Das Sächsische als Dialekt der Dialektik

Volker Braun Die Revolution war so lange das nächste, bis sie sich als Ladenhüterin zu erkennen gab und von sich selbst gelangweilt abdankte.
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Die Revolution war so lange das nächste, bis sie sich als Ladenhüterin zu erkennen gab

und

von sich selbst gelangweilt

gähnend abdankte.

„Revolution ist wieder zu einem astrologischen Begriff geworden“, klagt Volker Braun. Er sieht sich mit dem Rücken zur Zukunft, „starrend in die Grabkammer, in der wir leben wollten“.

Heiner Müller fasst den Befund so: „Welches Grab schützt mich vor meiner Jugend.“

Volker Braun, „Verlagerung des geheimen Punkts. Schriften und Reden“, Suhrkamp, 319 Seiten, 28,-

Volker Brauns Vater fiel am letzten Kampftag. Die Mutter blieb mit fünf Söhnen zurück. Brauns Geburtsstadt Dresden ist ständig gegenwärtig in Brauns Werk

„Es gibt keine ortlosen Texte.“

doch nicht in einem verehrenden Sinn. Für einen Schriftsteller ist der Text die Tat. Darauf weist Braun wiederholt hin. Die „Verlagerung des geheimen Punkts“ gleicht einer Asservatenkammer voller Tatwaffen.

„Stücke mögen siebzehn Jahre liegen: bis das Publikum reif ist.“

Die Stücke, die zu lange nicht gespielt werden durften, kommen zum Schluss als falsche Versöhnungen des Volkes mit der Politik auf die Bühne. 1989 ergießt sich das Theater (die Avantgarde) auf den Straßen der Republik. Für die Erfassten verschwimmen die Grenzen in alle Richtungen.

Braun bemerkt den „Verlust“ der Grenzkontrollen. Für die Bürger*innen folgen Augenblicke der Freiheit, für „den aufgeschreckten Staat“ unerwartete Lektionen. In Paris trifft Braun einen zum Unternehmer geläuterten Achtundsechziger, der sich mit Großsprecherei verdächtig macht. Braun versagt in der Rolle des Entlarvenden. Er hat nichts, worauf er bauen kann. Seine historischen Erfahrungen passen in einen Modellbaukasten. Braun sieht seine Erfahrungen aber in einer Krise, die Kunst stiftete. Er redet so vor sich hin und unterscheidet die Wiege der Zivilisation vom Horst der Barbarei wie einer, der die Nacht Mesopotamiens nie sah und nie von Nematoden heimgesucht wurde.

Er riskiert Scherze, die über ihre Zeitverhaftung nicht fortdauern wollten. Keine Aufdeckung einer kollektiven Gedächtnislücke verbindet sich mit einer konventionellen Lesart von Iden: „Well, das bürgerliche Feuilleton, die Iden des Kommerzes fordern uns Erinnerung ab.“

Wer kann die Anspielung auf den Großfeuilletonisten Peter Iden zurückführen?

Braun begreift das Sächsische als Dialekt der Dialektik. Er variiert Heiner Müller in seinem Nachdenken über Shakespeare. Müller sagt: Solange Shakespeare unsere Stücke schreibt, sind wir in der Gegenwart nicht angekommen. Braun spricht leiser: „Wir haben einfach nicht die Kondition und Unverfrorenheit der Londoner Emporkömmlinge.“

Braun vermisst „aristokratische Anwandlungen“, die Shakespeare angeblich hatte. Das eine wie das andere ist kaum zu glauben. Der Theaterbetrieb war in Elisabeths England eine Ausweitung der kommerziellen Bewirtung. Zimmerbrände wurden mit Bier gelöscht.

Der ganze Brecht passt in ein Stück von Shakespeare. Brechts Meisterschüler Braun sinniert über ungeschriebene Meisterwerke; ein Stück gewiss noch über Rosa Luxemburg, das ins Wasser der Zeit fiel.

„Brecht starb, um sich nicht länger verhalten zu müssen.“ Heiner Müller

Die Emigration realsozialistischer Autor*innen in die Antike findet Braun von Shakespeare vorformuliert. Sie verlegen Böhmen ans Meer eingedenk der Nähe Athens zum Strand von Varkiza. Aus dem tschechischen Frühling machen sie den russischen Oktober.

„Mit Realismus geht es nicht.“ Heiner Müller

Was Braun auch bemerkt, hat Müller schon bündig eingetütet.

Wird fortgesetzt.

07:57 06.06.2019
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