Der erste Kuss

Michelle Obama „Es war nichts Weltbewegendes oder besonders Erhebendes an dem Kuss, aber er machte Spaß.“
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Ihren ersten Kuss organisiert sich Michelle am Telefon.

„Ich weiß nicht mehr, wer von uns beiden vorschlug ... das mit dem Küssen einmal auszuprobieren. Es war nichts Weltbewegendes oder besonders Erhebendes an dem Kuss, aber er machte Spaß.“

Siehe auch Textland | Michelle Obama - Der erste Kuss

Michelle beginnt das Absitzen von Basketballspielen nicht mehr allein unter dem Gesichtspunkt geschwisterlicher Solidarität zu betrachten.

„Was war ein Court den anderes als ein Präsentierteller mit Jungs? Ich zog meine engsten Jeans an ...“

Gleichzeitig erlebt Michelle eine Entfremdung von allem Vertrauten mitten im Vertrauten. Die Erzählerin zieht etwas biografisch Heikles vor, dass sie nachträglich erst erfahren hat.

„Viel später erst erzählte mir meine Mutter, dass sie (es sich) ... gern in jedem Frühjahr durch den Kopf gehen ließ“, ihren Mann zu verlassen. Das ist eine Entlastungsphantasie, mit der die Heranwachsende natürlich nicht belastet wird.

Michelle Obama, „BECOMING – Erzählt für die nächste Generation“, aus dem Amerikanischen von Heike Brillmann-Ede, Harriet Fricke, Tanja Handels, Elke Link, Kristin Lohmann, Andrea O'Brien, Jan Schönherr, Henriette Zeltner-Shane, cbj, 604 Seiten, 20,-

Michelle erklärt die jahreszeitliche Einordnung der mütterlichen Gedankenflucht in jedem Frühjahr:

Die Chicagoer Winter sind hart. Michelle beschreibt den Himmel als eisengrauen Deckel, der zuklappt über der Stadt. Dann hat man hundert Tage Frostdepression am Stück.

Pensionierter Pullman Porter

Sorgfältig beschreibt Michelle Obama ihre Kindheit in Chicago. Sie schildert Spielräume in drangvoller Enge, ehrgeizige Fürsorge und spannungsreiche Zärtlichkeit im Sog unentwegten Strebens.

„Das Geräusch von Menschen, die sich bemühen, wurde zum Soundtrack unseres Lebens.“

Die meisten Menschen sind noch sehr jung und leisten als Klavierschüler:innen von Tante Robbie stolpernd ihren Beitrag zum Sound der Kindheit einer Tigerin auf dem Sprung. Robbies Mann arbeitet auf einer Nachtzuglinie als Pullman Porter. Die Tätigkeit wird „nur von Schwarzen Männer“ ausgeübt, die sich in „tadellos gepflegten Uniformen“ und theatralischen Dienerposen für nichts zu schade sein dürfen. Die Autorin streift die Auswirkungen einer Déformation professionnelle.

„Noch Jahre nach seiner Pensionierung lebte Terry in einem Zustand stumpfer Förmlichkeit.“

Entstellte Barbies

Michelle denkt sich „Szenen aus, die für sie so echt sind wie das Leben selbst“. Ein Kinderkoffer dient als Puppenkleiderschrank. Die Puppen spielen Charakterrollen.

„Jeder Barbie und jedem G.I.-Joe wies ich einen bestimmten Charakter zu.“

Die Erzählerin bekennt sich zu einer „Pingeligkeit“, die es ihr nicht erlaubt, Schulfreundinnen nach Hause einzuladen. Sie sollen sich nämlich nicht an ihren Puppen zu schaffen machen. Von ihren Inspektionen anderer Kinderzimmer weiß Michelle, wie grauenhaft Barbies entstellt werden können. Manche habe mit Filzstift gemalte Tatoos im Gesicht. Die Erzählerin hält sich bedeckt und vermeidet den Engtanz des Wahnsinns auf dem Schulhof. In der verdichteten Unterschiedlichkeit des Klassenzimmers wächst Michelles Widerstand gegen Dutzendlösungen. Die Mutter fungiert als Klagemauer. Sie nimmt die kindliche Wut ernst und erkennt darin ein Derivat des überbordenden Ehrgeizes ihrer Tochter.

Michelle Obama, „BECOMING – Erzählt für die nächste Generation“, aus dem Amerikanischen von Heike Brillmann-Ede, Harriet Fricke, Tanja Handels, Elke Link, Kristin Lohmann, Andrea O'Brien, Jan Schönherr, Henriette Zeltner-Shane, cbj, 604 Seiten, 20,-

Glamour of Force

Das Sicherheitsregime im Weißen Haus blockiert die Aktivistin auf dem Thron der First Lady.

Eingebetteter Medieninhalt

Rituelle Ehrfurcht

Im Powerpräsens der Amtszeit

Das weiße Haus ist ein Ort, wo die Hunde der Obamas, solange die Präsidentschaft währt, ab und zu auf die Teppiche kacken. Michelle schreibt kacken. Sie erzählt das so locker vom Hocker, um Berührungsängste zu zerstreuen. Für den zu empowernden Nachwuchs will sie ein erreichbares Vorbild sein, handsome und easy im Umgang. Das Sicherheitsregime blockiert die Aktivistin auf dem Thron der First Lady. Man kann nicht einfach mal so vor die Tür, um Luft zu schnappen. Dann sind da noch militärische Zeremonien und eine rituelle Ehrfurcht, die der Rolle mehr als jeder Person gilt.

Es gibt einen hauseigenen Floristen und mehr Treppen, als Michelle zu zählen bereit ist. Die Köch:innen und Kellner:innen haben eine bessere Ausbildung als ihre Kolleg:innen in Fünf-Sterne-Restaurants. Ihre Diskretion belastet die familiäre Ungezwungenheit stärker als jedes Serviceversagen es vermag. Agent:innen des Secret Service bewachen die Mittagstafel der First Family. Undurchdringlich sind die Mienen der Expert:innen. Keinen Augenblick lässt sich vergessen, dass sie bewaffnet sind.

Acht Jahre sieht so Michelles Alltag aus. Dann kommt Trump, und die Obamas beginnen ein ungewohntes Privatleben. In ihrem neuen Haus ordnen sie erst einmal die Möbel so an, wie sie es im Weißen Haus gewohnt waren. Jede Ablage wird zum Schauplatz von Memorabilien. Zum ersten Mal seit langer Zeit darf sich Michelle in ihrer Küche selbst bedienen. Sie beschwört die Freiheit eigenhändig zubereiteter Mahlzeiten. An einem Frühlingsnachmittag verzehrt sie einen Toast auf Verandastufen. „Barfuß und in Shorts“, spürt sie die Wärme der Sonne wie nie in den Amtsjahren.

Gleich mehr.

Michelle als Synonym für das Maximum

"I'm from the south side of Chicago. That tells you as much about me as you need to know."

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Sie verströmt Glück und Zuversicht. Ihre Performance liefert einen neuen Maßstab für Glamour. Ich schätze, ihr Name wird bald zum Begriff werden. Michelle als Synonym für das Maximum. Obama als ein anderes Wort für familiäres Gelingen.

Auf dem Feld der Erinnerungen gibt es nichts Belangloses. Mit dieser Behauptung steigt Michelle Obama ein. Sie bringt ein sentimentales Beispiel, bevor sie bekennt: „Wie der Eiskratzer auf einer Autoscheibe im tiefsten Chicagoer Winter klang“, habe in ihr eine breitere Spur gelegt als alle präsidial absolvierten „Bankette mit Staatsoberhäuptern“ im Weißen Haus.

„Während des Schreibens wurde mir klar, dass es keine Erinnerungen gibt, die zu unbedeutsam sind.“

Die Autorin mustert ihre Kindheit und Jugend. Sie erzählt von ihren Träumen und den ersten Emanationen ihres Ehrgeizes. Die Erzählmanier lädt ein und fordert auf. Ermutigung ist die Intension.

„Ich war oft die einzige Frau, die einzige Afroamerikanerin in den unterschiedlichsten Räumen.“

Aus der Ankündigung
BECOMING – Erzählt für die nächste Generation ist eine ehrliche, faszinierende Darstellung des Lebens von Michelle Obama für junge Leser*innen. Sie schreibt darüber, wie ihrer Ansicht nach alle Jugendlichen etwas für sich selbst und andere bewirken können, ganz egal, wo im Leben sie gerade stehen. Sie bittet darum, sich klarzumachen, dass niemand perfekt ist, dass der Prozess des Werdens zählt und dass man nie aufhört, sich selbst zu entdecken. Indem Michelle Obama ihre eigene Geschichte so furchtlos erzählt, stellt sie jungen Leser*innen die Frage: Wer seid ihr und was wollt ihr werden?

Michelle Obama ist ein überzeugendes Vorbild für eine ganze Generation. Als erste afro-amerikanische First Lady der USA stand sie ihrem Ehemann Barack Obama während seiner Zeit als US-amerikanischer Präsident bei, wurde zu einer energischen Fürsprecherin für die Rechte von Frauen und Mädchen in der ganzen Welt und setzte sich für einen dringend notwendigen gesellschaftlichen Wandel hin zu einem gesünderen und aktiveren Leben ein.

In diesem Buch erzählt sie jungen Menschen ihre Geschichte – in ihren eigenen Worten und auf ihre ganz eigene Art nimmt uns mit in ihre Welt und berichtet von all den Erfahrungen, die sie zu der starken Frau gemacht haben, die sie heute ist. Warmherzig, weise und unverblümt erzählt sie von ihrer Kindheit an der Chicagoer South Side, von den Jahren als Anwältin sowie von ihrem Leben an Baracks Seite und der Zeit, die ihre Familie im Weißen Haus verbracht hat.

Zur Autorin

Michelle Robinson Obama war von 2009 bis 2017 die First Lady der Vereinigten Staaten von Amerika. Sie studierte an der Princeton University und an der Harvard Law School und begann ihre berufliche Laufbahn als Anwältin bei der Kanzlei Sidley & Austin in Chicago, wo sie ihren zukünftigen Ehemann Barack Obama kennenlernte. Später arbeitete sie im Büro des Bürgermeisters von Chicago, an der University of Chicago und am University of Chicago Medical Center. Michelle Obama gründete auch die Chicagoer Sektion von »Public Allies«, einer Organisation, die junge Menschen auf eine Laufbahn im öffentlichen Dienst vorbereitet.

Die Obamas leben derzeit in Washington, D.C. Sie haben zwei Töchter, Malia und Sasha.

07:25 09.03.2021
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