Der Pass im kolumbianischen Schnee

Küchenkampf Wo sich zwei Welten berühren: da liegt der Pass im kolumbianischen Schnee einer vollkommen durchgeschossenen Mannschaft, die auf ihren Patron schwört, ihm sklavisch ...
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Wo sich zwei Welten berühren: da liegt der Pass im kolumbianischen Schnee einer vollkommen durchgeschossenen Mannschaft, die auf ihren Patron schwört, ihm sklavisch dient und dafür Gladiatorenfreuden genießt.

Unser Mann muss noch mal von vorn anfangen. Seine Lehrmeisterin erscheint als Rache der Unterschicht und fordert Unterwerfung. Nennen wir sie Ellen. Eine göttliche Offenbarung riss Ellen einst aus dem Rinnstein und expedierte sie beinah ohne Weiteres in die Küche des großen Woog-Lee Milestone. Der Dinosaurier seines Fachs gehörte einer Kohorte von Küchenrevolutionären an, die der molekularen Laborgastronomie mit unversöhnlichen Interventionen ein Reservat anwies. Inzwischen lässt sich der Veteran nur noch historisch erklären. Woog-Lee profitiert von dem Wunsch seiner Gäste, einen Helden am Herd zu vermuten. Ihr lüsternes Halbwissen interpretiert die Küche als Raubtierkäfig mit Greifern aller Größe. Woog-Lee spielt in diesem Szenario den König der Tiere.

In Wahrheit schmeißt Ellen den Laden. Sie hält Woog-Lee davon ab, den eigenen Trog zu zerlegen.

Da sind zwanzig Leute im Einsatz, alles Könner*innen und jede(r) für sich eine irre Geschichte, und doch steht und fällt alles mit einer Person.

Ellens Unentbehrlichkeit ist ein bestens gehütetes Geschäftsgeheimnis. Niemand fände es plausibel für die Tellerfertigkeit einer Drogenkranken, die sich täglich neu mit Rigorosität und Religion kuriert, seinen Namen auf Wartelisten setzen zu lassen und das Preisniveau akzeptabel zu finden. Überall inspizieren miesmutig-graue Eminenzen die Frontlinie, doch der Gast sieht bloß die Löwenattrappe davor. Er zahlt für eine gelungene Inszenierung, nicht für die Rehabilitation einer Abgestürzten.

Mein Woog-Lee hieß Kurt (Name von der Redaktion geändert). Wusste man, Kurt selbst steht speckig im Unterhemd am Herd, stieg die Temperatur im Gastraum. Ich hörte da Leute vor Verzückung orgiastische Geräusche von sich geben. Kurt rauchte über seinen Creusets, der Schweiß überrannte das Donnerhaupt wie Schmelzwasser einen Stein. Asche und Schweiß fusionierten mit den Dingen in den Töpfen.

Es war eine Schweinerei, die in einem Wunder der Suggestion zum magischen Vorgang transformierte. Nie sah ein Gast die Küche und den uniformierten Fleiß, die eiserne Routine der Mannschaft, die von Kurt manchmal wie Sklaven und manchmal wie Mitgötter behandelt wurde. Niemals hintertrieb er die Fürsorge seines Stellvertreters auf Erden. Das war ein athletischer Italiener, der weder rauchte noch trank. Stets gab der Garant des Küchenfriedens seinen Leuten von den guten Sachen zu essen. Er bekochte das Migrantenfähnlein aus Bosnien, dem Kosovo, der Türkei und ich weiß nicht mehr woher ratzfatz mit allem Schick & Chi.

Laut wurde er nur zweimal am Tag. Dann hieß es Mise en place let's roll.

Zweifellos kochte Kurt noch besser als der entspannte Italiener. Aber hätte Kurt seine Küche am Laufen halten müssen, dann wäre jede Schicht geplatzt. Der letzte Spüler funktionierte besser als der erste Mann im Betrieb.

Zurück zu Ellen. Sie verkörpert einen Atavismus. Ihre Hände offenbaren die Herkunft von Obst und Gemüse, das Geschlecht und die Verfassung eines jeden, der damit in Berührung kam. Ellens Hände sehen vom Keim, über die Fruchtreife und ihre Ackerreihe, die menstruierende Erntehelferin, den taufrisch nach einer Ejakulation zupackenden Stauer bis zur depressiven Köchin supervisionär alles und alle.

08:30 15.12.2020
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