Der ewige Jüngling

Wondratschek/Marandi L‘art pour l’art auf dem Boulevard Baudelaire im Gloom der Generationsgenossenschaft
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Wolf Wondratschek und Arash Marandi

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Jedes Fest braucht eine Überraschung, dekretierte der greise Goethe weiland in Weimar. Wolf Wondratschek sagt im Berliner Literaturhaus nichts anderes. Zu seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag erweisen ihm viele die Ehre, die in Chuck's Zimmer die Ungeheuer der Liebe zum ersten Mal zur Tat schreiten sahen, damals als jeder Tag „mit einer Schusswunde begann“ und „das leise Lachen am Ohr eines anderen“ tödlicher sein konnte als ein ballistischer Körper. Wondratschek hat sich mit Gedichten, die an alte Filmplakate erinnern, ins Gedächtnis der Republik geschrieben. Die Anerkennung eines Großschriftstellers fand er trotzdem nicht. Das liegt gewiss nicht an seinen Frauenbildern, an den vielen Sonnenuntergängen, dem Mut zur Sentimentalität und zu künstlichen Aromatisierungen - l‘art pour l’art auf dem Boulevard Baudelaire. Das unterscheidet ihn nicht grundsätzlich von anderen, die als Würdenträger sterben werden oder schon gestorben sind.

Für die mürbe Geborenen war alles Inszenierung und verspäteter James Dean. Ich glaube, dass sich Wondratschek nie die Mühe gemacht hat, etwas darzustellen. Er hat Rolf-Dieter Brinkmann nachgesagt, was sich nun voraussagen lässt: „Er war too much für euch, Leute“. Mir erscheint er wie eine britische Figur des 19. Jahrhunderts, federgewichtig, geckenhaft – ein Gentleman Boxer.

Diedrich Diederichsen kam einst zu dem Schluss: „Wolf Wondratschek ist Uschi Glas.“ Vielleicht verwest die Wahrheit in einer Rinne zwischen den Aufgängen. Ein Gastronom mit Rotweingesicht verspricht dem Dichter ein mehrgängiges Menü als flüchtiges Andenken. Ein Arzt trägt ein Gedicht vor, im Gloom der Generationsgenossenschaft. Man ist gemeinsam in die Jahre gekommen und hält es schon lange nicht mehr für möglich, wie ein Bandit über die Barrieren zu gehen und der Bürgerlichkeit zu entkommen.

Arash Marandi erweckt Carmen zum Leben

Wondratschek liest aus seinem letzten Roman. Im Vortrag gewinnt der Text … Für die Überraschung sorgt Arash Marandi mit einer Gedächtnisleistung nicht zuletzt. Der junge Mann kann „Die Einsamkeit der Männer. Carmen oder Bin ich das Arschloch der achtziger Jahre“ seitenlang auswendig. Marandi modernisiert Wondratschek. Seine Interpretation beweist die Überlebensfähigkeit einer Poesie, der in Spektren zwischen viriler Pose und Posse so wie zwischen Macho Kitsch und Schwust viel vorgehalten wurde. Im Publikum sitzen Frauen, die sich sichtbar gefeiert fühlen von der Carmen hochfahrenden Minne und den Kapriolen des Überhöhungseifers. Als Geliebte von Wontratschek und Bernd Eichinger erschien ihr Vorbild filmreif.

Wondratschek behauptet, dass sich manche Frauen „unmittelbar erotisch“ angefasst fühlen von seinen Versen. Marandi hilft einer Ahnung des Begreifens auf die Sprünge. Er transferiert den Text aus der Problemzone in eine Sphäre des unbedrohten Wohlklangs und Formschöns; ohne zu verschweigen, wofür Wondratschek anfällig ist. Marandi verdoppelt die Spielfigur des Künstlers als junger Mann. Er ist (auch) Wondratschek und streicht die Prisen der Faszination ein. Der Dichter lobt den Kaperfahrer über den grünen Klee. Er erkennt sich wohl selbst.

Meine Besprechung des letzten Romans von WW

Befohlene Reue

In „Selbstbildnis mit russischem Klavier“ erzählt Wolf Wondratschek vom verblassten Ruhm eines alten Russen in Wien.

„Meine Generation war nicht darauf vorbereitet, alt zu werden.“ Wolf Wondratschek

Angeblich gibt es in Wien „nur zwei Sorten Russen: Millionäre und Musiker“. Suvorin hat eine Vergangenheit als Pianist. Nun sieht er aus wie ein Bettler. Der Erzähler trifft einen solventen Greis. „Ich bin, teilte er mir mit, ein Mann, der zu langsam stirbt. Ich habe, was ich haben wollte, gehabt, und was mich hätte umbringen können, überlebt.“ Ein kryptisches Zitat verbirgt sich vielleicht im Abgesang. Man könnte Suvorin und seinen Betrachter mit einem Gedicht von Heiner Müller kurzschließen: „Etwas frißt an mir/ Ich rauche zu viel/ Ich trinke zu viel/ Ich sterbe zu langsam.“

Allerdings verzichtet Suvorin auf Alkohol und verstößt lediglich gegen ein ärztliches Kaffeeverbot. Was Genuss war, ist jetzt Gift für ihn. Ein trockener Trinker sucht Zuflucht in anekdotischer Evidenz. Seine Erinnerungen könnten einem Stück von Tschechow entnommen sein: „Jenseits von Moskau waren Künstler eine Erfindung und Pferde real.“ In der Gegenwart des beschworenen Damals geben Leute einen Monatslohn für zwei Konzertkarten her. Ihre Nöte schmieden sie zu Komödien.

Sie leben in einer Proponentengesellschaft und werden zur Selbstkritik angehalten. Reue kann befohlen werden. Der Alltag eines UdSSR-Untertanen verlangt gegenüber den administrativen Instanzen einen Vorsprung an dummer Schläue. In den Duellen mit ewigen Instanzen ist das zu wenig.

Am Präsens der Verknappung haftet die Patina von fünfzig Jahren. In der Handlungsgegenwart steht Suvorin mit seiner realsozialistischen Prägung und lauter Untergangserfahrungen auf verlorenem Posten. Die Welt hat sich an ihm vorbeigedreht, der Musiker erscheint wie ein plapperndes Nachbild.

Er spielt schon lange nicht mehr, bezeichnet sich als „trockenen Pianisten“. Sein Schöpfer gestattet ihm ein paar grandiose Züge, die das Depot nicht mehr verlassen. Die Frau ist tot, die Kinder sind weg … Suvorin ist allein und muss sterben. Etwas anderes gibt es nicht mehr, sieht man ab von einem italienischen Restaurant mit freundlicher Bedienung und von dem fahlen Interesse des Erzählers, der Suvorin seelisch nicht überragt. Das Paar spiegelt sich in seiner Indolenz. Es spiegelt Wondratscheks musikalische Vorlieben. Für den Autor ist Wien die Stadt des Mozartsaals. Was interessieren ihn Geschichten? Er spürt der Sprache nach, wie sie sich an der Musik versucht. Am 14. August wird er fünfundsiebzig. Ich sehe ihn trotzdem noch, den behänden jungen Mann, der von Frankfurt am Main nach München gezogen war und da angefangen hatte zu boxen, um das Muhammad Ali Gefühl zu begreifen. Der Dichter wusste schon, dass die Ali Shuffle ein Meilenstein der Kampfkunstevolution war, als die einschlägigen Großereignisse noch zu Milieustudien einluden und Henry Maske ein Mann des DDR-Systems war.

Ich denke an Wondratscheks Gedicht über einen, der nicht sein Freund war - Rolf Dieter Brinkmann.

Er war too much für Euch, Leute

Brinkmann hatte wirklich was drauf, aber glaubt nicht, daß ich das hier beweisen will, dieses Abschiedsgedicht auf einen, der nicht mein Freund war und den ich persönlich nur wenige Male getroffen habe, gilt der Zukunft, für die Brinkmann jetzt verloren ist, vielleicht (und die Anzeichen sprechen dafür, haufenweise Gedichte, haufenweise Prosamanuskripte, die keiner zu drucken wagte, weil der Mann keinen Welterfolg vorweisen konnte und der Reibach für solche extremen Schriftstellerbemühungen wie die, die Brinkmann in den letzten Jahren unternahm, zu gering sein würde) vielleicht hätte er die Szene noch mal aufgerollt, schweigsamer als früher, an einem Tisch auf einem Stuhl sitzend …

Behalten habe ich Wondratscheks Bemerkungen oder eine entsprechende Phantasie zu Nelson Algren, dem Simone de Beauvoirs vereinnahmendes Interesse zu viel wurde. – Zurück geblieben ist der romanhafte Eindruck einer Stern-Reportage über John Hustons Verfilmung von Malcolm Lowrys Roman „Unter dem Vulkan“.

Wondratschek war nie aufgeschmissen. Als desolate Erscheinung im Fauserstil kam er nicht vor. Einmal traf ich ihn in einer Frankfurter Lobby beim Frühstück mit dem Autorpiloten Jürgen Ploog. Er äußerte sich schneidend und verjüngte lächelnd den Korridor gemäßigter Sprechweisen. Das wäre nicht nötig gewesen.

Im Nebelwald der Verzerrungen fand ich Wondratschek in eine Reihe mit Handke und Brinkmann gestellt. Der Laudator zitierte richtig Handkes Beschreibungsimpotenz-Verdikt und behauptete falsch weiter, Brinkmann habe Reich-Ranicki mit einer Maschinenpistole bedroht. Dieses Literaturbetriebsmärchen ist schon zig Mal Richtung Wahrheit umgeschrieben worden. Reich-Ranicki verweigerte aus Angst, vorgeführt zu werden, den direkten Schlagabtausch mit Brinkmann. Der Schriftsteller und Kritiker Rudolf Hartung bekam als Juror dann einen Satz ab, der Breton zitiert: „Wäre das hier ein Maschinengewehr“, sagte Brinkmann in einer Berliner Akademie 1969, „würde ich Sie alle über den Haufen schießen.“

„Das hier“ war sein (einziger) Roman „Keiner weiß mehr“. Wenn keiner mehr weiß, wer Heinrich Böll war, werden Wondratscheks frühe Gedichte wie letzte Botschaften eines Jahrhundertsommers der Liebe in einer neuen Keilschrift in den Katakomben der Überlebenden gleich welcher Katastrophen kursieren.

Wolf Wondratschek, „Selbstbild mit russischem Klavier“, Roman, Ullstein, 271 Seiten, 22,-

09:30 31.08.2018
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