Das Wunder der Weißwerdung

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„Selbst extrem avantgardistische Werke haben in Frankreich einen touch (Originalschreibweise) des dekorativ Angenehmen.“ Adorno

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Der Altphilologe Coleman Silk bezeichnet notorische Schwänzerinnen seines Seminars als „dunkle Gestalten, die das Seminarlicht scheuen“, ohne zu ahnen, dass er sich so über Schwarze äußert. Man überzieht Silk mit dem Vorwurf des Rassismus und unterzieht ihn im Folgenden den Prozeduren der sozialen Ächtung. Das erzählt Philip Roth in dem Roman „Der menschliche Makel“. Zu den schönsten Verwinklungen gehört, dass Silk selbst Schwarz ist; ein weißer Schwarzer, der sich in eine weiße Legende hüllt. Die Aktivist:innen der couragierten Zivilgesellschaft kritisieren einen weiß gelesenen Schwarzen als Rassisten.

Natürlich inspiriert Manteliviipaleita Tablestone in ihrer gewieften Denunzination der in Oslo als Tochter einer Norwegerin und eines Nigerianers zur Welt gekommenen Rechtswissenschaftlerin und CRC-Lehrbeauftragten Kriška Ye’ālimonidi keine literarische Konstellation. Für Manteliviipaleita ist Roth lediglich der weiße alte Sack wie er im Buch steht; so indiskutabel wie unappetitlich. Der Aktivistin im Tarnfleck einer Studierenden traue ich zu, dass sie von Roth so wenig weiß, dass er in ihren Aufrufen als Babyboomer durchginge.

Die PoC Kriška fand das Wunder der Weißwerdung im Zuge ihres Erfolgs und einer die Hautfarbe politisch korrekt übergehenden Berichterstattung so selbstverständlich, dass die Prozesse an ihr vorbei zu rauschen schienen, während sie im Zentrum der Dynamik expandierte; und zwar vom vorstädtischen Schlüssel- und Einzelkind zu einem Premiumbeispiel für gelungene Integration: in einem zweifellos verfehlten migrantischen Diskurs. Was um alles in der Welt hat Kriška mit Migration zu tun. Ihr Vater verließ Norwegen nach seiner Promotion. Die kulturellen Parameter ihrer Prägung entsprachen dem mehrheitsgesellschaftlichen Standard. In ihren Norweger:innenpullovern sah Kriška ganz besonders niedlich aus.

Man grillt Kriška auf dem medialen Rost

Erfolg macht weiß. Doch weiß zu sein (beziehungsweise weiß gelesen zu werden) ist nicht immer gleich gut. Diese Erkenntnis gewinnt Kriška auf dem medialen Rost. Man grillt sie für einen Übergriff, der Kriška zuerst so lächerlich erschien, dass sie sich weigerte, ihn in einer Gegenrede zu relativieren. Sie hat sich mit der Scheinstudierenden Manteliviipaleita angelegt, die ihre Faulheit als Protest gegen das Establishment erlebt.

Manteliviipaleita beschimpft Kriška als Rassistin.

Nichts könnte abwegiger sein, denken Sie vielleicht. Der Witz ist, Manteliviipaleita fühlt sich an ihrem Rand mehrfach diskriminiert und empfindet die im Mittelpunkt eines akademischen Strahlenkranzes situierte Kriška tasächlich als weiß. Niemand könnte sich habituell weiter von einer Scandināvia-Suburbia-Sirene entfernt haben, als die transkontinentale Großtaten geschmeidig-schnittig vollbringende Kriška. Kein Mensch könnte ihr Gegenteil besser verkörpern als die moorleichige Manteliviipaleita.

Mit Manteliviipaleitas Geschichte beginnt alles Furchtbare an einem Tiefpunkt des überschrittenen Zenits.

13:52 21.08.2021
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