im engsten Kreis der Macht. Er war in England im „falschen Exil“. Gleichzeitig adelt ihn ein früher und deutlicher Antifaschismus. An seinem Status hängen Bewährungsauflagen. Horst muss besonders schneidig die Parteistandpunkte vertreten.

Seine rebellischen Söhne gefährden ihn. Horst lockt Hein in eine Falle. Christoph verschweigt Thomas die Niedertracht, um die Zwietracht zwischen Vater und Sohn keiner Eskalation auszusetzen. Das erweist sich als folgenschwerer Fehler.

Die geistesbrüderliche Einheit endet: „Denn das Verschwiegene steht unüberwindbarer zwischen zwei Menschen als jedes böse Wort.“

Das Verschwiegene löst „eine brüderliche Verbindung auf“.

Während der Sohn eines Linientreuen bald die DDR aufgibt, bleibt der argwöhnisch beobachtete Hein. Daraus ergeben sich paradoxe Konstellationen, so als habe sich der Weltgeist verzockt. Alle Zeichen der Zeit zeigen auf Thomas Brasch. Heiner Müller zählt ihn zu den „großen Begabungen“ in einer extrem förderungssolventen Gesellschaft mit hohem künstlerischem Potential.

Ich zitiere Müller, weil er indirekt erklärt, warum Hein an Brasch vorbei die Poleposition erobert. Er bleibt im Material, Stichwort „Leben im Material/Du kannst DDR zu mir sagen“ H.M.

„Begabung ist nach Johannes R. Becher die Fähigkeit, in gesellschaftlich aufschlussreiche Situationen zu geraten“, führt Müller aus. Er fährt fort: „An Gelegenheiten, diese Fähigkeit unter Beweis zu stellen, hat es Brasch in der DDR nicht gefehlt.“

Brasch geht in die Vollen eines totalen Materialverlusts. Hein bleibt und übernimmt den Acker/die Baustelle. Zu seinem 75. Geburtstag erzählt er davon in Schwänken und Episoden. Der Autor charakterisiert die kleinen Sachen als Anekdoten, vielleicht wegen der Evidenz. Er erinnert daran, dass der wichtigste Schriftsteller der DDR gegen ein Berufsverbot anschrieb und schon deshalb gezwungen war, „haltbare“ Stücke zu schreiben. (Die Erwähnung einer um fünfzehn Jahre verspäteten Uraufführung spricht Bände.) Hein beschreibt Schliche in einem Überwachungsstaat, dessen Anspruch auf den Volkskörper als ermüdende Gewohnheit eines Stärkeren im Gemüt der Penetrierten Duldungsmetastasen ausbildete. Manfred Krug startete einen privaten Gegenlauschangriff auf die Funktionselite in seinem Wohnzimmer mit einem hervorragenden technischen Ergebnis. Die Westprodukten geschuldete Qualität der Tonwiedergabe leistete nicht das, was ihr zugetraut worden war. Krug wollte Wolf Biermanns Ausbürgerung mit zivilgesellschaftlicher Courage und jenseits der Legalitätsgrenzen im Wege einer angedrohten Bloßstellung rückgängig machen lassen.

Der Band birgt einige Beispiele für Husarenstückchen des bürgerlichen Ungehorsams. Das Ende der DDR nimmt Hein literarisch und dramatisch vier Mal vorweg, so evangelisch genau. Alle zehn Jahre schlägt das Pendel des Scheiterns so weit aus, dass man die jeweilige Fortsetzung des Unhaltbaren als Probe aufs Exempel in einem sachten Niedergang begreift.

10:56 22.03.2019
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