Der Kongress tanzt

Jüdische Perspektiven “Wer weiß schon, wie ‘wir’ geht” - Ein Kongress zeitgenössischer jüdischer Perspektiven tagt & tanzt im Berliner Maxim Gorki Theater
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Sasha Marianna Salzmann sieht aus wie der junge Dylan. Sie stammt aus Wolgograd und wuchs in Moskau auf. Nach Deutschland kam sie als Siegerin im Geist der Roten Armee. Salzmann musste sich dann erst einmal daran gewöhnen, opferartig “beschriftet” zu werden.
Wolgograd als Destination eines jüdischen Siegerschicksals - Gemeinsam mit Max Czollek kuratiert und moderiert SMS den Kongress zeitgenössischer jüdischer Perspektiven im Maxim Gorki Theater. Czollek veröffentlicht im Verlagshaus Berlin, vormals Verlagshaus J. Frank. Er sieht keinem berühmten Musiker ähnlich.
“Desintegration” heißt der Kongresstitel. Den Eröffnungswalzer spielen Michal Bodemann, Johannes CS Frank - und Mirna Funk, die sich den Kuratoren mit “Winternähe” (S. Fischer Verlag) empfohlen hat. Zuletzt las man von ihr in der taz die Frage: “Warum hat jeder Hanswurst eine Meinung zu Israel?”
Jemand fragt : “Wer weiß schon, wie ‘wir’ geht.”
Jemand erinnert an linken Antisemitismus im Zusammenhang mit Fassbinders Frankfurter Theateranschlag “Der Müll, die Stadt und der Tod” 1975. Das war erst einmal eine Überraschung. Der emeritierte Bodemann verlangt “Kontrolle über die eigene Kultur”. Er gibt den “Erinnerungsnarzissmus” der Täternachfolger zu bedenken. Er spricht von einer in deutscher Rechtfertigungsbegeisterung hochkochenden “Gedenkepidemie”.
Er trifft lauter Virulenzpunkte im schlunzigen Alterstonfall. Einen originellen Kampfstil hat auch Funk. Sie berichtet, wie sie als Deutsche in die Pflicht zur israelischen Staatsrepräsentation genommen wird.
“Ihre Regierung quält den Palästinenser.”
Antisemitismus ist ein Weltdeutungssystem. Es braucht keine Juden, vielleicht noch nicht mal eine erreichbare Minderheit. Fraglich ist, wie wichtig die Juden für die Identität der Tätergemeinschaft und ihrer Nachkommen bleiben.

Frank/Funk wissen: Die Wiedervereinigung verminderte das deutsche Interesse am Shoaschmerz als Täterleiden. Sobald die Übernahme der Opfernarrative abgeschlossen ist, “wird es keine Nazis mehr in den Familien gegeben haben”.
Zum Schluss des Auftakternstes verlangt Salzmann: “Ich will euch tanzen sehen. Eine Kultur verschwindet, wenn man sie nicht feiert.”

09:32 07.05.2016
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