Das Fleisch der späten Jahre

Erica Jong Vom Debüt zum Resümee - “Angst vorm Sterben” setzt “Angst vorm Fliegen” fort
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“Ich habe immer die Macht genossen, die ich über Männer hatte. Einfach nur die Straße entlangzugehen und meinen mandolinenförmigen Hintern vor ihren Blicken zu wiegen und zu schwenken.”

Manche Leute machen es nicht unter la folie à deux. Manche Leute tun so, als würden sie es nicht darunter machen. Poeten der Straße nennen solche Kandidaten Hirnfreier, mein Deutschlehrer hielt Erica Jong für eine Kopffickerin in seinen eigenen Worten.

“Angst vorm Fliegen” erschien Mitte der Siebziger auf Deutsch. Jongs Debüt kam mir aus dem auf allen möglichen Heimwegen zusammengetragenen (es gab noch an jeder innerstädtischen Ecke eine Buchhandlung, nicht selten mit einem hugenottischen Namen) vom Feuilleton kaum beeinflussten Bestand meiner Mutter zu, der Roman löste ähnliche Empfindungen aus wie Illustriertengeschichten über Reiche auf Sylt, Summerhill, Marianne Bachmeiers Rache, die New Yorker Mafia und Uschi Obermaiers breit diskutierte Liebe zu Dieter Bockhorn.

So fühlte sich für mich die alte Bundesrepublik an. Dazu gehörten der “Stern” am Donnerstag, die Raf jeden Abend in den Nachrichten, Wörter wie Kontaktsperre und Eduscho ... die Schwarten meiner Mutter - kurz Reihenhausgemütlichkeit.

Das war ein anderes Deutschland. Mit der Berliner Republik und der gehetzten Häme vieler Verkehrsteilnehmer hatte das Land lediglich viel gemeinsam. Erica Jong schrieb so wie Siedlungskinder redeten. Trotzdem diktierte gesellschaftlicher Ehrgeiz den Text. Da war eine blendende Attitüde.

Die Autorin gestattete keinen Zweifel daran, dass sie mit dem erzählenden Ich namens Isadora Wing einigermaßen identisch ist. Vierzig Jahre später heißt die beste Freundin der Angst-vorm-Sterben-Heldin Isadora. Das aktuelle Ich kennt keine Flugangst. Vielmehr fühlt sich Vanessa Wonderman nirgendwo wohler als “im Luftraum zwischen New York und Los Angeles”. Im Gegenzug bedürfen ihre sexuellen Höhenflüge auf der anderen Seite des Geschehens pneumatischer Unterstützung. Viagra verstimmt den “abgöttisch geliebten”, gerade einmal zwanzig Jahre älteren, hoch vermögenden Gatten. Während Asher nur noch am Leben bleiben möchte, verlangt Vanessa von dem Greis Sex, um sich lebendig zu fühlen. (Als Mittel gegen die Angst vorm Sterben.) Sie betrügt den Hinfälligen mit einem Schauspieler von der Sorte, die als junge Männer James Bond spielen und danach andere Hauptrollen.

Der Debütantin wurde Militanz vorgeworfen, Kritiker brachten sie mit “Women's Liberation” in Verbindung, die Frauenbewegung stempelte Jong indes zur Fünften Kolonne des Patriarchats.

Damals punkteten Frauen, indem sie sich als Männerversteher präsentierten, ich erinnere an Esther Vilar. Männlichkeit galt als Sanierungsfall, in der prä-grünen Alternativbewegung wollte kaum noch einer Mann sein. Flüchtig war die Zeiterscheinung, als krasse Erica machte Jong Furore und Karriere im trauten Gleichschritt mit Isadora. Die New Yorker Dichterin fliegt mit Ehemann B. Wing zu einem Psychoanalytikerkongreß nach Wien. Dort verfällt sie vorüberreisend einem Adrian Goodlove, der nicht hält, was er verspricht.

Das ist schon der ganze Riemen, den “Angst vorm Sterben” mit Lasten der zweiten Lebenshälfte beschwert. Eine trocken-süchtige Tochter ist kompliziert schwanger, die Eltern sind sterbensalt. Vanessa kümmert sich effektiv um ihre Lieben, sie erholt sich in katastrophal ablaufenden Verabredungen mit auf Spontanfickdotcom gedateten Sonderbotschaftern des Sex.

Für einen Langweiler wie mich liest sich das vor allem nach zu viel Aufwand. ... Männer, die mit einem Latexanzug anreisen. Männer, die sich in den Flur pinkelnd als Leibsklaven empfehlen ... mir ist Erica Jong einmal über den Weg gelaufen, damals nannte man mich die Allzweckwaffe der Frankfurter Rundschau oder auch the fastest gun in town. Das hatte Nebenwirkungen. Es führte dazu, dass ich mir von Reich-Ranicki erzählen lassen musste, wie gut Charlotte Link sei. Er zappelte, der Speichel rann zur Kinnspitze, seine Frau saß entrückt neben dem Schwärmer. Zu offensichtlich war, was ihn entzückte, es hatte geschneit, der Schnee war liegen geblieben, eine halbe Stunde später sah ich Sandra Maischberger und Shire Hite falsch fröhlich (demonstrativ) an einer Ampel frieren. Reich-Ranicki war immer noch bei mir in einem zunehmend umfänglicheren Pulk, den man sich nicht zu Fuß vorstellen darf, er sagte etwas über Paula Kissinger, der Mutter von Henry, und dann ging das los. Was Paula für eine tolle Frau immer schon und immer noch und haste nicht gesehen, noch mit siebenundneunzig Kettenraucherin auf der Fifth Avenue, der emigranten Den-kennste-doch-bloß-wie-heißt-der-noch-mal-Allee. Der Abend entwickelte sich so, dass ich zwischen eine Unbekannte und Erica Jong geriet. Es gelang mir, die Situation burgess’k zu unterwandern. Ich bin in den Achtzigern nicht ins Kino gegangen und wusste deshalb nicht, dass ich neben der Schauspielerin Sharon Stone* stand. Sie behauptete eine große Affinität zur Literatur und Jong beschwor ihre Liebe zum Theater.

*Es gab sie vor Basic Instinct, sie hatte mit Woody Allen gedreht, in Frankfurt schneite es weiter.

Erica Jong: Angst vorm Sterben, aus dem Amerikanischen von Tanja Handels, S. Fischer Verlag 2016, 352 Seiten, 19.99 EUR

14:23 29.03.2016
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