Der mexikanische Fluch

Texas Ranger Die Revolutionäre erschienen Iturbide wie Kleindarsteller, die Regieanweisungen gehorchten. Das Gesindel hatte die Macht nicht verdient.
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Die Pulvermühle in Chihuahua

1822 reiste Mortimer Coldheart DeWitt von Nacogdoches nach Mexico-Stadt, um Kapital aus seiner Rolle als Revolutionsheld und Colonel der mexikanischen Befreiungsarmee zu schlagen. Man empfing ihn schlecht. Es gab selbst unter Gringos Unterstützer des mexikanischen Befreiungskampfes (1811 – 1821) mit größeren Verdiensten. Mortimer wurde in Vorzimmern der Macht abgespeist, während Agustín Cosme Damián de Iturbide y Arámburu (1783 - 1824) sich auf dem Kaiserthron langweilte. Seit Cuauhtemóc war kein Mexikaner mehr so mächtig gewesen. Die Abergläubischen nannten Iturbide Tlatoani. Er hatte lange gegen die Aufständischen gekämpft. Erst kurz vor Toresschluss war er ein Bündnis mit dem Rebellenführer Vicente Guerrero eingegangen und gleich bis an die Staatsspitze spaziert. Iturbide hatte dem letzten spanischen Vizekönig Juan O’Donojú den Vertrag von Córdoba vorgelegt. Das war noch ein Termin der alten Elite gewesen.

Iturbide glaubte an das Gottesgnadentum. Er verachtete das Volk und seine Helden gehörig. Die Revolutionäre erschienen Iturbide wie Kleindarsteller, die Regieanweisungen gehorchten. Dem politischen Ohnesorg Theater der Epoche verweigerte er den Applaus.

Iturbide verkürzte sich die Zeit der Herrschaft mit der Niederschrift einer Abhandlung über die ethische Bedeutung von Schmerz.

Die Bittsteller im Foyer ließ er schmoren. Mit ihren idiomatisch frisierten Vorträgen verband ihn kein Interesse. Sollten sie doch Kuchen essen. Vergeblich bat Mortimer einen Bürohengst um Restitution seines Besitzes in Chihuahua, wo er in siebenjähriger Verbannung eine Pulvermühle und noch mehr Werte in die Welt gesetzt hatte. Immerhin erlaubte man ihm, als Agent der Cherokees fürderhin in einem amtlichen Rahmen aufzutreten. Es gab in Osttexas Immigrationskonflikte zwischen Völkern der Ersten Nation. Die Cherokees erwarteten Unterstützung bei ihren Bemühungen, die indigenen Einwanderer einzuschränken und zurückzudrängen. Gereizt kehrte Mortimer nach Nacogdoches zurück, wo ihn seine Frau Magdalena Angelina Petra und die Plage von vier Töchtern erwarteten.

Mortimer graute vor der weiblichen Wacht im Haus. Ihm fehlte ein Erbe. Er hatte sich aus kleinen Anfängen zum Hacendado aufgeschwungen und einen Sohn verdient. Selbstverständlich gab er Magdalena die Schuld an seiner Lage. Auch seine Frau suchte den Grund für die Misere bei sich. Vielleicht hatte sie nicht genug Leidenschaft in ihre Gebete gelegt oder sich sonst wie versündigt. Indianer-Voodoo konnte gegen sie wirken - oder ein mexikanischer Fluch. Sie war nicht als Jungfrau in die Ehe gegangen und hatte den Makel mit Hilfe einer alten Hexe geschickt zu verbergen gewusst.

Das Longhorn Rind erscheint auf der texanischen Bildfläche

Mortimer hatte sich in der Nachbarschaft von John Wayne Going Junior und dessen Mutter Janis Lucrezia etabliert. Als Witwe von zwei Pionieren managte Janis Lucrezia neben der Going’schen Landwirtschaft auch den Besitz ihres zweiten, 1812 verstorbenen Mannes rund um Fort Calloun. Auf ihrem Land weideten Longhornrinder und boten einen ungewohnten Anblick. Die neue Rasse war ein Zufallsprodukt zwischen spanischen und englischen Rindern aus der jüngsten Vergangenheit. Die Vaqueros waren Söhne von Mustangern, die Bull Calloun nach Texas geführt hatte. Die Prärie vor den Stalltoren erachteten sie als angestammten Grund ihres in Rutherford Calloun inkarnierten Patrons. Auf beiden Seiten der Herrschaft griffen Familien dynastisch um sich.

Rutherford Calloun war der (1822 zehnjährige) Erbe von Ford Calloun. Bull Calloun hatte 1805 Janis Lucrezias Tochter Elisabeth geheiratet, die bei einem Kiowa Überfall gemeinsam mit ihrem Vater John Wayne Going Senior umgekommen war. Bull Callouns Schwiegermutter sah sich als schwangere Witwe in der Rolle ihrer Tochter von mancher Not befreit. Man machte einfach weiter, bis zur Zeugung von Rutherford im Todesjahr seines Vaters.

Rutherford Calloun wusste, dass Mortimer ein Vorarbeiter seines Vaters und in Manchem keinesfalls über allen Zweifeln erhaben gewesen war. Nun war er Gutsherr mit den besten Verbindungen zur mexikanischen Administration in Nacogdoches. Das Kind sah, wie Mortimer auf das entblößte Land von Bull Calloun drängte; durch viele Blumen drohend. Mortimer zur Seite stand Manuel Lorenzo Justiniano de Zavala y Sáenz (1788 - 1836). Zavala hatte in den Revolutionsjahren vier Jahre Knast abgerissen, danach eine Zeitung aufgezogen und politische Macht erlangt. Am Angelina River hielt er sich an die Major Players der Viehwirtschaft. Die Zukunft gehörte der Texas Longhorn Rinderzucht.

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Mortimer stellt sich selbst unter Arrest

Ich greife vor. Zavala avancierte zu einem mexikanischen Staatsmann, bevor er mit texanischen Separatisten kungelte. Er wurde in den ersten Kongress der Republik Texas gerufen und war stellvertretender Präsident (als erster und einziger Tejano ever).

Mortimer organisierte die Konzentration indigener Völker am Sabine River mit Zavalas’ Unterstützung, während John Wayne Going Junior zum Führer des Going-Calloun Kartells aufstieg und sein Halbbruder Rutherford Calloun zunehmend besser begriff, an welchen Punkten sich die Texasfrage mit der Rinderzucht traf.

So wie die Cotton States als Sklavenhaltergesellschaften auf den Status quo des Antebellum South angewiesen waren, so waren die neuen Rinderbarone auf unbegrenztes Weideland angewiesen.

Der Indianerbeauftragte Mortimer zeugte außer Haus drei Kinder mit der Tochter einer Reservatspersönlichkeit. In der Fredonia Rebellion von 1826 (dem dritten Gründungsversuch einer Republik Texas) sollten sich seine Cherokees neutral verhalten. Nicht alle gehorchten Mortimer.

Die Lage spitzte sich in Nacogdoches und Umgebung zu. Das texanische Sezessionsbegehren fand überall Anklang und Widerhall. Nun fiel auf, dass Mortimer mexikanischer Offizier war. Er versuchte auf zwei Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen …

Mortimer spielte die Karte seiner ungetrübt angloamerikanischen Abstammung.

1828 heiratete die Tennessee-Dutch Shae Buster den Texas Ranger und Sklavenhalter John Wayne Going Junior. 1829 übernahmen bewaffnete Kolonisten den mexikanischen Posten Fort Terán in Tyler County. Drei Hauptwege liefen da hart an der US-Grenze zusammen: u.a. die Nacogdoches Road. Bei der mexikanischen Rückeroberung trafen sich Mortimer und John Wayne Junior zum ersten Mal in gegnerischen Mannschaften.

Von da an wussten die Gutsherren, woran sie miteinander waren, schrieb eine Ahnin von Evangeline Gerrish Going, die sich im Wesentlichen auf Angaben von Rutherford Calloun verließ, der dem älteren Halbbruder nacheiferte und zugleich mit ihm rivalisierte.

Mortimer übernahm erst das Kommando in Fort Terán und dann in Fort Nacogdoches, wo ihn texanische Rebellen schließlich aus dem Nest schüttelten. Er blieb gleichwohl Hauptkommandant von Nacogdoches und Militärchef von Ost-Texas. Vor der Schlacht von Nacogdoches reiste er ab. Als die Texas Revolution 1835 feurig wurde, stellte sich Mortimer selbst unter Arrest. Danach gab es ihn nur noch als Privatmann. Er blieb, was er war unter veränderten politischen Vorzeichen … ein gieriger, oft auf die Füße getretener Nachbar von John Wayne Going Junior und Rutherford Calloun. Seine Frau starb an einer elegischen Wendung des Angelina River. An ihre Stelle trat Marion aus Ohio und gebar dem alten Mortimer Coldheart DeWitt noch zwei Söhne, deren Zeugungstätigkeit den Familiennamen in Nacogdoches verbreitete.

….

Als ich in Nacogdoches Dokumente der Revolutionszeit sichtete, gab es nicht wenige, die wussten, dass Green DeWitt, der zu Stephen Fuller Austins Zeiten in Texas angloamerikanische Kolonisten nach einem Plan der mexikanischen Regierung angesiedelt hatte, ohne männliche Nachkommen geblieben war. Trotzdem betrachtete man jene Mortimer Coldheart genetisch folgenden DeWitts, deren Oberhaupt ich bei vielen Gelegenheit konsultierte und dessen Tochter Naomi mich seltsam begleitete, als Erben des Impresarios.

Mortimer hatte den Familiennamen irgendwo aufgeschnappt und aus Respektabilitätsgründen behalten. Er war gewiss nur irgendein Brown oder Smith mit Phantasie gewesen – eine bessere Null.

Die Katze der Verachtung

1985 verbrachten Evangeline und ich einen Monat in Berlin. Von der Lektüre politischer Broschüren und Comics ausgezehrte Bekannte wandten sich gerade den Gedichten Rimbauds zu. Ich bildete mir ein, nun zu verstehen, was Iturbide auf dem Thron des mexikanischen Kaisers empfunden hatte. Mit meinen Erlebnissen im Land der Rotnacken durfte ich den Berlinern nicht kommen und auch nicht mit dem, was sie „politischen Dreck“, Evangeline und ich aber republikanische Standpunkte nannten. Die versöhnlichen Gesellschaftswunschbilder ihrer Eltern und Professoren verachteten sie. Der Staat war noch nicht erfunden, mit dem sie einverstanden sein konnten. Sie rotzten rum, zerschmissen Bierflaschen auf Gehsteigen und suchten die Aufmerksamkeit der Frauen. Alle waren in Evangeline verliebt. Sie versagten bei der Aussprache des Namens.

Für Evangeline hatte Deutschland die Dimensionen eines Puppenhauses. Sie ging mit Jürgen aus, der eine Nachtsendung moderierte und es lohnend fand, über herrschaftliche Vereinnahmungen von Jugendprotesten zu diskutieren. Auf dem Heimflug sagte Evangeline, dass sie nun wüsste, was ich in Texas suche. Sie war zu höflich, um die Katze ihrer Verachtung aus dem Sack zu lassen. Sie sorgte dafür, dass ich für Texas Monthly schreiben konnte, eine neue Zeit begann.

Frank Zavala

Der zum Tod verurteilte Frank Zavala hatte zum vierten Mal Aufschub erlangt, ich sollte mir seine Geschichte noch einmal angucken. Zavala war in einem landesweit beachteten Prozess für schuldig befunden worden, ein kinderloses Rentnerehepaar ermordet zu haben, zu dem er Zugang hatte, weil seine Geliebte Eclectica Hook bei den Leuten nicht nur sauber machte, sondern auch als Wirbelwind, guter Geist und Ersatztochter ein- und ausging. Der Täter hatte ein Blutbad angerichtet und im Haus der Toten gewütet.

Zavala sah nicht so aus, als hätte er das Zeug dazu.

Die Tat war in Redfield, einem Ort mit vierhundertvierzig Einwohnern, elf Autominuten von Nacogdoches entfernt, geschehen. Das schmächtige Anwesen von Lynn-Oktavia „Oki“ und Gary Nelson grenzte an unregelmäßig parzelliertes Ackerland. Das Muster erinnerte an einen Flickenteppich. Der Himmel war überwältigend. Diesen Himmel hatten die Pioniere für eine Wahrheit gehalten. Unter ihm war Bull Calhoun von jedem Aberglauben befreit worden. Rutherford Calhoun hatte seinen Halbbruder Porter Going unter diesem Himmel erschossen, ohne von den Ergebnissen einer Untersuchung bedroht zu sein. Das Leben der Nelsons war ohne Aufregung an einem schmalen Fluss dahingegangen, in dem sie als Kinder nach Art der Biber das Wasser gestaut hatten. Ein paar Jahre hatte der Fluss eine chemische Gischt transportiert, dann gab es die weißen Flocken nicht mehr.

Am Tattag war Gary vom Schießstand gekommen und hatte eine Notiz seiner Frau gefunden, saying she has gone for a walk. But the note was signed „Oky“ not „Oki“. Außerdem stand der Safe offen.

In Redfield hatten früher Deutschtexaner in einem Sägewerk gearbeitet. Die Deutschen hatten auf eine besondere Weise gebaut, mit viel Rauputz und Sandstein und so der Siedlung ein Pennsylvania Gepräge gegeben, das mich irritierte.

Gary rief die 911 an und äußerte seine Befürchtungen. Als Deputy Allison McGee dreißig Minuten später das Haus betrat, fand er den „stattlichen Rentner“ tot und „wie abgeschlachtet“ in seinem Blut. McGee: „Es sah so aus, als habe sich der Täter in einem Blutrausch über die Leiche hergemacht und so eine besondere Rechnung beglichen. Ich vermutete ihn in der Nähe.“

Morgen mehr.

09:54 13.03.2018
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