Das Glück einer späten Offenbarung

Hussein Dey von Algier Der Sommer 1830 war besonders heiß, Hussein Dey schlug mit einem Fächer zu. Es könnte auch ein Fliegenwedel gewesen sein.
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In meiner Kindheit waren alte Leute Überlebende des 19. Jahrhunderts. Sie hatten den Steckrübenwinter von neunzehnfünfzehn mitgemacht und das Inflationsgeld von Dreiundzwanzig in Weidenkörben davongetragen.

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Heimwollen, aber nicht mehr wissen, wo das ist. Ich habe das weder bei der früh verwitweten Mutter meines Vaters noch bei meinen Wirtschaftswundergroßeltern erlebt, die in einem Rüstigkeitsfestival weit über hundert Jahre alt geworden sind und sogar noch die Kohl‘sche Götterdämmerung und den Aufstieg von Helmuts Mädchen zur Bundeskanzlerin so meinungsstark wie verständnislos mitbekamen. Aber ich kenne das Elend der dementen Verwirrung von Simones Oma. Emma Schilling war ihrer radikalfeministischen Tochter mit furiosem Beispiel vorangegangen. Sie hatte in einer feministischen Wohngemeinschaft gelebt und sich am Häuser- und Straßenkampf beteiligt. Auch dem aggressiven Humanismus des Zentrums für politische Schönheit war sie vorausgeeilt. Selbstverständlich vollzog sich Emmas Sturm und Drang in Berlin. Der inkontinente Nachklapp fand dann aber im Schoss der Familie statt. Emmas Tochter Margot war 1972 einem akademischen Ruf nach Kassel gefolgt. Auf einem dörflichen Vorplatz bezog sie und ihre jahrelang heimwehkranke Tochter nicht weit weg von dem Anwesen meiner Großeltern den Fachwerkpalast der in die Stadt desertierten Nachkommen der Bauerndynastie Bude. Margot entfernte sich von Simone in der Beziehung zu einer Kollegin. Simone und Margot erlitten sich in Prozesse der stillschweigenden Entfremdung. Simone erschien dem Milieu meiner Jugend als introvertierte Pippi Langstrumpf. Sie hatte alle Freiheiten und schon als Halbwüchsige einen gesetzten Lebensstil, in dem sich vielleicht ein passiver Widerstand verbarg.

Ihre ständig sturmfreie Bude verhunzte sie nicht als Partyschauplatz. Sie verweigerte sogar die Schulfeste. Eines Tages hörte Simones Ablehnung ihrer Kasseler Verhältnisse einfach auf. Sie wurde meine erste richtige Freundin, wir lebten fast zwei Jahre in einem Jagdhaus der Försterei Fahrenbach im Kaufunger Wald. Die Trennung vollzog sich Anfang der Achtzigerjahre ohne ein laues/lautes Wort oder eine hinterhertretende Bemerkung. Dann kam die Berliner Oma. Sie sah aus wie Wolf Biermann und redete auch so, nur eben nicht zusammenhängend.

In meiner Kindheit waren alte Leute Überlebende des 19. Jahrhunderts gewesen. Sie hatten den Steckrübenwinter von neunzehnfünfzehn mitgemacht und das Inflationsgeld von Dreiundzwanzig in Weidenkörben davongetragen. Im Dritten Reich waren sie dann schon zu alt für alles außer Leid gewesen. Nun ragte das Greisenalter kaum noch in die Vergangenheit.

Die alte Schilling war eine Walk on the wild Side Heroine. Sie hatte Nico und Lou Reed kennengelernt.

Es gibt im Werk von Handke eine Bemerkung, die in meinen Bestand eingegangen ist so wie der letzte Satz im Ulysses: and then I asked him with my eyes to ask again yes and then he ... yes and his heart was going like mad and yes I said yes I will Yes und die Feststellung von Proust, dass jeder der Leser seiner selbst ist. Der Handke als junger Mann nimmt es der Mutter übel, dass sie zu einem Beatleslied ein paar losgelassene Bewegungen macht. Mir ging es so mit Emma. Anstatt an ihrem Beispiel zu begreifen, wie verspätet meine Prägung und wie tief in die Vergangenheit versenkt meine Jugend war.

Zu Simone sagte ich: „Emma ist auch eine Ausbeuterin. Sie beutet deine Gefühle aus.“

„Was soll sie denn sonst machen?“ fragte Simone somnambul zurück. Für sie war Wahnsinn normal. Wir saßen vor dem Cafe der Bekloppten auf dem Bürgersteig der Nürnberger Straße, ein verregneter Nachmittag dampfte im plötzlichen Einfall von Licht. Die Aschenbecher waren abgesoffen. Die Gegend war im Niedergang und im Kommen schon zig Mal gewendet worden. Wir wussten Bescheid. Zuviel war im Grunde jedes Wort, jede Geste, um von einem Gefühl gar nicht erst anzufangen. Wir untergruben uns gekonnt. Was freute ich mich über einen Auftritt meiner Tante Gertrud Tuschick. Sie setzte sich gleich zu uns. Gertrud war 1940/41 alles auf einmal gewesen: verliebt, verlobt, verheiratet.

Eine Witwe von zwanzig Jahren. Den letzten Gattenbrief trug Gertrud im Portemonnaie. Dem Gefallenen war Alban als einfacher Lückenbüßer im Ehestand gefolgt. Er hatte gemacht und getan und war ein langes Berufsleben lang maulfaul frei von jeder Verfehlung geblieben.

Entsagung und Entladung

Gertrud bezog immer noch sein Bett. Vielleicht lag ihr sogar mehr an Alban, seit er im Grab lag. Wer wusste so was schon. Der Punkt waren die stadtbekannten getrennten Betten; dass Gertrud und Alban offiziell getrennte Betten und sich trotzdem liebgehabt hatten.

Um auf Ruch zurückzukommen. In seiner Gefühlsgeschichte des antiken Rechts „Ehre und Rache“ spricht er einen Kurzschluss an. Man neigt dazu, die in den Prozessen der Zivilisation gesteigerte Affektkontrolle mit einer hinter die Zäune der Selbstbeherrschung verlegten Ehre zusammenzudenken. Ruch führt Beispiele an, in denen das Ressentiment dem anderen verminderte Affektkontrolle unterstellt und die Diskriminierung mit einer geografischen Marke abgedeckt wird. Die Erwartungen sind auf ein Nordsüdgefälle projiziert. Keine Frage, wo „Urwaldsitten“ noch das Verhalten bestimmen.

Geht es vor allem nicht darum? Sich zwischen Entsagung und Entladung dann doch nicht mit klarer Kante entscheiden zu können. Ruch skizziert die Annektierung Algeriens 1830 als maßlose Reaktion auf eine (an der Ehre des französischen Konsuls kratzenden) Unmutsäußerung des Dey von Algier. Der Sommer 1830 war besonders heiß, Hussein Dey schlug mit einem Fächer zu. Es könnte auch ein Fliegenwedel gewesen sein.

Um seine These am Fliegenwedel zu schärfen, übergeht Ruch das Naheliegende: dass die französische Regierung rational den Vorfall als Vorwand nutzte, um Algerien in den Griff zu kriegen.

Interessant ist auch, was Ruch zur Politisierung der Ehre und den Nutzen gemeinwohlzentrierter Heroisierungen schreibt. Der Held stellt sich zu seinem Vorteil in den Dienst der Polis. Der Stadtstaat hält ihm den Rücken frei, so dass er nach vorn druck- und im besten Fall ehrenvoll handeln - und hinten in der Latrine mit ehrenvoller Ruhe rechnen kann. Wer zum Kacken (und zum Schlaf) keine Ruhe findet, kann auch sonst nichts gewinnen. Die Ruhe gibt es nicht ohne Ehre. Dies als weitere Aufladung eines, so Ruch, „sozialen Konstrukts“ – ein Nichts am Ruder.

Im klassischen Griechenland führte man Krieg, um sich zu bereichern und die Sklavenkontingente aufzufüllen. Die Unverfrorenheit rächte sich. Wer keinen Vorbehalt gegen eine Praxis hat, kann sich dagegen nicht verwahren, wenn er in dieser Praxis nicht mehr die Katze, sondern die Maus ist. Stichwort: Einsicht in das eigene Schicksal. Das steckt als psychologische Masche hinter der Erzwingung von Geständnissen. Erst das Geständnis beweist den erschöpften Widerstand.

Gleichwohl widerstehen Leute. Denken Sie an Mandela oder McCain. Sie widerstanden, weil ihr innerer Kompass nicht zerstört werden konnte.

Emmas Berliner Kompass war lange vor der offensiven Verwahrlosung im Eimer. Da, wo die Selbstermächtigungsargumente der angreifenden Zivilgesellschaft für die Aktivst*innen ungefährlich sind, bewirken sie nichts. Emmas kopflose Radikalität verdampfte in Simones Bürgerlichkeit. Zum Schluss saß Emma bei dreißig Grad im Schatten eingepackt wie für eine Schlittenpartie auf der Texasveranda und hörte das Klirren der Ketten in Waldemar Ferdinands Kuhstall. Am Tor klemmte eine Fleischbank, die zu meinen Lebzeiten gewiss nicht einmal heruntergeklappt worden war. Für ein halbes Reh hatte ich als Zwölfjähriger Ferdinands Hinterland am Bach mit der Sense gemäht, nach einer Unterweisung zum Umgang mit Dengelhammer und Wetzstein.

Ich hoffte, dass es in Emma noch nicht dunkel genug war, um nicht mehr zu begreifen, was ihr widerfuhr: das Glück einer späten Offenbarung.

10:04 03.04.2019
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