Das Licht einer Version

Aleksandar Hemon Die Mutter aller Legenden, die sich um die ursprünglich galizische, sprich ukrainische Familie Hemon ranken, erzählt von einem Vorsprung, den bettelarme Einwanderer ...
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„Alle glücklichen jugoslawischen Familien gleichen einander, jede unglückliche jugoslawische Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ Aleksandar Hemon nach Leo Tolstoi

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Fama-Funktion

Die Mutter aller Legenden, die sich um den ursprünglich galizischen, sprich ukrainischen Imker-Klan Hemon ranken, erzählt von einem Vorsprung, den bettelarme Einwander:innen angeblich gegenüber den Eingesessenen besassen; damals, als sie im Rahmen eines großen Habsburger Manövers zu Beginn des XX. Jahrhunderts umgetopft wurden. Es seien Ukrainer:innen gewesen, die in Nordwestbosnien die Kunst der Bienenzucht einführten.

Die Funktion der Fama liegt auf der Hand. Im Licht dieser Version erscheinen die hereingeschmeckten Habenichtse nicht mittellos. Erst in der letzten Generation vor der Ära des Erzählers verloren sie ihr besonderes Bienenwissen an die Allgemeinplätze eines unter Tito hoffnungsvoll sozialistischen Alltags.

Aleksandar Hemon, „Meine Eltern / Alles nicht dein Eigen“, aus dem amerikanischen Englisch von Henning Ahrens, Claassen, 24,-

Hemon erzählt von seiner bosnischen Familie. Lange existiert sie im Einklang mit den jugoslawischen Idealen. Als der Krieg die gemeinsame Identität auslöscht, verlässt sie das Land ihrer Herkunft und lässt sich in Kanada nieder; wo sie eine jugoslawische Diaspora hochhält.

Mutwillige Mythologisierung

Aleksandar Hemon stellt die Geschichte seiner Familie als Kraftwerk dar. Der Meme-Strom unterstützt das genetische Laufwerk. Die Hemons erzählen sich. Zumal der Vater des Autors tritt als Münchhausen der mutwilligen Mythologisierung auf. Er siedelt in seinen Geschichten von einer Heimat, die vor Fragwürdigkeiten und Katastrophen* tropft. Ich raffe schnell einiges, um auf den Punkt zu kommen. Den aufgelassenen Staat Jugoslawien besingt der alte Hemon als verlorenes Facharbeiter:innen-Paradies.

*

*Der Autor weist selbst darauf hin: „Katastrophe – im letzten Teil des (antiken) Dramas die entscheidende Wendung der Handlung, die den dramatischen Konflikt löst.“

Ab 1993 lebt die Familie in Kanada, nach Jahrzehnten in Sarajevo. Irgendwann im neuen Jahrtausend widerfährt Hemon, dem Älteren das Glück, in der Rolle eines Schwiegervaters, sehr viele Neuzugängen über das Unglück im Plural zu informieren, das die Marken in seiner Chronik setzt. Er setzt die leidenschaftlich begrüßten Vergrößerer seines Systems in Kenntnis von sämtlichen Kriegen, Vertreibungen und anderen Verlusten, die zu seiner Biografie gehören.

Der letzte Zug

Aleksandar Hemon sagt: „Es gibt keine historische Bestimmung. Das Ringen ist alles.“

Die Eltern des Autors erwischen am 2. Mai 1992 um 12:30 Uhr den letzten Zug, bevor der Verkehr auf dem Bahnhof von Sarajevo eingestellt wird.

„Am späten Nachmittag schloss sich der Belagerungsring um die Stadt, und der schwere Beschuss setzte ein. Der Zug, in den meine Eltern stiegen, war der letzte; danach fuhr jahrelang kein einziger mehr.“

Hemon lebt zu diesem Zeitpunkt bereits in den Vereinigten Staaten. Seine Eltern und seine Schwester landen nach einer Odyssee quer durch die streitenden Republiken des zerfallenen Jugoslawiens auf einem anderen Kontinent wie auf einem fernen Stern.

„Schließlich beantragten Mama, Tata und Kristina Einreisevisa nach Kanada, die bewilligt wurden. Im Dezember 1993 kamen alle drei in Hamilton, Ontario an.“

Sie organisieren sich in der Neuen Welt, doch ihre Herzen sind in der alten Heimat, die eben nicht Bosnien heißt, sondern Jugoslawien. Diese, das Tito-Projekt würdigende Perspektive verdient gründliche Betrachtung. Hemon entwickelt den historischen Prospekt auf den Punkt hin, dass man die Chance erkennt, die Tito zu ergreifen wusste. Das Königreich Jugoslawien entstand während eines Schluckaufs der Geschichte. Etwas in der Art eines Megafaunamassensterbens fand 1918 als Weltordnungskollaps statt.

„Drei Großmächte hatten nach jahrhundertelanger wechselvoller Geschichte soeben aufgehört zu existieren, was die Gelegenheit zur Schaffung obskurer kleiner Staaten bot.“

Keine dreißig Jahre später macht Tito den Sack zu. Sein an den Hegemonen vorbei gegründeter Staat der Südslawen kam bei der Bevölkerung als Überwinder der Rückständigkeit an. Hemon beschreibt die Dynamisierung am Beispiel seiner bäurisch sozialisierten Mutter als ein im 19. Jahrhundert verhafteter Typus ohne Wahlmöglichkeiten und einer über die Kastenschranken hinausgehenden Teilhabe. Vor der 1945 ausgerufenen Sozialistisch-Föderativen Republik erschöpften sich die Aussichten solcher Frauen darin, als kaum alphabetisierte Gebärmaschinen im Joch patriarchalisch-ruraler Daseinsbegriffe seelisch und körperlich zugrunde zu gehen. Der neue Staat erlaubte ihnen den Erwerb der Hochschulzugangsberechtigung.

Der Sohn bilanziert: „Wenn man so will, war Jugoslawien ein diskursives Universum, dessen wichtigster Bestandteil die neu geschaffene sozialistische Mittelschicht war.“

Jugomeksička muzika

In der Gründungsphase des jugoslawischen Staates stiftete das Kino eine Begeisterung für mexikanische Musik. Es entstand die Jugomeksička muzika. Auch den Vater des Erzählers riss die schiere Lebensfreude hin, sobald er „Mama Juanita - Mama Huanita“ vernahm. Sein Sohn deutet an dieser Stelle einen Old-School-Karaoke-Furor an.

Ausgangspunkt des Hypes war der mexikanische Spielfilm Un día de vida aus dem Jahr 1950. Das Filmlied „Mama Juanita“ gehört als „Mama Huanita“ zum Bestand der gesamtjugoslawisch-sozialistischen Folklore.

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Während der Autor die Geschichte seiner ukrainisch-bosnischen Vorfahren erzählt, erfährt er sie selbst noch einmal. Er vermisst den ungeheuren Gegensatz zwischen der aktuellen Gegenwart seiner Eltern und deren biografischen Anfänge am gesellschaftlichen Anfang Jugoslawiens sowie am Ende von so vielem, das langsam nur Relikt des 19. Jahrhunderts in den Spielarten der Habsburger Monarchie geworden war.

Aleksandar Hemon erkennt, dass er nie so jung war, wie seine von einer politischen Aufbruchsstimmung getragene Mutter.

Das Mädchen auf der Vespa

Die Mutter des Erzählers entspricht dem Ideal der jungen Frau im Tito-Sozialismus. Auf „vielen Fotos jener Zeit“ sieht man sie auf dem Hochseil einer perfekten Verkörperung. Sie ist das „Mädchen auf der Vespa: Ballonrock, Bobbysocken und Beehive-Frisur“.

Der Film zum jugoslawischen Lebensgefühl einer vom Mangel gebeutelten, zutiefst optimistischen Jeunesse dorée heißt „Ljubav i moda - Love and Fashion - Liebe und Mode“.

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„Liebe und Mode“ ikonografiert in der Regie von Ljubomir Radičević, mit den Seichtmitteln der Musikkomödie die sozialistischen Zukunftserwartungen auf der europäischen Trümmerfolie.

Der Autor erzählt seine Familiengeschichte. Ihre Anfänge erscheinen in der Retrospektive auch geografisch als Ausläufer. Sie beginnen in der Bukowina und in Galizien, nach heutigen Staatsbegriffen in der Ukraine. Die Hemons sind marginalisierte Untertanen auf vernachlässigten Feldern der Habsburger Monarchie. Als im frühen XX. Jahrhundert der kranke Mann am Bosporus einzuknicken droht, reißt der österreichische Kaiser Bosnien und Herzegowina an sich.

„1878 wurde Bosnien österreichisch-ungarischer Finanzverwaltung unterstellt (Kondominium), während es bis 1908 formell weiterhin dem Osmanischen Sultan unterstand. 1908 annektierte Österreich-Ungarn Bosnien-Herzegowina.“ Wikipedia

Die Usurpator:innen schaffenfacts on the ground, indem sie die Ärmsten von sonst wo in ihrer Hemisphäre umsiedeln und sie als Kolonist:innen in ein Konkurrenz- und Verdrängungsverhältnis zu der ursprünglichen Bevölkerung setzen. Hemons Urgroßvater wandert 1912 mit „einem oder zwei Bienenkörben und einem stählernen Pflug“ ein und siedelt nahe der serbisch dominierten StadtPrnjavor im Nordwesten Bosniens.

Ich überspringe einige Stationen, um schnell wieder ins Kino zukommen. Der Vater des Erzählers sieht Živjeće ovaj narod, einen kroatischen Film aus dem Jahr 1947 nach einer Vorlage von Branko Ćopić.

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Aus der Ankündigung

Eigentlich sind es zwei Bücher in einem: MEINE ELTERN/ALLES NICHT DEIN EIGEN. Zwei Titelseiten, zwei Titelblätter; die Hälften sind Rücken an Rücken platziert, getrennt durch eine Reihe von Schwarz-Weiß-Fotos, die Hemons Familie zeigen.

Von den beiden Hälften ist "Meine Eltern" die geradlinigere. Es ist eine Sammlung von Essays über Hemons Mutter (Mama) und Vater (Tata), deren komfortable, bürgerliche Existenz in Sarajevo durch den Krieg zerstört wurde. Sie ließen sich in der kanadischen Stadt Hamilton, Ontario, nieder, wo sie intuitive Zugehörigkeit gegen eine hart erkämpfte Stabilität eintauschten. Wie Hemons Fiktion sind auch die Geschichten aus dem wirklichen Leben in "Meine Eltern" so fein konstruiert, dass ihr Gerüst unsichtbar ist. Es ist der vorsichtige und bewegende Versuch des Sohnes, dem Ganzen einen Sinn zu verleihen.

"Alles nicht dein Eigen" ist rauer und unkonventioneller, konzentriert sich mehr auf Hemon als auf seine Eltern, obwohl die beiden Hälften des Buches im Tandem arbeiten. Diese Hälfte ist eine Sammlung von kurzen Vignetten und Fragmenten: Einige lesen sich wie Notizen zu „Meine Eltern“, andere scheinen sie zu verändern oder gar zu unterlaufen. So ist er in einer Hälfte ein sanfter Junge, der streundende Tiere nach Hause bringt, um sie zu knuddeln, und in dieser ist er ein kleiner Sadist, der Fliegen die Beine ausreißt und sogar eine Katze tötet. Es ist eine Verzweiflung, die "Alles nicht dein Eigen" durchzieht, ein überwältigendes Gefühl der Sterblichkeit und der Verdacht, dass das Erzählen von Geschichten nie genug sein könnte.

Zum Autor

Aleksandar Hemon wurde 1964 in Sarajevo geboren. 1992 hielt er sich im Rahmen eines Kulturaustauschs in den USA auf, als er von der Belagerung seiner Heimatstadt erfuhr. Er beschloss, im Exil zu bleiben. Seit 1995 schreibt er auf Englisch und veröffentlicht regelmäßig unter anderem in «The New Yorker», «Granta» und «The Paris Review». Sein Erzählband «Die Sache mit Bruno» erschien 2000, 2002 folgte der Roman «Nowhere Man», der für den «National Book Critics Circle Award» nominiert war. Die MacArthur Foundation zeichnete Hemon 2004 mit dem «Genius Grant» aus. Spätestens seit seinem international gefeierten Roman «Lazarus», der in Deutschland auf der Shortlist des Internationalen Buchpreises 2009 stand, gehört er zu den meist beachteten Stimmen der amerikanischen Gegenwartsliteratur. 2013 erschien «Das Buch meiner Leben». Hemon lebt mit seiner Familie in Chicago.

10:50 07.09.2021
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