Das Wunder von Nacogdoches County

Texas Ranger Auf Ziegeldächern wächst Moos. Kastanienbäume stehen in den Höfen. Dunst liegt auf dem Gelände.
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Walter Melsunger war Stellmacher

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Die Frau des Mexikaners

Walter Othello Melsungers Kindheit spielt sich auf den Elbhöhen zwischen Dresden und Meißen ab. Die Brunnen tragen sorbische Namen. Die Eltern sind auf einem Rittergut beschäftigt, Walter lebt der Erkenntnis voraus, dass alles Gute in der Vergangenheit liegt und die Zukunft ein übler Schleif wird. Ihn umgibt Missmut. Er erscheint hefig in der Burgküche und begehrt die Fettaugen.

Einen Himmel wie in nassen Kalk gemalt, bemerkt Walter in St. Quentin. Den sächsischen Stellmachergesellen erstaunt, dass die Gärten der Franzosen so grün und ihre Häuser so rot sind wie in seiner Heimat. Auf Ziegeldächern wächst Moos. Kastanienbäume stehen in den Höfen. Dunst liegt auf dem Gelände. Eine Patrouille gibt dem barfüßigen Volk die Anordnung, Wasser für eine Kolonne im Anmarsch bereit zu stellen. In St. Quentin gingen 1871 deutsche Lanzenreiter französischen Trotzleuten unter den Bart - passer sous la barbe de l’ennemi. 1873 ist es immer noch nicht gut, in dieser Gegend Deutscher zu sein. Walter zieht weiter, bis seine Reise für die Vorläufigkeit von sieben Jahren in San Quentin, Kalifornien, endet. Im koedukativen Gefängnis lernt er seine Frau kennen. Mit ihr nimmt er am Oklahoma Run von 1889 teil. Dem Paar misslingt die Landnahme. Es streunt nach Texas, in Redfield (Nacogdoches County) findet es einen Platz auf dem Grund des Sägewerkbesitzers Marshal Clyde.

Just because you are a Texan you are a little bit bigger, a little bit smarter & a little bit tougher than anybody else. Waylon Jennings

Walter lässt sich von Clyde hausmeisterlich verwenden. Fast schon im Zustand des erschöpften Greises richtet er eine Stellmacherei ein. Er kommt gut an in einer Gegend, die von Deutschen kolonisiert wurde. Er profitiert von einem System landsmannschaftlicher Begünstigungen. Bald rentiert es sich für ihn, einen Mann anzustellen. Von Clyde übernimmt er Rufus Zavala.

Seit ihrem Erscheinen in Spanisch Texas um 1800 haben die Zavalas ein Zuchthausabonnement. Bis auf den heutigen Tag etablieren sie in Generationenpermanenz eine kriminelle Vereinigung und führen Buch über ihre Verfehlungen der gesellschaftlichen Mitte. Der Klan verfügt über eigentümliche Sprachbilder und Kassiberbegriffe. Die Erzählmanier ist barock. Da gibt es keine Armut.

(Ich komme darauf zurück.)

Rufus sucht einen Ausweg in die Legalität. Er hat eine Frau, die aussieht wie Martha Higareda, zwei Kinder und die fixe, ihn zum Außenseiter machende Idee, in Redfield so leben zu können wie ein Deutschtexaner.

Der Ausweg erweist sich als Sackgasse. Ein Schwede nähert sich (im Namen der allgemeinen Erwartung, dass die isolierten Zavalas genauso leicht zu entrechten wie zu verknechten sind) der Frau des Mexikaners auf einer unerlaubten Route. Rufus erschießt ihn, etwas anderes bleibt ihm gar nicht übrig. Dann tritt er die Flucht an. (Dass es für ihn Gerechtigkeit vor Gericht gegen könne, liegt als Idee außerhalb seines Vorstellungsvermögens.)

Frau Zavala sorgt dafür, dass Frau Melsunger mit Fünfzig Mutter wird, indem sie der Alten das kaum entwöhnte Baby ihrer im Kindsbett verstorbenen Schwester ans Herz legt.

Walter stirbt noch als W.O. Melsunger. Ziehsohn Juan „Joe” verkürzt auf Melsung. Er übernimmt den Betrieb, nicht aber die Kundschaft des deutschen Stellmachers. Cartwright Joe ist in der öffentlichen Wahrnehmung ein von braven Leuten aufgezogener Chicano - ein Zavala, nur ohne den Schutz, den sich die Eingeschworenen gegenseitig garantieren. Er soll zurück in seinen Ethnopferch. Ihm wird der Verkauf der Stellmacherei nahegelegt.

Das Kind des Cowboys

Ein Wunder vollzieht sich in Nacogdoches County als Drama. Im ersten Akt erscheint Elizabeth Magnolia Truth barfuss und in Lumpen als Tochter so armer Schotten, dass sie sich selbst versklaven mussten, um die Passage nach Amerika und ihren Unterhalt da zu finanzieren. Die Eltern rangieren unter den Schwarzen und den von Armut schwarzen Iren, die mit Sklavennachkommen um Jobs konkurrieren. Elizabeth wurde von ihrer Familie abgesprengt und noch vor der ersten Besinnung von Dollar Mason geschwängert.

Wir wissen das. Gott weiß es. Die Leute wissen es nicht. Der Cowboy Dollar Mason bestreitet die Vaterschaft. Er nennt Elizabeth bei jeder Gelegenheit eine verkommene Dirne. Sie schuftet als Erntehelferin und droht öffentlich vor die Hunde zu gehen. Plötzlich betritt Joe die Bildfläche ihres Unglücks. Ich schenke mir die Überlieferung der Annäherungschoreografie. Ich möchte nur sagen: gefackelt wird nicht. Die Schwangere ist sofort bereit, den hünenhaften Tejano (mit seinen breiten Schultern und schmalen Hüften ist er nicht nur anmutig, sondern auch stark) zu heiraten. (Eine verätzende Darstellung zeigt ihn fett, humpelnd und stotternd.) Egal, Elizabeth ist nicht in der Position, Ansprüche zu stellen. Ein Dach über dem Kopf, die Aussicht auf eine gefüllte Vorratskammer, vor allem jedoch die Legalisierung ihres Zustandes sind viel mehr, als sie sich bis eben auch nur zu erträumen wagte.

Joe heiratet eine Dahergelaufene, der es nichts mehr nutzt, weiß zu sein. Einmal weiß gewesen zu sein, trifft es besser. Für Joe stellt Elizabeth keine Verbesserung dar. Er hat das Ticket für eine mexikanische Jungfrau nicht genutzt. Er nimmt das Kind des Cowboys an Sohnes statt. Zu Ehren seines Ziehvaters nennt er es Walter.

Er zeugt selbst drei Kinder in Elizabeth, die komplett auf die Chicano Seite wechseln und im Schoss der Zavala Familie ihre Bestimmungen überhaupt erst entdecken.

Elizabeth geht wie erfroren durchs Leben.

Joe stirbt bei einem Unfall, bevor Walter siebzehn ist. Walter macht die Stellmacherei dicht, anglisiert den Schrottnamen des Mexikaners, fängt in der Autowerkstatt von Blues Clyde an, dessen Opa das Sägewerk am Palm Creek hochgezogen hat, und gründet als Walter Skip Nelson eine Familie mit der ältesten Tochter von Blues Clyde. Im kollektiven Gedächtnis sind die besonderen Umstände seiner Herkunft bereinigt. Walter Nelson streicht den Rest, wenn er sagt, sein Vater sei ein Cowboy der Silverstar Ranch gewesen und von einem Stier auf die Hörner genommen worden. Mex-Joe habe lediglich seiner Mutter aus einer Patsche geholfen und ihn schon früh zur Arbeit herangezogen.

Walter Nelson erfindet sich neu und ohne Ahnung von dem deutschen Stellmacher am Anfang der Geschichte. Als Klotz am Bein bleibt ihm die Mutter lange erhalten. Die Trostlose kann nicht sterben. Sie erzählt ihren Enkeln von den Schotten, die sich selbst verkaufen mussten und vor einer Verminderung ihrer Not gestorben waren.

Freakmorde in den Sechzigern

Ich kam wieder und wieder dahin zurück, als ich 1985 für Texas Monthly das Leben des wegen eines Doppelmordes zum Tod verurteilten Frank Rufus Zavala recherchierte. Ein Polizist hatte Frank im Cadillac von Gary Nelson gestoppt. Frank trug zum Zeitpunkt der Festnahme Stiefel, deren Sohlenprofile zwei Blutlachen gemustert hatten. Man hatte seine Fingerabdrücke an beiden Tatorten gesichert. Franks Hinrichtung war vier Mal aufgeschoben worden, der Delinquent lebte seit zwölf Jahren im Angesicht des Todes. Er argumentierte mit einem Vergleichsfall, bei dem ein Verurteilter siebzehn Jahren auf den Beweis seiner Unschuld gewartet hatte.

Frank behauptete, die Tatorte erst erreicht zu haben, nachdem Lynn-Oktavia und Gary Nelson erschossen worden waren. Er hatte einen Sack voll plausibler Erklärungen für alles Mögliche. Seine Geliebte Eclectica Hook war bei den Nelsons ein- und ausgegangen. Frank war ihren Arbeitgebern bekannt gewesen.

Ich sah mich in Redfield um. Das deutsche Element hatte sich aus einem seiner texanischen Verbreitungsgebiete beinah spurlos zurückgezogen. Die Ideen von deutschen Religionsflüchtlingen, Romantikern, Kommunarden und Handwerkern waren verschollen.

Morgen mehr.

13:06 18.03.2018
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