Das Gemurmel Amerikas

#Leben Hanns Zischler spricht von „asynchroner Wahlverwandtschaft“. Gaddis habe das von Henry James „unter den Teppich gekehrte Gemurmel Amerikas hörbar“ gemacht.
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Für William Gaddis ist Realität „nichts anderes als die umlaufende Rede“. Hanns Zischler spricht von „asynchroner Wahlverwandtschaft“. Gaddis habe das von Henry James „unter den Teppich gekehrte Gemurmel Amerikas hörbar“ gemacht.

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Die Prunktexte der Messebeilagen gelten diesmal dem „Großautor der Moderne“ (Gustav Seibt). Es geht um die Etablierung eines weiteren Genies auf dem deutschen Buchmarkt, man hat sich auf Gaddis geeinigt wie zuvor auf Gabriele Goettle. Gaddis erscheint in Frankfurt am Main, seine Familie ist seit den Tagen von Peter Stuyvesant in New York tonangebend. Er repräsentiert seine Klasse bis zu den Ziselierungen. Er triumphiert als Klischee eines White Anglo Saxon Protestant mit Hosenträgern. Er sieht aus wie eine Erfindung von Tom Wolfe.

Guten Tag, mein Name ist Brain (nicht Brian) AT Thundergod*. Ich interviewe Gaddis für die internationale Ausgabe der Lone Star Tribune. Jetzt muss ich mich erst einmal in der Lobby des Frankfurter Hofes durchboxen. Teilnehmer*innen an einem Kongress der Opiumraucher*innen blockieren die Aufgänge. Die europäischen und amerikanischen Opiumraucher und Kokainisten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts tauchten in Subkulturen unter, die von ihnen kaum kodiert wurden. Vielmehr bildeten Ginsucht und andere Erscheinungen des Armutsalkoholismus die bürgerlichen Rauschgiftbegriffe. William S. Burroughs rückt die Geschichte seiner Initiation in ein Milieu ausgemusterter Seemänner, die sich in New Yorker Automatencafés gegenseitig versorgten und Versorgungskrisen in Entzugskliniken durchstanden. Schließlich setzte sich Burroughs nach Mexiko ab. In seiner Drogen-Diaspora bekam er nicht mit, wie Junk den US-Mittelstandsnachwuchs infizierte und zur tödlichen Modeerscheinung wurde. Die ersten einschlägigen Nachrichten hielt Burroughs für Fake News. Er glaubte nicht, dass erfahrene Junkies Jugendlichen, die im ersten Verhör ihren Informationsstand preisgeben würden, Drogen verkauften.

Doch so war es. Es entstand eine Heroinkultur und auf einem ihrer Plateaus entstand der Kult um Halluzinogene. Der Chemiker Albert Hofmann hatte 1943 die „bewusstseinsverändernde, damals und noch lange sagte man -erweiternde“ Wirkung von LSD entdeckt. In Hofmanns konservativ-anarchischer Umgebung wurde die neue Sache im Traditionsgewand intellektueller Haschisch-Séancen etabliert. Ich erinnere an Walter Benjamin. Das „Setting“ griffen Amerikaner auf, allen voran Timothy Leary. Hofmann und Leary (sowie Hermann Hesse) sind Gewährsmänner im jüngsten Werk eines Autors, der seine konstitutionelle Süchtigkeit mit einem belletristischen Dauerfeuer bekämpft.

Er schreibt um sein Leben. Hofmann war ein kühler Schamane, der seinen Eigensinn vor der Welt zu verbergen wusste. So schildert ihn T.C. Boyle, der gerade meine Bahn kreuzt. Ich halte den Kollegen auf.

„Hey, T.C.“, sage ich.

„Hey, Brain“, entgegnet T.C. aufgeregt. Er trifft mich nämlich wahnsinnig gern überall auf der Welt. Ich lobe sein jüngstes Werk über den grünen Klee. Tatsächlich war ich sofort zuhause in der verstiegen-verschwiegenen Basler Sandoz-Hexenküche. Die Archetypen der Druiden des Handlungsjetzt und die Vorläufer ihrer Paredroi offenbaren sich seit jeher bei der alemannischen Fastnacht. Hofmann experimentiert mit einer geringen Dosis, er vergiftet sich selbst und notiert die Symptome „Angst, Schwindel, Sehstörungen, Lachreiz“.

Tom Coraghessan lässt Hofmann auf einem Romanvorplatz stehen. Der Autor springt in das Jahr 1962. Psychoaktive Substanzen versprechen eine Revolution der Psychoanalyse, sie setzen „das Unbewusste frei“ und „verarbeiten ungefiltert Sinneseindrücke“.

Jedenfalls glaubt das Tim Leary. Der an der Harvard Universität in Cambridge, Massachusetts, lehrende Psychologe hofft, Freud mit LSD wie in einer Rakete hinter sich lassen zu können. Alle sind auf dem Weg zum Mond. Jede Fakultät hat ihr eigenes Raumfahrtprogramm. Die freie Welt fiebert. Tim zählt sich zu ihren Pionieren, er kann jetzt keine zaghaften Doktoranden gebrauchen.

Turn on, tune in, drop out.

Tim zieht Fitzhugh Loney in seinen Bann. Fitz ist T.C. Boyles Erzählagent. Zunächst verliert sich der angehende Psychologe in dem Menschenwirbel, der um die akademische Sonne am psychedelischen Horizont kreist. Tim ist heiß. Er hat das Ticket für die Zukunft. Das erzählt T.C. Boyle in einem „Jazz, Gin und Geplauder“-Stroboskop-Stil, der mich an Stanley Kubricks Lolita-Verfilmung von 1962 denken lässt. Die Swinging Sixties sind noch gar nicht da. Außerhalb der Avantgarde-Refugien lehnen James Dean- und Gene Vincent-Verschnitte tödlich gelangweilt in endlosen Kleinstädten an Musiktruhen und hören Lieder von Buddy Holly, die Paul Anka geschrieben hat (Relotius-reloaded).

Tim feiert Partys zu Forschungszwecken, seine Doktoranten und ihre Partner*innen dienen als Probanden. Fitz gibt seine Reserve auf. Er ergibt sich Tims Charisma. Mit seiner Familie reist er im Magic Bus erst nach Mexiko und dann nach Millbrook im Dutchess County von New York. Da scheint sich die Love & Peace-Acid-Vision/Version in der Wirklichkeit eingeschlichen zu haben.

„Aber ein Idyll kann natürlich nicht von Dauer sein.“

Vorspann der nächsten Folge

Als 1833 in Großbritannien die Sklaverei abgeschafft wurde, fand es die Krone angebracht, die sechsundvierzigtausend Sklavenhalter auf den Inseln ihrer Besorgnis zu entschädigen. Die Kompensationen folgten einem Rechtlichkeitsbegriff, der sich bis heute aus unserem Verständnis nicht verabschiedet hat. Nach Hegel übersteigt das „Dasein des freien Willens“ juristisches Recht. Es erfasst sämtliche Freiheitsgrade. Folglich ist ein Mensch außerhalb des Rechts als lediglich wollendes Subjekt „nicht berechtigt“. Seine Ansprüche stecken in utopischen Floskeln. Zu den Infamien der Welt zählt, dass weiße Gesellschaften den Standpunkt einer systematischen Entrechtung einnehmen können, ohne offensiv rassistisch zu wirken.

Rassismus ist in das Gefüge unserer Welt eingewoben, sagt Orit.

Bald mehr.

17:21 16.02.2021
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