Das Jahr Null unserer Zeit

SPD Nachrichten aus dem Bauch der alten SPD - Willy Brandt behauptete am Ende seines Lebens, bloß Bahr zum Freund gehabt zu haben. Die anderen waren Rivalen und hielten ...
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Mit dem Journalisten als jungem Skeptiker wäre auch der Spion, der aus der Kälte kam, gut besetzt gewesen. Egon Bahr war ein Schattenmann im kalten Krieg - der Garant für die Unantastbarkeit seines Chefs Willy Brandt, dem regierenden Bürgermeister von Berlin. Damals, in den 1960er Jahren, glich die Frontstadt einem Vulkan vor dem Ausbruch. Über den rauchenden Kratern ging Tag und Nacht ein Informations- und Desinformationsgewitter nieder. Es gab mehr Agenten als Gastwirte.

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Das erzählte Heinrich Leise in einer Stehgreif-Laudatio im überdachten (und wie ein Wohnzimmer beheizten) Lichthof jener maurischen Festung, mit der er seinem arabischen Hammer ein Denkmal gesetzt hatte. Der Fremdkörper stand auf einer Brache zwischen Hochplattenbauten und der documenta urbana. Mit Heinrich Tochter Iris durchstreifte ich fast täglich die Dönche. Ich gehörte zur Familie, kümmerte mich um die Fahrzeuge, den Transport schwerer Gegenstände und was sonst noch anfiel. Der praktische Nutzen eines jungen Mannes, dessen Vertrauenswürdigkeit außer Frage stand, wurde hochgeschätzt und wie eine tierische Leistung mit Nahrung und Streicheleinheiten entgolten. Heinrichs Frau, die katholische Magarete, fasste den Verehrer ihrer Tochter gern an.

Margarete nahm meine Zurückweisungen schamlos hin. So verdreht ich sie fand, ihr war doch nichts peinlich. Die Leute standen grundsätzlich unter der geborenen Dupont (Kasseler Hugenottenadel), die sich exzellent verheiratet hatte. Heinrich stammte aus dem Göttinger Bürgeradel und hätte das bequeme Leben eines CDU-Provinzgranden führen können. Er hatte sich aber herkunftswidrig und deshalb für mich unplausibel für die SPD entschieden und diente nun Holger Börner als Experte für alles. Bahr war sein Gast. Das hatte sich herumgesprochen. Leises polnische Perle Kiowa schrie um Hilfe. Ich beeilte mich. Am Burgtor geriet ich in ein Handgemenge. Eine Frau schlug mit ihrer Tasche zu, da sie sich von einem resoluten Rentner zurückgedrängt sah. Ein Dutzend Zeitgenossen wollten den „Architekten der Ostverträge“ von Angesicht zu Angesicht erleben, doch nicht alle wollten das mit freundlichen Absichten. Ein Grandseigneur kämpfte sich vor, zückte seine Karte wie bei einem Empfang in Prousts Paris und befahl Kiowa: „Sagen Sie Bahr, dass ich ihn sprechen möchte.“

Der drakonische Auftritt brachte ihn nicht weiter. Der Mann suchte sein Publikum unter den Wartenden. „Der Egon ist ein Lügner“, erklärte er und berief sich auf Klaus Schütz: „Das hat der Klaus auch immer gesagt.“

Ich greife vor.

Willy Brandt behauptete am Ende seines Lebens, bloß Bahr zum Freund gehabt zu haben. Die anderen waren Rivalen und hielten sich für berufener, so wie Herbert Wehner (den das Überleben der stalinistischen Säuberungen im Moskau der 1930er Jahre diskreditierte, und den Bahr einen Verräter nennt) und Helmut Schmidt.

Den Kanzler der Aussöhnung beschrieb Bahr als „einen Glücksfall für Ost und West“. Nahe käme Brandt aber kein Mensch.

Heinrich verwickelte seinen Gast in ein Gespräch über die politischen Aussichten. Gerade war der Schah gestürzt worden. Während Khomeini in Teheran triumphierte, besuchte zum ersten Mal ein hochrangiges Mitglied der chinesischen KP die Vereinigten Staaten. Deng Xiaoping war für Time der Mann des Jahres 1979. Mit seiner Erscheinung auf dem politischen Parkett verband sich die ökonomische und kulturelle Öffnung Chinas. Noch erkannte niemand die globalen Folgen des staatskapitalistischen Coups. Viele Linke fürchteten, dass China seine Fassung verlieren könne.

Er gab noch den maoistischen Terminkalender für Lehrer.

China war ein Sehnsuchtsort nicht nur für Maoisten. Auch André Malraux hatten die politischen Experimente im Reich der Mitte verzaubert.

Ich begriff Malraux als Meister der Fortschreibung und Umwandlung von Mythen. Mit den antiken Stoffen putzte er die kollektiven Erfahrungen einiger Aufstände und packte sie nach seinem eigenen System in die Fächer des kulturellen Gedächtnisses. Unter schwierigsten Bedingungen dachte er über Formulierungen nach. Er raubte Kunst, wilderte in Angkor Wat. Er vermaß die Schauplätze des Indochina Krieges. Er traf John F. Kennedy, den Erben dieses Krieges, auf diplomatischem Parkett.

Das Jahr Null unserer Zeit

Der Historiker Niall Ferguson datiert den letzten Weltwandel, „das Jahr Null unserer Zeit“ (Julian Assange), auf das Jahr 1979. In seinem Faktenthriller „Zeitenwende 1979 - Als die Welt von heute begann“ findet Frank Bösch viele Gewährsleute und Beispiele dafür, dass „die Welt von heute“ zehn Jahre vor Neunundachtzig begann. Die These untermauert er mit der Darstellung von zehn durchschlagenden Ereignissen.

Erst stützte ihn die Bundesrepublik, dann unterstützte sie jene, die Schah Reza Pahlavi vom Pfauenthron stürzten. Den historischen Dreh- und Angelpunkt beschreibt Frank Bösch als weltgeschichtliche Wendemarke – und Initialzündung für das akute Jetzt. Nichts von dem, was im Februar 1979 in Teheran geschah, war vorhergesehen worden. Michel Foucault, der für Corriere della Sera den landesweiten Aufstand beobachtete, schrieb: „Das ist vielleicht die erste große Erhebung gegen die weltumspannenden Systeme.“

Innerhalb von drei Tagen waren die etablierten Machtstrukturen abgeräumt und weggefegt.

Viele werden den Menetekelcharakter von Foucaults Nachrichten aus dem Iran überlesen haben. Plötzlich fluteten verschleierte Frauen das Vorfeld der Reporterarmee und erklärten ihre „Abkehr von der westlichen Moderne“ zum Ausblick auf das politische Design der Zukunft. Die Botschaft verhallte im Nichts der Verständnislosigkeit. Zukunft war nach allgemeinem Verständnis ein westliches Projekt. Wahrgenommen wurde „eine Rückkehr ins Mittelalter“ unter der Ägide des Ajatollah Khomeini.

Frank Bösch, „Zeitenwende 1979 - Als die Welt von heute begann“, C.H.Beck, 512 Seiten, 28,-

Am 16. Oktober 1978 wurde der Pole Karol Wojtyla zum Papst (Johannes Paul II.) gewählt. Ein Jahr später löste sein Besuch in der kommunistischen Heimat ein Erdbeben der katholischen Begeisterung aus, in dem viele Brocken der Systemkritik durch die Luft fliegen. Frank Bösch bemerkt: „In diesem Jahr häuften sich globale Ereignisse, die Türen zu unserer Gegenwart aufstießen. In zahlreichen Ländern kam es zu Revolutionen, Umbrüchen und Krisen, die viele Herausforderungen unserer heutigen Welt ankündigten.“

Ein Jahr später sorgte eine Versorgungskrise in Polen für Massenproteste. Werftarbeiter bildeten den Kern einer revolutionären Zelle, deren Metastasen den Ostblock bis zur Selbstaufgabe schwächten.

Gewitter im Kopf
Das sah niemand voraus, als Bahr bei Leises war und es sich gut gehen ließ, als beinah schon historische Persönlichkeit und zukünftigem Jahrhundertmann. Irgendwann tauchten Freunde von Iris auf, die ihre andere Seite zur Geltung brachten. Mit ihnen knallte ein Dutzend Straftaten auf den Tresen der Ereignisse. Das Protokoll der Freundschaft sah vor, dass gemeinsam gesoffen wurde im Dreiklang von legal, illegal, scheißegal. Man brach Autos auf, ohne andauernde Aneignungsabsicht. Unbefugter Gebrauch eines Fahrzeugs (strafbar nach § 248b StGB) ist ein Tatbestand der Fünfzigerjahre, als Halbstarke die westdeutsche Justiz mit einem neuen Phänomen konfrontierten. Den kriminellen Absichten fehlten Diebstahlsmerkmale. Für die Neunundsiebziger war das alte Spiel eine neue Sache, sie schleuderten mit geknackten Badewannen durch Kassel. Den Ford 17m nannte man Badewanne. Sie räumten Getränkeschuppen aus und zogen vorzeitig vergreisende Kriegsverrückte über den Tisch. Sie hatten ihren eigenen Club – die oder das Wunderbar in Rothenditmold.

Alle hatten Gewitter im Kopf, jeder eine andere Art Sturm. Jedem legte Verzweiflung eine Hostie auf die Zunge. Die Geigerzähler des Wahnsinns schlugen in alle Richtungen aus.

War man mit ihnen unterwegs, schien die Stadt ihre Form zu verlieren wie ein weich gewordener Karton.

Die Neunundsiebziger gehörten nicht in meine Welt. Ich lebte knapp jenseits des Sogs, der meine Generation nach Berlin zog. Ich wollte da nicht hin. Ich hatte in Kassel alles, was ich brauchte. Für Iris und die Neunundsiebziger stand aber fest, dass ihr letztes Jahr in Kassel angebrochen war.

Wie sie über meine Stadt redeten, gefiel mir ganz und gar nicht.

Ein paar Tage später fuhren Iris und ich noch einmal gemeinsam auf ein Seminar zum Biedenkopf. Es war unsere letzte jungsozialistische Fortbildung im vollen Ornat der Vertraulichkeit. Keine Stunde nach unserer Ankunft tauchte einer der Chefs der Neunundsiebziger auf. Anton rotzte herum. Mich nannte er einen Revisionisten und wünschte mir eine Kulturrevolution an den Hals.

Bier aus der Wand

Da war sie wieder, die Faszination für den erwachenden Riesen China.

Zu meinem Erstaunen war auch Simone da. Sie war als Zehnjährige aus Berlin in die mit einem tausend Jahre alten Straßendorf verbundene Siedlung meiner Kindheit und Jugend verschlagen worden. Sie trug lange Trauer in ihrer Diaspora. Irgendwann kam sie aus ihrem Schneckenhaus. Plötzlich sah sie, was sie täglich sah, mit den Augen der Liebe.

Simone träumte von einem Leben zwischen Wald und Flur. Sie hatte sich in ein Haus verliebt, das zur Försterei Fahrenbach gehörte und an einem Saum der Söhre so stand, dass der Garten überging in eine Aue.

„Wenn wir uns die Miete teilen, macht das sechzig für jeden“, sagte Simone. Sie hatte mitbekommen, was sich zwischen Iris und Erich abspielte. Sie wusste, dass Iris zwar richtig mit Volker zusammen gewesen war, aber nie richtig mit mir.

Ich hatte noch nie eine richtige Freundin gehabt.

Simone holte sich einen Früchtetee und kehrte direkt zu mir zurück. Das war eine starke Ansage. Es bedeutete, an vielen Genossinnen und Genossen einfach vorbei gegangen zu sein, anstatt sich in Plaudereien ziehen zu lassen. Simone schien nur auf meine Entlassung gewartet zu haben.

Im Frühjahr 1979 war es soweit. Madeleine studierte schon in Frankfurt am Main und wohnte in der Prominentenkommune am Friedberger Platz. Um nicht enterbt zu werden, war mein beinah lebenslanger Trainingspartner Roland zum Bund gegangen. Unser aller Sorgenfreund Martin hatte sich umgebracht. Kerstin hatte Peter geheiratet. Mein Vater hatte sein Amt als Ortsvorsitzender an Simones Mutter, einer Professorin für Stadtplanung, verloren. Meine Eltern waren unter die Windsurfer gegangen. Iris hatte sich Erich zugewandt, und Simone wandte sich mir zu.

Keiner bekam mit, dass eine neue Zeit angebrochen war.

Den ersten Vortrag hielt Patricia Funke. Sie sprach über Heiner Müller und Franz Fühmann. Sie ging uns mit Fühmanns „Böhmen am Meer“ an. Fühmann (1922 – 1984) war in der Sturmabteilung gewesen, „ein glühender Faschist“, so Funke, sonst wen zitierend, der „anderen Völkern ein guter Herr gern gewesen wäre“. Unter Preußen und auf märkischem Grund wurde der Riesengebirgler nicht heimisch. Seine Bekehrung bezahlte Fühmann mit qualvollen Ansichten und dem Verlust seines lyrischen Vermögens. Das hängt zusammen. Anders als Johannes Bobrowski, der seine verlorene Tilsiter Heimat im Herzen behielt, hielt Fühmann Festhalten für verboten. Fühmann ernüchterte politisch und suchte Zuflucht im Rausch. Das hängt auch zusammen.

„Böhmen am Meer“ gibt es natürlich nicht. Man findet den Ort, der auf seine Unmöglichkeit hinweist, in Shakespeares Wintermärchen. Fühmann siedelt seine Sudetendeutschen an die Ostsee um. Er erzählt von Schicksalen der Vertreibung als gerechte Umsiedlungen. Das erzählende Ich teilt sich mit dem Autor den Lebenslauf. Geboren in Böhmen, besinnt sich der beispielhafte Heim-ins-Reich-Sudetendeutsche in sowjetischer Gefangenschaft eines Besseren. Er braucht was zum Glühen, jetzt glüht er für den Sozialismus. Als Urlauber strandet er bei einer Unterkunft gebenden Hermine Traugott. Das ist eine von Pech versteinerte Person. Der Erzähler liest das „Wintermärchen“ am Strand. Er erinnert (sich) an Verfechter des Deutschtums in der alten Heimat. Die Herrschaften wollten herrenmenschlich Lebensraum bis zum Ural gewinnen und alle anderen auf dieser Strecke sollten in Sibirien auf der Strecke bleiben. Das muss man sich ab und zu klarmachen, so sah der Plan aus. No mercy mit dem Untermenschen.

Der Erzähler erkennt nun in Hermine eine Frau aus der Gegend seiner Herkunft. Er sieht sie leiden am böhmischen Verlust. Der Pappkamerad im Holzschnitt: „Ich ... war ja selbst Umsiedler und bejahte die räumliche Trennung der beiden Nachbarvölker ... Wir hatten versucht, die anderen auszurotten; nun würden die anderen uns ausrotten, Auge um Auge, Zahn um Zahn!“

Müllers „Umsiedlerin“ reagiert auf Motive in Anna Seghers gleichnamigen Erzählung (1950). Erzählt wird eine lange Geschichte. Sie fängt mit der Bodenreform 1945 an und endet mit der Kollektivierung landwirtschaftlicher Betriebe. 1960 ist das ein abgeschlossener Prozess. Müller lässt alle Schichten antanzen, die Verwerfungen des Kriegs schreiben die Partitur der Verteilungskämpfe. Ein Bürgermeister stieg vom Melker auf, es geht aber nicht allen gut. Den Neubauern Ketzer ernährt sein neues Land nicht, er beendet die Verelendung im Sozialismus mit Suizid. Auf der Parteilinie schließen sich Sozialismus und Selbstmord aus, Müller, weit davon entfernt, Dissident zu sein, bringt es bloß nicht fertig, sich von der Wirklichkeit zu verabschieden. Aus dieser Wirklichkeit zieht er den Umsiedler Fondrak, der sich unter Kommunismus „Bier aus der Wand“ vorstellt und lieber in den Westen geht, als eine Neubauernstelle anzutreten. Obwohl Fondrak die Umsiedlerin Niet geschwängert hat.

Müller will seine „Umsiedlerin“ als Komödie verstanden wissen, so versteht sie aber keiner. Seine Konflikte sind alltäglich. Sie drehen sich um Traktoren, Motorräder, Arbeitskräfte, Bier, Frauen und Ideen, die erst einmal kapiert werden müssen: „Was die Mehrheit/Beschlossen hat, das kann die Mehrheit auch /Umschmeißen.“

Ein Bauer wird zum „Umzug aus dem Ich ins Kollektiv“ gezwungen. Auch er möchte mit sich Schluss machen. In der LPG beantragt er umgehend einen Krankenschein: „Zehn Jahr saß er uns im Genick, der Hund / Zwei Jahr und länger ließ er sich dann bitten / Und wieder stößt er sich an uns gesund. / Ich wollt‘, ich hätt‘ ihn nicht vom Strick geschnitten.“

Niet übernimmt Ketzers Hof. Das ist der utopische Moment bei Müller. Die Umsiedlerin repräsentiert eine Bereitschaft zum Aufbau der jungen Republik.

Das Stück wird zu schnell abgesetzt, es steht doch alles darin.

In Seghers’ „Umsiedlerin“ (1950) spielen die dürftigen Verhältnisse der Migranten die Hauptrolle. Als ihre Landsleute Niet fragen, warum sie sich anstrenge, als sei sie „daheim“, antwortet sie: „Weil man gerecht war.“ Der Zugriff glückt mit beiden Händen, die Gesellschaft und das Individuum ziehen an einem Strang. Niet bleibt nicht „Flüchtling“, sie findet einen Platz im Trubel ihrer Gegenwart. Müller zeigt sie (und jeden) nicht übertrieben optimistisch. Doch ist er auf keinen Eklat gespannt: „Wir waren ganz heiter, fanden das so richtig sozialistisch, was wir da machten.“

Noch in der Nacht der Premiere werden Schauspieler verhört. Man legt ihnen nah, sich mit „der verbrecherischen Regie“ heraus zu reden. Müller wirft man „Nihilismus“ und „Schwarzfärberei“ vor, sein Spezi Tragelehn fährt zur Bewährung in den Braunkohletagebau ein. „Die Umsiedlerin“ verschwindet in einem Futteral des Schweigens. Erst 1976 inszeniert Fritz Marquardt „Die Umsiedlerin“ als Mumienschanz unter dem Titel „Die Bauern“ an der Berliner Volksbühne.

09:43 02.03.2019
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