Das Märchen vom Aneurysma

Nedim Gürsel Der Sohn des Hauptmanns - Ein Greis erinnert sein Leben als Sohn eines feurigen Mannes in einer bukolischen Bilanz
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Der Hauptmann macht eine aus dem Waisenhaus zu seiner Frau. Mit zweitem Namen heißt das Mädchen Kader - Schicksal. Es hat ein Mondgesicht. Sein Zopf widersteht wie ein Tau. Kader steigt zur Mutter des Erzählers auf. Sie stirbt zeitig, die Rede ist zuerst von einem Aneurysma. Später sagen die Quartiersauguren, Kader habe sich erschossen, vermutlich aus Versehen. Das naseweise Ich notiert: “Ob Selbstmord oder Unfall, meine Mutter war urplötzlich”. Nach einer anatolischen Weisheit zählte sie zu der Blüte des Landes, die (in einem Zustand vollkommener Gebirgsergebenheit von jeher) stirbt, ohne gelebt zu haben.

Der Yüzbaşı befehligt ein Bataillon. Ihm dient ein Bursche, der mit lauter Verachtung Memet gerufen wird; während man seinen Herrn Plattfuß nennt, sofern man eine Lizenz zum Duzen hat. Freundschaft unter Kemalisten verlangt Löwenmilch - Aslan sütü. Wasser trübt den Rakı zum wolkigen Mix. Jeden Abend hauen sich Plattfuß und andere ihre Würde verblüffend leicht tragende Honoratioren die Hucke voll in einer voll laizistischen Türkei.

Das Militär garantiert die Demokratie und drängt das religiöse Element zurück. Plattfuß fürchtet nur einen Menschen, das ist seine Mutter, die ihn Hasan und eine Enttäuschung nennt. Als Henker Hasan geht er in die Geschichte ein. Er zieht den Kadettenputsch von 1960 durch. Die Angelegenheit endet u.a. mit der Hinrichtung des gestürzten Staatschefs Adnan Menderes und dem Verbot der Demokratischen Partei.

Die türkische Armee als Hüterin der Demokratie zählt zur Jugendromantik nicht nur des Erzählers. Nach Jahrzehnten in der Fremde kehrt er hinfällig heim, um sich räumlich nah der Kindheit ein letztes Mal zu erinnern. Das Nachlassende und Durchsackende des Alters stimmen ihn gnädig. Er wählt den Ton der Hirtengesänge für seine Bilanz. Immer wieder stellt er sich die sinnloseste aller Fragen. Was wäre gewesen, wenn?

Eine einleuchtende Unterscheidung zwischen Gesellschaften beschreibt die Türkei als alte Gesellschaft im Gegensatz zum jungen Amerika. Den römischen Reichsnachfolgebestrebungen zum Trotz ist auch Deutschland mädchenhaft jung im Vergleich zu dem, was sich in Mesopotamien lange vor Rom abspielte. Alte Gesellschaften haben immer etwas Chinesisches. Sie achten den Einzelnen wenig und begrüßen das Autoritäre. Sie sind schlitzohrig und gießen auch das Böse in Humor. So dass es sich einprägt, schließlich hat es sich bewährt.

Als Repräsentant gleichzeitig bewahrender und fortschrittlicher Kräfte steckt Hasan in einer Zwickmühle. Einerseits versteht der Hauptmann die von Atatürk geformte Türkei als Schrumpfform des Osmanischen Reichs und älterer Gesellschaftsformationen auf dem von ihm persönlich beschützten, manchmal auch beschossenen Staatsgebiet und in den verlorenen Weiten babylonischer Prachtentfaltung mit effektiver Vielweiberei, orientalischer Klugscheißerei, Myrrhe- & Weihrauchgedöns, Kameldungexport und jeder Menge Sklaven. Andererseits sieht sich der Kommandant an der Sturmspitze der Zukunft seines Landes. Das Dilemma löst er im Kreis einer Avantgarde von Schwadroneuren allabendlich geschickt auf. Stichwort Wirtshausvollrausch.

Man ahnt einen kritischen Abstand des Erzählers zum Vater. Lieber hält er sich an die Mutter, die zur Hohlform für jeden Verlust wird, da es von ihr keine widerständige Selbstbeschriftung gibt. Ich bin mir nicht sicher, ob Gürsel seinem Andersich die Sentimentalität väterlich nur durchgehen lässt. Jedenfalls weint er ganz schön einem prall vergangenen Leben nach, all den “schwarzen, roten, weißen und sogar grünen Strings”. - Strings kursiv gesetzt. Sexuell sozialisiert wurde er in der Schlüpfer-Ära.

Der Roman erzählt im Schnelldurchlauf von der Verwandlung des Klassenbesten mit dem Wappen von Galatasaray auf der Hemdbrust in einen selbstgesprächig “launig lüsternen Greis” mit Rheuma. Gelegentlich fällt eine spitze Bemerkung zum amtierenden Pharao.

Nedim Gürsel, Der Sohn des Hauptmanns, Roman, aus dem Türkischen von Barbara Yurtdas, Dumont, 316 Seiten, 24,-

11:37 26.03.2017
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