Das TAT und seine Folgen

Berliner Ensemble Claus Peymann erinnert sich im Gespräch mit Karlheinz Braun an seine Zeit im Theater am Turm (TAT) und an die Premiere von Handkes "Publikumsbeschimpfung"
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Und es war Sommer/Sechsundsechzig - Peter Handke nannte sie “einen schönen Scheiß”, die erste Inszenierung seines Nicht-Schauspiels “Publikumsbeschimpfung” von Claus Peymann im Theater am Turm.

“Hier wird nicht gespielt (...).”
Der Revolver of Change steckte im Holster des kaum episodischen Auftakts, vier “Sprecher” streckten das konventionelle Theater nieder. Peymann war so durchtrieben, dass er Applaus vom Band einspielen ließ. Damals nahm man zum Klatschen noch die Hände des Nachbarn (ungefähr Wolfgang Deichsel, Anfang der Siebziger TAT-Direktoriumsmitglied).

Peymann erzählt den Schwank auf der Studiobühne seines Berliner Ensembles. Die richtige TAT-Aussprache isoliere jeden Buchstaben. Peymann spricht von einem “alliterativen Diebstahl”. Er klärt ihn zu schnell für mich auf. Gestempelt wurde die Abbreviatur im Kartoffeldruckverfahren - zu Zeiten der “Brechtvergötterung”.

“Peter Stein, Jürgen Flimm, ich: alle (kamen vom Studententheater und) inszenierten Brecht.”

“Wir hatten es sehr leicht. Unsere Gegner waren die Patriarchen.”

“Ich bin Achtundsechzig noch einmal geboren worden.”

“Wir waren natürlich blöd und hatten nur das Protestgefühl.”

Handke habe vollkommen außenseiterisch “den Hauptstrom der Zeit subkutan erfasst”.

Nach der Publikumsbeschimpfungspremiere rannten alle ins Bahnhofsviertel und benahmen sich daneben. Siegfried Unseld musste deshalb mit dem Polizeipräsidenten reden. Peymann schwelgt auf Schäumen der Erinnerung, während Karlheinz Braun wie ein Buchhalter der Revolution der Fakten Strenge feiert.

Der Hesse schwitzt in Berlin, um die von ihm, Sabine Bayerl und Ulrike Schiedermair im Henschel Verlag herausgegebene Großtat „Das TAT. Das legendäre Frankfurter Theaterlabor“ der Welt ans Herz zu legen.

Sechsundsechzig buhten Leute im Theater, die den Krieg als Erwachsene erlebt hatten. Das Theater am (Eschenheimer) Turm war 1953 als Landesbühne Rhein-Main im Volksbildungsheim untergebracht worden. Kam die Rede darauf, ging Goethe immer voran: Begab sich G. weiland zum Eschenheimer Turm, dann war hinter ihm die Stadt zu Ende. (Eine linksseitige Bebauung der bereits vor G. geschliffenen Wälle vereitelte das Wallservitut.) Das TAT begann als stationäres Wandertheater, es wurde politisches Volkstheater und Schauplatz der Avantgarde. Handkes Beschimpfung war Höhepunkt der “experimenta I”, einer kritischen Antwort auf die Theaterolympiade, mit der Westberlin als Frontstadt (im Jargon der Zeit) “stark gemacht” wurde. Peymann blieb bis Neunundsechzig, dem Jahr der Einführung eines (“haarsträubend törichten”, so Peymann-Nachfolger Hermann Treusch) Mitbestimmungsmodells ohne Beispiel. Anfang der Siebziger kam Fassbinder mit der “Family”. Der Regisseur scheiterte, es gelang nicht, das Stück “Der Müll, die Stadt und der Tod” (nach Gerhard Zwerenz’ Roman “Die Erde ist so unbewohnbar wie der Mond”) in Frankfurt auf die Bühne zu bringen. Die Geschichte ist oft erzählt worden. Interessant bleibt, wie politisch geladen die Stadt war.

Auf der BE-Bühne rücken die TAT-Veteranen Tom Stromberg und Hermann Treusch den Skandal in ein Umgebungsbild, dem sich der ungemein anschiebende Kulturdezernet Hilmar Hoffmann, die Helden im Häuserkampf, die Eintracht Frankfurt so wie die Herren Wallmann und Gauland einprägten.

In der Beschimpfung heißt es: “Wir wollen mit Ihnen in keinen Dialog treten.”

Die TAT-Macher suchten vehement den Austausch.

„Das TAT. Das legendäre Frankfurter Theaterlabor“, herausgegeben von Sabine Bayerl, Karlheinz Braun, Ulrike Schiedermair, Henschel Verlag, 29.95,-

09:32 11.05.2016
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