Der weiße Inder

ilb Internationales Literaturfestival - Charmaine Craig erzählt in „Miss Burma“ die Geschichte ihrer Großeltern. Von der biografischen Folie hebt sich die burmesische ...
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Eine kaum erwachsene Frau auf Bräutigamschau beobachtet einen Offizier, der in Frage kommt. Khin hält ihn für einen „Anglo-Inder“. Sie zählt zum Volk der Karen, einer in Myanmar verfolgten Minderheit. Noch heißt das Land Burma, „Miss Burma“ heißt der Roman, dessen Titelheldin dem „weißen Inder“ ihre Aufmerksamkeit schenkt. In einer Hafenszene steuert er eine Barkasse mit herausfordernder Lässigkeit.

„War er sich seines Gleichgewichts so sicher oder forderte er das Schicksal heraus?“

Die Frage folgt einem Satz, der sich selbst dementiert: „Es war nichts Ungewöhnliches an seinem guten Aussehen.“

Charmaine Craig erzählt in „Miss Burma“ die Geschichte ihrer Großeltern. Von der biografischen Folie hebt sich die burmesische Geschichte ab. Burma ist eine britische Kolonie, als der in Rangun geborene, nach dem frühen Verlust der Eltern bei Tanten in Kalkutta lieblos aufgewachsene Benny, des Birmanischen nicht mehr mächtig, 1938 in seine Geburtsstadt zurückkehrt.

Bald darauf erfährt Khin, dass ihr Interesse an dem weißen Inder mit rasender Liebe beantwortet wird. Ein Richter gestaltet den ersten Annäherungsversuch des Entflammten nach dem Schicklichkeitskomment. Khin und Benny haben keine gemeinsame Sprache, der Vermittler übersetzt der Empfänglichen einen Antrag.

„Etwas in seinen Augen sagte ihr, dass sie ihm schon gehörte.“

Der Richter fordert sie auf, Bennys redlichen Ansturm mit Ehrlichkeit zu quittieren.

„Um ehrlich zu sein, müsste sie ein Selbst haben“, erfasst Craig das Glück der Selbstlosigkeit.

Die Autorin schreibt: „Khin ist noch Jungfrau, aber schon Mutter“.

Khin vertritt eine Verstorbene. Sie gründet mit Benny eine bunte Familie. Er ist Jude, die Minderheiten küssen sich. Noch glaubt kein Mensch, dass der Krieg nach Burma kommt. Dann ist er da. Es kommt zu einer japanischen Invasion, die Verheiratete sieht Flugzeuge, die „wie abgeschossene Vögel vom Himmel“ fallen.

Craig erzählt wie Somerset Maugham und Graham Greene. Sie überliefert kolonialen Schick. Ihre Manier hat die Lagunenzauber- Rohrmöbel- und Tropenhelmpatina. Eine euro-asiatische Schönheit schwebt im Sorang über englischen Rasen.

Craig äußerte sich zu den jüngsten, massenmörderisch an den Rohingya verübten Menschenrechtsverletzungen in Myanmar. Sie habe darüber mit Aung San Suu Kyis gesprochen. Die umstrittene Friedensnobelpreisträgerin erklärte: „Sie kämpfen für das Überleben einer Minderheit. Ich kämpfe für Demokratie.“

Das ist wohl weniger eine interessante Spaltung als vielmehr ein übles Beispiel für Politiker*innensprech.

Craig sagt: In Myanmar wird Assimilation systematisch erzwungen. Früher hackte man den Leuten die Hände ab, die mit Ritualgegenständen und anderen Dokumenten einer von der Staatsdoktrin abweichenden Kultur erwischt worden waren. „Burmesierung“ ist ein Staatsziel. Auch auf die Karen wurde solange Druck ausgeübt, bis sie ihre Geschichte, ihre Spiritualität und ihr Alphabet verloren hatten.

09:10 08.09.2018
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