Der Staat schlägt zurück

RAF/Deutscher Herbst Stephan Meier/„44 TAGE“ - Wenn alle von der Übermüdung eingeholt werden und endlich schlafen gehen, prüft Roland Manthey einmal wieder einfach nur seine Form.
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Betäubte Gewerkschaften

Wir wissen es alle. Die Bundesrepublik stand im Herbst Siebenundsiebzig kurz vor dem Staatskollaps. Die alten Krieger im Kanzleramt empfanden gewisse rechtsstaatliche Hemmnisse als sinnlos störend. Hart gingen sie den bremsenden, zur Wahrung der Rechtsordnung sich bestellt wähnenden, linksliberalen Innenminister Werner Maihofer an. Plötzlich herrschte wieder Corpsgeist. Wir gegen die. Die, das war die RAF.

Maihofer hatte ein philosophisches Verhältnis zum Recht. Es lag ihm am Herzen.

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Wenn alle von der Übermüdung eingeholt werden und endlich schlafen gehen, prüft Roland Manthey einmal wieder einfach nur seine Form. Mit Rainer Werner Fassbinder könnte er sagen: Schlafen kann ich, wenn ich tot bin.
Manthey, genannt P., ist der Tough Guy der Bundesregierung, die mit Helmut Schmidt und Hans-Jürgen Wischnewski selbst zwei Schwergewichte aufbieten kann.

Im Vorgriff auf eine gründliche Beschäftigung mit Stephan R. Meiers Thriller„44 TAGE - Und Deutschland wird nie mehr sein, wie es war“ präsentiertTuschicks Textland in Kooperation mit FC und TTT eine Hommage von Signe Coureur an die sozialdemokratische Glanzzeit im Nachkriegsdeutschland. Siehe Blog: #Leben ǀ Rekonvaleszenzabsenz — der Freitag Die Versprechen des Ausgleichs schienen sich mit einer gelinden Vermögensumverteilung so wie mit der Bildungsreform ihrer Einlösung zu nähern. Eingestrichen werden sollte die Rendite milder Arbeitskämpfe, die von betäubten Gewerkschaften dirigiert wurden.

Gepanzerte Polizei

Nie zuvor war Deutschland so rot gewesen. Der RAF war das zu wenig. Sie ersetzte das politische Rot. Leichen pflasterten ihren Weg. Doch jeder tote Repräsentant des verhassten Staates lieferte den Chefs der Sicherheitsapparate eine neue Vorlage zur besseren Bewaffnung und zur Erweiterung ihrer Befugnisse.

Jeder RAF-Schuss ging nach hinten los.

Meier nutzt die Hochzeitereignisse des RAF-Terrors im Deutschen Herbst als Spannungslieferanten.

Stephan R. Meier, 44 TAGE - Und Deutschland wird nie mehr sein, wie es war“, Penguin Verlag, 463 Seiten, 16,-

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Mythos RAF

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Das Führungskader der Roten Armee Fraktion unterschätzte die intellektuellen Spielräume der regierenden Klasse. Schmidts Mannschaft erschien Baader und Meinhof sowie deren als Befreier:innen gescheiterten Nachfolger:innen so unsexy wie unterbelichtet. Aber die alten Säcke hatten Skills wie keine der extremistischen Seminarist:innen auf der Gegenschräge des Geschehens. Zumindest behauptet das

Von Krisenstab bis Straßensperre

Meier dekonstruiert den RAF-Mythos. Er dechiffiert Motive einer wohl eher hohlen Faszination für Mörder:innen. Vor allem lässt der Autor den Akteuren des Rechts Gerechtigkeit widerfahren. Meier wertet die historischen Rollen der Granden auf, tatsächlich zum Nachteil der Terrorist:innen.

Meier selbst etabliert sich als Verfechter des Rechtsstaats, wenn er die Kanzleramtsriege als zutiefst erschütterte Bürger:innenkriegsstrateg:innen im Bluthochdruckrausch schildert.

Staatskollaps

Roland Manthey brilliert als Meister der Desinformation und Desorientierung. Mit schmutzigen Tricks versetzt er seine Feind:innen in Wut. Sein Kalkül:

„Wütende ... machen Fehler.“

Er ist promovierter Jurist und passionierter Psychologe. Seine Getreuen nennen ihn P. P. wie Präsident. Roland Manthey unterstützt als Präsident des Verfassungsschutzes im Krisenstab von Helmut Schmidt den harten Bundeskanzlerkurs in der härtesten Bewährungsprobe der alten Bundesrepublik.

Im Herbst 1977 steht Deutschland vor dem Staatskollaps. Nach der Entführung von Hanns Martin Schleyer fühlt sich die Regierungsspitze von ihren Verächter:innen so vorgeführt und herausgefordert, dass sie rechtsstaatliche Prinzipien zur Disposition stellen.

Alle sind überreizt. In dieser Situation beweist Manthey seine Klasse. Seine Analysen sind messerscharf.

Sobald es hart auf hart kommt und alle anfangen zu flattern, wird Manthey ganz ruhig.

Er brilliert als Meister der Desinformation und Desorientierung. Mit „schmutzigen Tricks“ versetzt er seine Feind:innen in Wut. Sein Kalkül:

„Wütende ... machen Fehler.“

Sie verlieren ihre Selbstbeherrschung, treten über ihre Ufer und machen sich gegenseitig fertig.

Aus einem Pressetext

Als Sohn von Richard Meier, dem damaligen Präsidenten des Bundesamts für Verfassungsschutz hat Stephan R. Meier die RAF-Zeit hautnah miterlebt. Sein exklusives Insider-Wissen verarbeitet er zu einem hochspannenden Polit-Thriller. Im Interview spricht der Autor über seine Jugend, seinen Vater und die 44 Tage, die Deutschland für immer verändert haben und den Stoff für seinen neuen Thriller liefern.

In »44 Tage« schreiben Sie über ein brisantes Kapitel der deutschen Geschichte. Wovon genau handelt Ihr Thriller?

Von einem bis heute streng geheimen Pakt und dem wohl am besten gehüteten Geheimnis der deutschen Nachkriegsgeschichte. »44 Tage« beleuchtet vor allem die entscheidende Rolle der Geheimdienste in dieser extrem verdichteten Phase linksradikaler Gewaltexzesse. Erst unter Einsatz aller nachrichtendienstlichen Methoden ist es Deutschland gelungen, mit der RAF fertig zu werden. In »44 Tage« habe ich viele ganz neue Perspektiven entwickelt, vor allem die Sicht des Krisenstabes wird deutlich: Die RAF lauerte, was der Krisenstab als nächstes macht, der Krisenstab lauerte, was die RAF als nächstes unternimmt. Und das wochenlang. Im Hintergrund lief eine geheime Operation auf internationaler Ebene.

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In der Figur des eisblauäugigen Superbeamten Manthey steckt der ganze Meier. Die Schärfe seines Profils konkurriert in einem Kabinett knorrigster Typen vom Schlag Wehner und Wischnewski zumindest von heute betrachtet in einer Art politischem Jurassic Park. In der Wehrmacht gedient zu haben, war noch ein Gütezeichen. Wehner und Brandt sahen sich Verdächtigungen ausgesetzt, die nicht hinter vorgehaltener Hand geäußert wurden.

Es gibt keinen Bildungsgang zur Kanzlerschaft. Nicht jeder, der zunächst geeignet scheint, wird hinterher tatsächlich ein guter Kanzler - das haben wir ja bei Ludwig Erhard und Kurt Georg Kiesinger gesehen. Ein Kanzler muß jedenfalls einen starken Charakter und persönliche Standfestigkeit haben.Egon Bahr 1998 im Spiegel

Aus der Ankündigung

Sein Job: das Land zu schützen. Sein Gegner: der Terror. Seine Entscheidung: die härteste seines Lebens.

5. September 1977: Der Terror in Deutschland nimmt immer brutalere Ausmaße an. Auf offener Straße wird der Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer entführt. Roland Manthey, Chef des Verfassungsschutzes und mächtigster Staatsmann im Krisenfall, weiß auch ohne das Bekennerschreiben, wer dafür verantwortlich ist. Die RAF fordert die Freilassung ihrer inhaftierten Mitglieder im Austausch gegen die Geisel. Eilig beruft Manthey einen Krisenstab ein, der vor der größten Bedrohung in der Geschichte der Bundesrepublik steht. Während das verängstigte Volk den Atem anhält, sucht Manthey fieberhaft nach der Geisel. Doch als die Ereignisse eskalieren, steht er vor der schwersten Entscheidung seines Lebens …

Als Sohn des damaligen Verfassungsschutzleiters hat Stephan R. Meier die RAF-Zeit hautnah miterlebt und entwickelt daraus einen hochspannenden Politthriller.

»Verstörend realistisches Szenario.« Die Welt über »NOW«

Zum Autor

Stephan R. Meier, geboren 1958, hat in der Schweiz studiert und in China, Frankreich, Italien, Spanien, Thailand und den USA als Hotelier gearbeitet. Neben dem Thriller »NOW« veröffentlichte er zwei biografische Sachbücher, darunter eines über seinen Vater Richard Meier, der in den Siebzigerjahren Leiter des Bundesamts für Verfassungsschutz war. In »44 TAGE« verarbeitet er sein exklusives Insiderwissen über den Höhepunkt der RAF-Zeit zu einem großen Politthriller.

ZUR AUTOR*INNENSEITE

04:31 05.03.2021
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