Der Champagner knallt nicht

Literatur In „Tessa“ erzählt Nicola Karlsson die Geschichte einer Trinkerin in Berlin.
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In Malcolm Lowrys Mexiko-Roman „Unter dem Vulkan“ spielt ein trinksüchtiger britischer Konsul die Hauptrolle. Er variiert einen Typus, den man auch bei Graham Greene und William Somerset Maugham findet – als Produkt des Kolonialismus sowie eines rigiden Schulsystems. Die Repräsentation von gesellschaftlicher Überlegenheit im Safarianzug und unter einem Tropenhelm kollidiert mit emotionaler Unzuständigkeit. Zwar ist der Konsul zur Liebe fähig, doch um den Preis eines unwirtlichen Abstands. Er erträgt die Nähe eines anderen so wenig wie sich selbst. Sobald er seinen Mezcal-Pegel erreicht hat, weiß er wieder ganz sicher, dass er jederzeit aufhören kann zu trinken.

„Der Alkoholiker gleicht dem Mystiker, der seine Geisteskräfte missbraucht hat.“ Malcolm Lowry

Nicola Karlsson, „Tessa“, Roman, Graf Verlag, 299 Seiten

Nicola Karlsson schildert in „Tessa“ eine Berliner Trinkerin, die dem Konsul gar nicht so unähnlich ist. Auch Tessa hat eine imperiale Attitüde und viele Selbstgewissheiten, die wie Marotten wirken. Tessa nimmt ihre Umgebung so wahr, als sei sie für ihre Sucht geschaffen worden; als sei jeder, der weniger trinkt als sie, nur noch nicht weit genug in seinem Begreifen der Verhältnisse.

Klappert man durch den Wedding, findet das Erstaunen Rückhalt in der Feststellung, dass der autochthone Alkoholismus auf die Migration abfärbt. Getrunken wird überall, ab vierzehn Uhr gleicht der Berliner Schienennahverkehr einer langen Theke voller Billigbier.

Tessa bewegt sich noch in den Räumen der Niveautrinker*innen. Von der Zerstörung gezeichnet sind die anderen. Tessas Schönheit tarnt den Verfall und verschleiert die Progression.

Es sind die Ausfälle, an denen man sie erkennen könnte, aber wer will das schon. In ihren Kreisen ist Sucht ein Motor. Mit Kokain fährt man sich hoch auf dem Klo. Dann trinkt man an der Bar legal weiter.

„Die Nacht ist mild. Sommer in Berlin. Jeder hält einen Drink in der Hand.“

Tessa sieht nur trinkende Leute. Sie ist eine von vielen, darauf kann sie sich verlassen. Mit nichts individualisiert sie sich weniger als mit dem Suff und einer angeknallten Art, vorhanden zu sein. Sie strapaziert ihren Freund Nick, der sie schon lange nicht mehr erträgt. Sie teilen den Überdruss, das ist doch was.

Karlsson inszeniert Szenen im Spektrum heteronormativer Geschlechterarrangements in Schlafzimmern, Treppenhäusern, U-Bahnaufgängen und Restaurants. Alles tendiert zu einer überdurchschnittlichen Normalität, das Trinken gehört dazu. Das kann einem manchmal lästig werden:

Verwirrung der Sinne, peinliche Auftritte, Erschütterungen aus dem Nichts, teuer bezahlte Kopfschmerzen.

In einer Kinobierwerbung sieht Tessa sich selbst. In der Romangegenwart ist das glamouröse Gestern zum Greifen nah. Es scheint durch die Tristesse einer sachten Depression. Tessa hat sich von Reklamefilm-Drehs zur Telefon-Akquise heruntergewirtschaftet. Sie wird nie wieder eine Hauptrolle spielen, noch nicht mal in Nicks Leben.

Na und. Karlsson schildert die Abschüssigkeit von Tessas Strecke als harmlose Rutsche. Sind nicht alle kurz davor, dreißig und dick zu werden, sich einschränken zu müssen, den Agenturjob endlich als das zu begreifen, was er ist: Selbstausbeutung auf Kosten solventer Angehöriger.

„Der Champagner knallt nicht.“

Bald mehr.

12:57 06.06.2019
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