Das High des Jahrhunderts

Max Wolf Auf der Suche nach Intensität - Max Wolf beschwört in „Glücksreaktor“ den Kollektivrausch auf Techno. In der Berliner Fahimi Bar sprach er mit Laura Ewert über seinen ...
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Und es war Sommer. In der Fahimi Bar herrschten Saunatemperaturen. Das Publikum saß wie ausgegossen in Schweißpfützen. Es gab Eiswasser aufs Haus.

Laura Ewert und Max Wolf

Eingebetteter Medieninhalt

Sie ziehen an der „gläsernen Schönheit, bis das ganze Hirn auf Pause geschaltet ist“. Der Plural bezieht sich auf Torsten, Dirk und die Zwillinge. Wichtiger als das Ensemble ist der Solist. Er heißt Fred und hält in seinem Milieu einen galaktischen Vorsprung mit einer naturwissenschaftlichen Begabung. Fred begreift die Leere nicht, in die andere vorstoßen, sobald sie mit Formeln konfrontiert werden. Das Leben verbirgt seine Gesetzmäßigkeiten vor ihnen.

Als ein Messias der Mathematik versucht Fred Jünger an Land zu ziehen, die mit ihm die sachliche Schönheit des Universums entdecken sollen. Der gemeinsame Nenner erschöpft sich in einer Vorliebe für elektronische Musik.

Fred fühlt sich manchmal so: Wie ein Glücksreaktor vor der Kernschmelze.

„Ich gehe immer noch tanzen“, verriet Max Wolf in der Fahimi Bar bei der Premiere von „Glücksreaktor“. Auf dem Schauplatz herrschten Saunatemperaturen. Das Publikum saß wie ausgegossen in Schweißpfützen. Es gab Eiswasser aufs Haus.

Der Roman spielt im Sommer 1994 in Erlangen und Umgebung. Ein siebzehnjähriger Nerd hat Phantasiesex mit Freundinnen seiner Mutter. Er überprüft ihre „Aufmotzgrade“ auf der Magistrale von Erlangen, wo eine Strickjacke in der Auslage zum Objekt der Begierde werden kann. Hechelnd überzeichnet Fred die Vorzüglichkeit der ausschwärmenden Mütter seiner Generation, bleibt aber gelassen, wenn die adoleszente Nathalie fragt: „Soll ich was besorgen?“

Fred fürchtet Drogen nicht. Unbekümmert nimmt er Ecstasy, „auf der Suche nach enormer Intensität“.

Der Autor machte klar, dass er sich an dieser Stelle mit Fred trifft. Er bedauerte eine „Tendenz zum Leidenschaftsabbau“ in den Alterungsprozessen. Die Frage der Moderatorin Laura Ewert: Sind Drogen ein Wohlstands- oder ein Jugendphänomen? bügelte Wolf vom Tisch. Sich ein Leben mit Schwung zu erhalten, ist Arbeit und verlangt Kreativität so wie Nachsicht sich selbst gegenüber. Es führt dazu, dass man immer öfter der mit Abstand Älteste auf der Party ist.

Mit seinem besten Freund Nick besteigt er zum ersten Mal „Das Boot“ in oder in der Gegend von Nürnberg. Der Club liegt tatsächlich vor Anker, den Parkplatz am Hafen erlebt Fred im Drogenrausch als „Raketenabschussrampe“. Dr. Motte legt im „Boot“ auf, es kommt „zum Stromausfall in den Verständnisarealen mit anschließender Kernschmelze des titelstiftenden Glücksreaktors. Fred geht durch die Decke des Vergnügens und eilt seinem Kater mit Siebenmeilenstiefeln entgegen.

Inzwischen hat das Familiengründungsfieber die dritte Raver Generation erfasst. Ihre Repräsentanten zeigten sich mit kleinen Kindern in der Fahimi Bar. Offenbar fanden sie sich gut getroffen auf den Bildern, die Wolf in seinem Romanalbum versammelt.

09:50 10.08.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare