Der blaue Traum der Seherin

ilb Internationales Literaturfestival - Murathan Mungan las aus "Der Roman des Dichters"
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Die Zitadelle von Mardin nennt man von jeher den „Adlerhorst“. Murathan Mungan wuchs im magischen Schatten der Festung auf. Sie erhebt sich über einer Stadt, die es schon zur Zeit der Hurriter dreitausend Jahre vor unserer Zeitrechnung gab. Die Hurriter machten sich als Streitwagenfahrer bemerkbar. Sie pissten auf die Schweife der Vorgespannten. So expandierten sie bis nach Ägypten und kolonisierten unterwegs die Levante. Unter dem babylonischen Mond bestimmten die kulturellen Leitfäden der Gottkönige von Kiš die Alltagsagenda in Mardin. In ihrem Weichbild lösen nun auch schon wieder seit Jahrhunderten osmanisch-türkisch-kurdische Begriffe das arabische Gepräge Mesopotamien ab. Hier fand Mungans Kindheit ihre Schauplätze; als Sohn eines kurdischen Anwalts, der Gedichte liebte; auf einem Boden, der Mungan heilig ist. In gewisser Weise entsteht seine Kunst aus der Erde von Mardin. Schamanische Spiritualität & Gelächter so wie bizarre Verknüpfungen von europäischer Moderne & Tausendundeiner Nacht wirken sich auf ihren Ton aus.

Geschriebene Sätze bergen viele nicht geschriebene Sätze

Mungan liest aus dem „Roman des Dichters“. Darin kreisen Empfängliche, die nach einem anatolischen Initiationsritus eingeweiht wurden, einen Baum ein, um sich den Frevel seiner bevorstehenden Abholzung vergeben zu lassen. In dem naturreligiös-animistischen Vorgang überlebt auch der okzidentale Schauder vorchristlicher Zeugen, die mit der Erwartung eines haltlos einstürzenden Himmels, zusahen, wie Missionare sich an ihren Eichen gewaltig zu schaffen machen. Solche aus der Natur (letztlich in die Stadt) führenden Übergriffe erzeugten einen transkontinentalen und transgenerationellen Widerhall. Sie hinterließen Spuren im Gedächtnis der Menschheit. Schriftsteller*innen sind auch Fährtenleser*innen. Sie erkennen Stellen in Überlieferungen, wo ein tausend Jahre alter Schmerz oder Gott sich verwandelt niedergelassen hat. Davon erzählt Mungan – von Kassibern der Geschichte in Mythen und Märchen. Oder um es mit dem alten Zauberer H. Müller zu sagen: „Antike Mythen sind frühe Formulierungen kollektiver Erfahrungen.“

Mungan kolportiert im Roman Sagen aus dem Weltfundus. Er errichtet narrative Kreuzungen zwischen altjapanischem und uramerikanischem Hörensagen. Die ozeanischen Abenteurer unter unseren Ahnen, die Argonauten der Flößer- und Einbaumfahrer-Ära, murmeln immer noch mit in den Geschichten, die heute erzählt werden. Das literarische Jetzt bezieht seine Gültigkeit von Daher. Die Literatur legitimiert sich als Gedächtnismaschine.

Mungan entdeckt die große Versöhnung im Einklang der Natur mit der Dichtung.

„Ein gutes Gedicht ist wie Natur“, sagt er.

Er sagt: „Wenn alle schlafen, schlägt die Stunde der Dichter*innen.“

„In den verschlafenen Stunden der Erde geben die Wörter ihre Bedeutung preis.“

„Der Roman des Dichters“ ist die Chronik einer Initiation im Meister*innen-Schüler*innen-Modus. Eine Analphabetin erscheint als dichtende Seherin. Ihre „wie Dampf in die Luft entweichenden Verse“ werden von Jederfrau vergessen, sobald sie es verlangt. Manche Gedichte müssen zur Vermeidung von „Störungen unsichtbarer Gleichgewichte“ vergessen werden.

Die Seherin schläft beschwert mit ihrem Schmuck wie eine an Steine gebundene und versenkte Leiche, um ihre „im Schlaf freiwerdende Seele“ an Spaziergängen zu hindern. In einem „blauen Traum“ breitet sich Nebel „herrenlos“ aus.

08:27 07.09.2018
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