Das weiße Rauschen

Literatur In Marko Dinićs erstem Roman „Die guten Tage“ reist der Erzähler mit dem Gastarbeiterexpress lange nach Ende der Gastarbeiterära von Wien nach Belgrad.
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„Das weiße Rauschen“ ist eine Evokation. Sie stellt sich ein, wenn der Euroliner auf ebener Strecke seine Reisegeschwindigkeit stundenlang hält. Die Land- und Ortschaften am Rand seiner Strecke werden in der geografischen Gleichgültigkeit der Reisenden zum Nirgendwo. Der Raum kollabiert auf der Zeitachse. Der Exzess dynamischer Eintönigkeit löst bei Marko Dinićs Ich-Erzähler einen sozialaversiven Gleitzustand aus. Der Erzähler reist mit dem Gastarbeiterexpress lange nach Ende der Gastarbeiterära von Wien nach Belgrad. Er skizziert die in der Diaspora versteinerten Passagiere mit deutlichem Abstand zu seinem Helden als Protagonisten eines Panoptikums. Die Formate der jugoslawischen Arbeitsmigration, ihre Ästhetik, ihren Pfiff, ihren Pop, sind in die Jahre gekommen. Der Erzähler verachtet eine Rotte ketterauchender Alkoholiker, aufgezogen von „quälendem Turbofolk“.

Marko Dinić, „Die guten Tage“, Roman, Zsolnay Verlag, 239 Seiten, 22,-

Nicht, dass er den Altvorderen keine Gerechtigkeit widerfahren lässt. Er erkennt genau, wie „überstrapaziert“ ihrer Körper und Begriffe sind. Sein anderes Ich, der Autor, überlässt ihm auch nicht die ganze Arbeit. Dinić setzt den Passagier zur Linken des Helden in der stinkenden Kabine, die täglich von Salzburg nach Belgrad rollt, als Abrechnungsspezialisten für die jüngste serbische Vergangenheit ein. Die Busfahrt kann unmöglich noch billiger sein als ein Flug von Berlin nach Belgrad. Trotzdem will Dinić den Anachronismus auf Rädern als Billiglösung (und nicht etwa als Amselfelder Kreuzfahrtvehikel) verstanden wissen. Der Bus wird zum Container der jugoslawischen Geschichte mit ihren „falschen Vätern“, die seelisch im Krieg geblieben sind.

Dinić erzählt von Männern, die ihre Kraft auf westeuropäischen Baustellen einbüßten, bevor sie wie von der Tarantel gestochen im Bürgerkrieg militant Partei ergriffen. Nun finden sie nicht zurück in das Leben der Gastarbeiter. Nur ihre Vorurteile sind ihnen geblieben. Sie geben dem posttraumatischen Reigen der Absonderlichkeiten einen nostalgischen Schimmer.

Doch ist der Vater des Erzählers keiner dieser schießwütig-gewaltverzückten, garantiert echtserbischen Bauarbeitermigranten im Dauerrausch. Auf der Busfahrt wird eine Erinnerungsblase aufgestoßen. Im weißen Rauschen stellt sich eine andere Zeit ein. Der Vater diente schon Tito als Beamter im Innenministerium. In der Kindheit des Erzählers präsentiert er sich als überzeugter Parteigänger Miloševićs, während Belgrad bombardiert und der Nachwuchs indoktriniert wird. Der Sohn spielt Basketball. Er turnt auf der höchsten Plattform eines Zehnmeterturms über einem leeren Becken.

Später wird er sagen: „Ich habe Basketball gespielt und bin Fahrrad gefahren, während anderswo Menschen krepiert sind, in unserem Namen.“

Noch gehört er zu einer Bande patriotischer Schokobananendieben. Die Jungen verfluchen den Rest der Welt. Sie „imitieren die nationalistischen Grundlaute“ ihrer Eltern. Milošević gewinnt Heldenstatus. Im Zuge des Ausnahmezustands ab März Neunundneunzig werden alle Schulen geschlossen und alle Schüler ungeprüft mit „sehr gut“ benotet.

Ausgewaschene Kondome flattern in der Sanktionszeit auf den Trockenleinen. Die Belgrader Viertel sind Klans unterworfen, deren Kombattanten sich in „illegalen Kraftklubs“ präparieren. Ihre Stellungen in einem größeren Ganzen verschwimmen in den Nebeln des organisierten Verbrechens.

Das sind interessante Details. In der auf Nato-Kurs getrimmten westliche Lesart dienen Serben dem Bösen als Inkarnation. Für den heranwachsenden Erzähler besteht die Allianz gegen Restjugoslawien aus „Drecksländern“. Er greift sich vor und wirft Licht auf die kritische Distanz, die er bald zu der Dutzendperspektive gewinnen wird.

„Ich fürchte all die großen Worte, die uns so unglücklich machen“, sagt Stephen Dedalus im Ullysses.

Dinićs Alter ego sagt das Gleiche. In dem Belgrader Berserkerbruch will er nicht in das Horn des falschen Verbrechervaters stoßen. Im Bus begegnet er aufgepumpten und hochgeputschten Verbrechervarianten. Dinić wird nicht müde, sie herabzusetzen. In den Augen des Autors sind sie schmerbäuchig, stoppelbärtig, strunzdumm und brutal.

Ich habe lange gebraucht, um zu begreifen, warum der Erzähler ständig von seinem Ekel anfängt. Seine Entwicklung zu einem Serben in der Tradition des Vaters und dessen Brüder sowie aller Vorväter konnte nur von etwas hochgradig Einschneidendem gestoppt werden. Das war die Einsicht in das Leid der anderen.

16:06 14.08.2019
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