Das Kino der Natur

Die Ära Achtundsechzig Der Fahrer vollzieht eine Volte. Er distanziert sich von seiner Erscheinung und spricht plötzlich wie ein Polizist. Er sagt: Das Bewusstsein ist eine Entgleisung.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Aus meinem Briefwechsel mit den Zwillingen Gisela Getty und Jutta Winkelmann im Zuge der gemeinsamen Niederschrift von „Die Zwillinge oder Vom Versuch Geist und Geld zu küssen“.

Obwohl die Zwillinge in gewisser Weise beide mit dem Millionenerben Paul Getty verheiratet sind, kennen sie Geldnot. Pauls despotischer Großvater hält den Enkel und seine Familie kurz. Jutta freut sich deshalb über das Angebot, in einem Film mitspielen zu können, der auf Sizilien gedreht wird.

Ein paar Tage nach der Nacht mit Bob Dylan und einem Erweckungserlebnis …

Mein Abflugtag ist diesig. Morgens um sechs steige ich müde in ein Taxi. Ich habe nur eine kleine Tasche mit dem Nötigsten dabei. In drei Wochen will ich zurück sein. Dann haben wir Geld, können Milch für die Kinder kaufen und Fotos abziehen lassen für einen Agenten.

Sunset verblasst in meinem Rücken. Der Taxifahrer ist ein Hippie und besteht grinsend auf Komplizenschaft unter Blumenkindern. Ich rieche das Gras in seiner Zigarette. Selbstverständlich beteiligt er mich an seinem Vergnügen.

„Wo fliegst du hin?“

Wir plaudern, aber meine Gedanken kreisen um Bob (Dylan). Ich habe gestern mit ihm gesprochen. Gisela und ich sind zu einem Telefonhäuschen am Sunset gegangen, ich wählte die Nummer. Bob ließ sich zuerst verleugnen. Im Hintergrund weinten Kinder. Ich spürte den Stress im Haus und fühlte mich elend.

Eingebetteter Medieninhalt

Mit sechzig in Haight Ashbury als Gitarrentramp

Er kam dann doch ans Telefon, einen Widerstand spürbar überwindend. Er war zuerst förmlich, als sei Jutta einfach nur eine Nervensäge aus dem Groupie Milieu. Jutta versuchte, ihm die Intensität ihrer Empfindungen und das Besondere der Beziehung deutlich zu machen. Bob schien innerlich abzuwinken. Jutta vernahm den Einzug hochwillkommener Gäste, die sofort den Hausherrn beanspruchten und dem Telefongespräch keinen Wert beimaßen. Das war furchtbar für Jutta. Und dann wollte auch noch Gisela mit Bob reden. Das war vorher verabredet worden. Wer weiß schon, worauf so ein Mann anspringt … vielleicht dann doch auf die Verdopplung ansprechender Weiblichkeit.

Jutta zieht wieder am Joint, verzweifelt grinst sie den begeisterten Taxifahrer an. Er will sie auf der Stelle heiraten und fortan alle bürgerlichen Kontributionen erfüllen, für ein Durchschnittsleben in Venice oder Malibu. Entscheidend ist, dass man nach dem Job zu einer Frau zurückkehrt, auf die man abfährt; die einen nicht im Stich der Langeweile lässt.

Jutta reagiert mit existenzialistischer Resignation und Rock’n‘Roll Zitaten auf die Bereitschaftsautomatik des Fahrers, für sie sein Leben zu ändern. Offensichtlich hält er den Hippiestatus für vorläufig. Vermutlich glaubt er, dass weibliche Hippies nur so lange flippig sind, bis sie den Richtigen gefunden haben. Jutta und er gehören zu einer Jugendkultur, die den Jugendbegriff dehnt. Man muss sich nur alte Hippies angucken, um zu erkennen, dass es nicht sexy ist, mit sechzig in Haight Ashbury als Gitarrentramp aufzutreten. Solche Typen werden als getarnte Penner registriert. Sie leben ganz anders auf der Straße und am Strand als die jungen Obdachlosen von der Ostküste, die ihre Eltern um telegrafische Zuwendungen bitten können.

Die Alten flechten Matten, die keiner haben will, weil ihr schlechtes Karma im Material steckt.

Der Fahrer vollzieht eine Volte. Er distanziert sich von seiner Erscheinung und spricht plötzlich wie ein Polizist. Er sagt: „Das Bewusstsein ist eine Entgleisung. Jeder emanzipierte Erpel beweist das. Er schwankt zwischen den Optionen bewachen und begatten, und jetzt kommen diese Neunmalklugen aus der Subkultur und wollen schlauer sein als die Natur, die in Formen und Farben schließlich ihre eigene Kultur mit Kino und Theater am Laufen hält.“

Jutta findet das Kino der Natur als Metapher gelungen. Der Fahrer guckt nur noch in den Rückspiegel. Jutta bedenkt ihre Silhouette und ist bereit, für den Zausel schön zu sein.

Jutta erinnert sich:

Ich spüre, wie das Leben mich verschluckt und verflogene achtzehn Stunden später am Münchener Flughafen wieder ausspuckt. Kai und Rainer (Langhans) holen mich ab. Rainer hält sich bedeckt, spielt Hintergrund. Ich atme sein Interesse ein. Auf der Fahrt zur Produktion erzählt er, dass er in meiner Abwesenheit den Regisseur des Filmes aufgesucht, mit ihm am Drehbuch gearbeitet, und auch eine Rolle im Film bekommen hat, also mit nach Sizilien kommt. Ich höre das mit gemischten Gefühlen, von Rainer geht etwas aus, dass ich nicht fassen kann und dass mir mitunter unangenehm ist. Wir bekommen Augenschalen angepasst, im Film sind wir alle blind. Das ist scheußlich. Ein Schauspieler fällt in Ohnmacht.

Morgen mehr.

07:05 31.05.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare