Das Haus des Seins am French River

Literatur Mehr zu Jacques Poulins Roman „Volkswagen Blues“ - „Eine rätselhafte deutsche Inschrift unter der Sonnenblende: Die Sprache ist das Haus des Seins.“
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Zusammengespannt vom Zufall, cruisen ein angejahrter Schriftsteller und eine bildschöne Vielleserin im VW-Bus durch die Gegend. Der Weg ist das Ziel, auch wenn viele Behauptungen anders lauten. Ein Säulenheiliger der klugen Beifahrerin heißt Étienne Brûlé (1592 - 1633). Er reiste in der Gesellschaft von Samuel de Champlain, der 1615 an der Mündung des French River* mit den Odawa auf Tuchfühlung ging und so den ersten nachweislichen Kontakt herstellte, den dieses First Nation Volk mit Weißen (übrigens in der Gestalt des ersten Gouverneurs von Neu-Frankreich) nicht zu vermeiden wusste.

Jacques Poulin, „Volkswagen Blues“, auf Deutsch von Jan Schönherr, Hanser Verlag, 23,-

*Im Kanada der Waldläufer*innen und Fallensteller*innen** gehörte der French River gemeinsam mit dem Ottawa - und Mattawa River zum flüssigen Highway zwischen Montreal und den großen Seen.

**Denken Sie an Annie Oakley. Und wo Rauch ist, da ist auch Feuer. Die Geschichte der nordamerikanischen Trapperinnen muss noch erforscht werden.

*** Die Großen Seen lieferten die markantesten Merkmale eines Territoriums, das sich zum Zeitpunkt der kolonialen Kontamination als Zentrum der Vereinigten Staaten von Chippewa darstellte.

Das „billige Parfüm“ der deutschen Vorbesitzerin des Bullis imprägniert die Fahrerkabine. „Und hier und da, an den Wänden und innen auf den Sperrholztüren der Schränke, (finden) sich die unterschiedlichsten Graffiti; eine rätselhafte deutsche Inschrift unter der Sonnenblende: Die Sprache ist das Haus des Seins.“

Der Autor klärt das Heidegger-Zitat nicht auf.

Thunder-Arm

Bald passieren Pitsémine und Jack die Grenze zu den Vereinigten Staaten. Je weiter sie zum Mississippi vorrücken, desto offensichtlicher scheint Poulins großes Vorbild Hemingway wie ein Wasserzeichen durch die Textur. Poulin pflegt Hemingways Sentimentalität. Er verzichtet immerhin auf die Männlichkeitsallüren. Ständig Erwähnung finden „Eroberer und Entdecker“. Ab und zu verliert sich die kolonialkritische Spur. Dann gewinnt die Erzählung eine märchenhafte Dimension; so wenn die Rede auf den italienischen Leutnant Henri de Tonti (1649 - 1704) kommt. Er kursierte unter dem Nom de guerre Thunder Arm. Als Assistent von René-Robert Cavelier de La Salle machte er Karriere. La Salle begann seine Landnahmen in der Gegend von Montréal. Er profilierte die Existenzform des Voyageurs. Sein Tonti engagierte sich in Gründungsakten von Fort St. Louis. Er bewies die Tugenden eines umtriebigen Mannes. Einer seiner Brüder erstellte die Urfassung von Detroit. Italienische Gründerväter in der Neuen Welt: auch das ist ein übergangenes Kapitel, da den frühen Interventionen nichts Anschlussfähiges folgte.

Pitsémine und Jack klappern Städte ab und erzählen sich gegenseitig Schwänke aus der Erschließungsära. Coureur des bois nannte man die ersten, auf eigene Rechnung ausschwärmenden Voyageurs. Sie folgten der Fallenlinie (trap line). Ihre Ausnahmestellung kulminierte in der Fähigkeit, arktische Winter unter archaischen Bedingungen zu überstehen. Die Bezeichnung Hivernant verweist darauf.

Ich habe etwas gelesen, was mich im Augenblick mehr beschäftigt als der Roman. Einzelgänger der erste Stunde standen mitunter in unfreundlicheren Konkurrenzverhältnissen zu den Jägern der First Nation Völker als die lizensierten Pelzhändler nach ihnen; obwohl sie in ihren Anpassungen an lokale Gepflogenheiten viel weiter gingen als ihre Nachfolger. Man war auf dieselbe Weise an der gleichen Sache interessiert. Die Vergleichbarkeit verstärkte die Rivalität.

Gleich mehr.

Eingesessene Freundlichkeit
Let me present to you/ My Volks-Volkswagen Blues/ Ready to carry me away/ A long way to reach the moon ...

Innut versus Inuit

Vielleicht schon im 15., gewiss aber im 16. Jahrhundert landeten baskische Walfänger an der kanadischen Atlantikküste. Aus der altweltlichen Seefahrerperspektive kamen da freundliche Innut aus den Bergen an den Strand. Deshalb nannten sie ihre Gastgeber*innen und Geschäftspartner*innen Montagnais. Die Innut konkurrierten mit offensiv widerständigen, bis zur kriegerischen Abwehr unfreundlichen Inuit. Beide Gruppen beanspruchten die Gegend von Québec*, ein damals schon kaum kürzer als achttausend Jahre von ihnen besiedeltes Territorium, das Innut heute noch Nitassinan oder Innu-assi nennen.

Aus Québec stammt ein wenig beachteter, in der Handlungsgegenwart blockierter Schriftsteller, der sich Jack Waterman nennt. Aus einer Laune macht er sich daran, seinen wagemutigen Bruder Théo zu suchen, von dem er ewig nichts mehr gehört hat. Auf den ersten Metern widerfährt Jack das Glück, die Halb-Innut Pitsémine aka Grande Sauterelle – Große Heuschrecke sowie deren travel companion, die Katze Chop Suey, als Reisegefährtinnen zu gewinnen. Pitsémine trägt grundsätzlich keine Schuhe. Ihre Beine sind legendär lang. Sie hilft Jack zuerst bei der Identifikation eines Postkartenaufdrucks; der Reproduktion einer Inschrift, die auf Tagebucheintragungen eines sogenannten Entdeckers zurückgeht. Die Rede ist von Jacques Cartier (1491-1557), einem Navigator aus Saint-Malo in der Bretagne. Cartier erkundete und kartografierte im 16. Jahrhundert den Sankt-Lorenz-Strom.

Jacques Poulin, „Volkswagen Blues“, auf Deutsch von Jan Schönherr, Hanser Verlag, 23,-

*„Québec, das in der Algonkin-Sprache „wo der Fluss sich verengt“ bedeutet, bezog sich ursprünglich auf das Gebiet um die Stadt Québec, wo der Sankt-Lorenz-Strom sich durch eine von steilen Felsen begrenzte Engstelle zwängt. Frühe Variationen der Schreibweise des Namens sind Québecq (1601) und Kébec (1609).“ Wikipedia

Der Roman erschien erstmals 1984 als typisches Produkt einer Neuinterpretation der Americana im Stil von Jack Kerouacs On the Road. Ich dachte auch an John Fante.

Poulin gilt als amerikanischer kanadischer Autor. Der franco-kanadische same-same-but-different-Blick auf Nordamerika lässt sich als Sondermerkmal deuten. Poulins Akteure reisen im Hippie-Kultvehikel VW-Bus. Sie starten in Gaspé, dem urbanen Zentrum der Gaspésie-Halbinsel am und im Sankt-Lorenz-Golf. Der Name verballhornt ein in der Gegend ursprüngliches Wort für Weltende. Das ist der Witz: Am Anfang ist Weltende. 1534 schlug Cartier die Landzunge in der Manier seiner Epoche der französischen Krone zu.

Pitsémine und Jack memorieren historische Vorgänge kolonialkritisch. Zueinander sind sie sehr höflich.

Wärmflasche

Eingebetteter Medieninhalt

Zusammengespannt vom Zufall, cruisen ein angejahrter Schriftsteller und eine bildschöne Vielleserin im VW-Bus durch die Gegend. Jacques Poulin erzählt den Road Roman in einer manierierten der-alte-Mann-und-das-junge-Mädchen-Manier. Der Franco-Kanadier Jack verrenkt sich vor Zurückhaltung, ohne den Alterssabber auf seinem Kinn effektiv verleugnen zu können. Zweifellos fürchtet er den Einbruch des Frivolen als Ausbruch seelischer Inkontinenz. Er klebt an einem Selbstbild, das schon lange keinen Prüfungen mehr ausgesetzt war. Die Halb-Indigene Pitsémine gibt sich ungezwungen und verlacht die halbgreise Scheu vor den Jugendüberschüssen.

Sie überrascht Jack mit der Einladung, in ihrem Schlafsack Platz zu nehmen, wenn auch nur als Wärmflasche in einer kalten Nacht. Bald darauf konfrontiert sie den zögerlichen Zausel (in einer YMCA-Absteige) mit nackten Tatsachen. Pitsémine protzt so ein bisschen; sich ihrer Sache ungemein gewiss.

„Na darum“, sagte sie und deutete auf ihre Brüste. „Klein, ich weiß, aber auch nicht grade unsichtbar, oder?“

Poulin hüllt Pitsémine in den Mantel einer fadenscheinigen Naivität, die sich mit ihrer Belesenheit seltsam paart. Kommt das Fahrkabinengespräch auf Landschaftsbegriffe wie zum Beispiel Michilimackinac, dann erschöpft sich für Jack die aktuelle Relevanz weitgehend in der kolonialen Prägung. Allenfalls vernimmt er schwache präkoloniale Anklänge. Museal summiert sich in seiner Geschichtsauffassung Relikt & Artefakt. Jack identifiziert flüchtige Verlautbarungen und schwache Spuren untergegangener Kulturen, während Pitsémine das Eigentliche im Ursprünglichen erkennt und die überformten Schichten hervorkramt.

Michilimackinac – „Pitsémine betonte sämtliche Vokale und ließ die letzte Silbe schnalzen wie einen flachen Ruderschlag aufs Wasser.“

Michilimackinac ist ein Wort aus der Sprache der Odawa/Odaawaa/Ottawa/Nishnaabe und bezeichnete zuerst die Mackinac Insel sowie eine von Seen beherrschten Gegend an der Grenze zu den Vereinigten Staaten. Die Odawa gewannen nach Sezessionen von überkommenen Zusammenhängen, die ohne Rigorismus vollzogen wurden und schwerwiegende Gemeinsamkeiten weiterhin zuließen, in Mi-shi-ne-macki-nong - Ort, wo die Mi-shi-ne-macki naw-go leben ihre autonome Verfassung. Pitsémine weiß das, Jack hat davon keinen Schimmer.

Die Odawa blieben im Council of Three Fires mit verwandten Verbänden verbunden. Man traf sich mit „Ältesten und Jüngsten Brüdern“ in Michilimackinac. Pitsémines melancholisches Interesse an ihren Vorfahren bildet Jack.

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Aus der Ankündigung

Der kanadische Kultroman über eines der schönsten und ungewöhnlichsten Paare der Literatur, das in einem alten VW-Bus von Québec bis nach San Francisco fährt, ist unvergesslich.

Der Zufall führt sie zusammen. Jack Waterman, ein schweigsamer Träumer in der Schreibkrise, auf der Suche nach seinem Bruder Théo. Und die Halb-Innu Pitsémine, rastlos und lesewütig, wegen ihrer langen, dünnen Beine auch die Große Heuschrecke genannt. Mit einer Nähe, die nur Fremde verbindet, tun sie sich zusammen. Sie sichten alte Karten und Bücher, suchen das traurigste Chanson der Welt, und durchqueren auf Théos Spur in Jacks altem VW-Bus den Kontinent, von Québec bis San Francisco. Mit seinem Kultroman über eines der ungewöhnlichsten Paare der Literatur ist der gefeierte kanadische Autor Jacques Poulin endlich auch hier zu entdecken. Eine Roadnovel voller Weite, erzählt mit feinem Witz und einer seltenen Wärme.

Zum Autor

Jacques Poulin wurde 1937 in Saint-Gédéon-de-Beauce (Québec) geboren. Er studierte Psychologie und arbeitete als Übersetzer, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Poulins mehrfach ausgezeichnetes und in zahlreiche Sprachen übersetztes Werk umfasst vierzehn Romane.Volkswagen Blues(1984) ist sein bekanntestes, mehrfach preisgekröntes Buch und ein moderner Klassiker der frankokanadischen Literatur.

06:43 23.11.2020
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