Der Tropf als Killer

Åsne Seierstad “Einer von uns - Die Geschichte eines Massenmörders” - Erschreckend, aber wahr: Anders Behring Breivik wollte sich nur wichtig machen
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Im Sommer 2011 packt er Sprengstoff in ein Auto und steuert, verkleidet als RoboCop, die Bombe ins Regierungsviertel von Oslo. Stunden später richtet er auf Utøya, einer Insel im Besitz der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, ein Blutbad an. In der Rolle eines “Kommandanten der antikommunistischen Widerstandsbewegung Norwegens” (alternativ “Kommandant und Richter des internationalen Verbandes der Knight Templar”) tötet er 69 Jugendliche. Vor Gericht erklärt er seine Taten zu Kriegshandlungen gegen Muslime und kommunistisches Multikulti. Die norwegische Gesellschaft reagiert auf die Katastrophe von Utøya mit einer temporären Stilllegung ihrer Erregungsaggregate. Eine Opfergemeinschaft legt sich auf Eis, um nicht verrückt zu werden.

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“Mama” - Unter Decken, in Jacken, Hosentaschen, Spalten und Händen entdecken Helfer und Ermittler “die lautlos blinkenden” Telefone toter Teenager. Auf jedem Display leuchtet das Wort Mama.

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Der Vater, ein Diplomat, legt eine Genspur ohne Interesse an den Resultaten. Anders Behring Breivik wächst in der fadenscheinigen Obhut einer deklassierten Mutter auf. Es fällt ihr schwer, das Kind anzunehmen. Sie war selbst ein ungeliebtes Kind, eine Verrufene in kleinstädtischer Umgebung. Mit siebzehn brannte sie durch, sie huldigte dem Schein, solange die Attraktivitätsfassade andere zum Entgegenkommen einlud. Der Lack ist nun ab.

Der Zurückgesetzte dekoriert sich. Breivik malt sich eine Sprayerjugend aus. Kurz geht er auf Kollisionskurs zu den Regeln des Gesellschaftsspiels, dann reiht er sich jahrelang am rechten Rand der Mitte ein. Er träumt von einem autoritären, weißen Staat.

Das dokumentiert Åsne Seierstad in ihrer Chronik eines Massenmords. Sie schildert die Biografie eines “Toy”, der “King” sein will. Die Graffitigenerationsgenossen klassifizieren ihn als “Wannabe”. Interessant sind Breiviks Umdeutungen. Er verteidigt seine Grandiosität gegen jeden Versuch, ihn einzunorden. Er interpretiert seine sozialen Gleichgewichtsstörungen als gesellschaftlichen Zustand.

Er legt ein gewinnendes Verhalten an den Tag, achtet auf sich, ist auf Zack. Bei jeder Gelegenheit behauptet er eine (fantasierte) Vormachtstellung. Er versteht sich auf geschickte Kombinationen. Er kaschiert und camoufliert. Mit achtzehn tritt er in die Fortschrittspartei ein und übernimmt bald eine Führungsfunktion.

Überall sucht er seinen Vorteil.

Seierstads Darstellung der norwegischen Gesellschaft suggeriert eine Neigung zu harmonischen Lösungen nach innen und zu weicher Abschottung. Asylanten treten in der Nationaltracht ihrer Gastgeber auf, die eingesessene Bevölkerung zieht sich hinter unsichtbare Grenzen zurück. Gekuschelt wird nicht.

Breivik möchte schnell reich werden. Auf dem Weg dahin trifft er Lene, die als Baby vor einem indischen Waisenhaus ablegt wurde. Sie hat sich durch eine militärische Ausbildung gebissen, nun plant Lene eine politische Karriere.

Lene tritt für eine Verschärfung der Einwanderungsgesetze und für gehegte Streitkräfte ein. Sie verlangt Anpassung, der Islam ist ein rotes Tuch. Wer ihre norwegische Identität in Frage stellt, kriegt Ärger.

Lene überholt Breivik im zweiten Gang. Nach halbseidenen Erfolgen in der Geschäftswelt kehrt der Abgehängte in sein Kinderzimmer zurück und lacht sich da eine Spielsucht an.

Seierstad sucht den tragischen Kern der Persönlichkeit, eine Begründung im Tiefgang. Sie findet nichts.

Gehen Sie nicht in sich, da ist nichts, sagt Heiner Müller. Breivik schluckt anabole Steroide, er baut seinen Körper auf, er braucht muskuläre Stärke. Die schädlichen Wirkungen des Dopings mildert er medizinisch. Anders gesagt, Anders doktert herum. Er verfasst ein Manifest, in dem er sich zum Ideal eines arischen Kriegers stilisiert.

Er kauft im Netz ein, was das Netz hergibt an Waffen, martialischen Emblemen und Bombenbauanleitungen. Er pachtet einen Hof, um seinen Vorbereitungen Raum zu geben. Von seiner Mutter verabschiedet er sich schließlich mit den Worten: “Ich gehe kurz zum Computerladen.”

Das weiß man nach ca. 270 Seiten. Die Lektüre führt direkt in die Ratlosigkeit. Hannah Arendts im Fall von Eichmann konstatierte “Banalität des Bösen” gilt nicht mehr. Man weiß inzwischen, wie sehr Eichmann als Angeklagter um ein bestimmtes Bild bemüht war. Im Gegensatz zu dem Funktionsfaschisten E. sucht Breivik Exklusivität in der Verantwortung. Er betont den Signal-/Fanalcharakter seiner Taten. Er performt im Prozess und kritisiert die Haftbedingungen.

Man registriert lauter läppische Minuseigenschaften. Keine Erkenntnis unterbricht den Prozess der entwaffnenden Einsicht, dass Breivik nur mit dem Ziel einer Selbstvergrößerung gehandelt hat. Deshalb die Uniform und das Manifest.

Ein Sichaufspielen in Verbindung mit moralischer Inkontinenz: zu diesem Fazit kommt Seierstad. Von der Einschätzung sind die geschockten Ermittler weit entfernt, als sie Breivik nach dem Massaker in die Vernehmungsmangel nehmen. Sie fürchten eine terroristische Umgebung, in der Breivik als einziger sichtbar geworden ist.

Der Verdächtige zeigt sich wehleidig. Die Beamten sind ob der tropfigen Mischung von Eigenschaften wie vor den Kopf geschlagen.

Seierstad zählt Ermittlungspannen auf, die Autorin rechnet mit den Behörden ab. Sie gibt der Polizei eine Mitschuld am Inselmassaker. Sie schaut den Sterbenden in die Köpfe, sie nennt ihre Namen, skizziert die Lebensläufe. Das ist kaum zu ertragen.

Åsne Seierstad, “Einer von uns - Die Geschichte eines Massenmörders”, aus dem Norwegischen und Englischen von Frank Zuber und Nora Pröfrock, Kein & Aber, Hardcover, 544 Seiten, 26 ,-

10:38 21.05.2016
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