Desymbolisierungsresistente Ehren

Philipp Ruch/Rache Bemerkungen zu Philipp Ruchs „Ehre und Rache. Eine Gefühlsgeschichte des antiken Rechts“ - 4. Folge - „Desymbolisierbare Ehren“ werden von der Zeit aberkannt.
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„Der sterbliche Leib gegen unsterblichen Ruhm“ - Ruch unterscheidet „olympischen Sellerie“ und den Laubschmuck der Siegerkränze von „desymbolisierungsresistente Ehren“, an denen „sozialkonstruktivistische Auffassungen abprallen“.

Philipp Ruch, „Ehre und Rache. Eine Gefühlsgeschichte des antiken Rechts“, Campus, 437 Seiten, 39,95 Euro

„Desymbolisierbare Ehren“ werden von der Zeit aberkannt, so Ruch einerseits. Andererseits schildert er Staatsbegräbnisse für „politisch Gratifizierte“ als „desymbolisierbare Ehren, die „mehr als eine kollektive Suggestion“ sind. Ruch findet in Achill einen Eisenmann des Stolzes, den vom ersten bis zum vierten Akt kein Schatz käuflich macht.

Offenbar fällt es Achill leicht, seine Ehre über alles zu stellen. Ruch gibt der Vorstellung von einer selbstlosen Unbedingtheit Raum, bevor er sein Tanzpaar Ehre-Rache und Recht wieder auftreten lässt. Achill verstünde Ehre als Rechtsschutz, Hauptsache Allianz versichert.

„Seine Ehre garantiert Rechtssicherheit.“

Und schon geht es wieder um Eigentum nach Vorschriften eines antiken BGBs. Will er sein Eigentum bewahren, bedarf Achill der Ehre, die, so schreibt Ruch vorher und immer wieder, nur ein „soziales Konstrukt ist“.

Das Konstrukt garantiert das Eigentum auf der Basis von Ehre. Ginge man dem Gedanken nach, könnte man auch noch mal anders über Eigentum nachdenken.

Ruch beschreibt die antike Stadt als Schule der Nation. Von Heldenstatuen gesäumte Alleen weisen den rechten Weg zu ewiger Ehre.

Der praktische Nutzen der Ehre

Folgt man Ruch, trifft man den antiken Bürger in der Latenz einer Sorge, dem Sklaven gleich zu werden. Der Unterschied zwischen frei und gebunden ergibt sich aus keinem verlässlichen Selbstverständnis. Jeder Tagessieger kann nach dem nächsten Waffengang bei den Verlierern landen und „das Klatschen der Peitsche“ ist dann keine Abstraktion der Abschreckung mehr.

Ruch hält sich mit entehrenden Strafen auf. Delinquenten werden in Frauenkleidern zur Schau gestellt. Sie erleben den Verlust des Ansehens mitunter als milde Strafe. Milde im Vergleich.

Ruch schöpft aus der vollen Anschaulichkeit, er steuert seinen Punkt auf einem Dutzend Wege an. Das Ehrgefühl ist keine kulturelle Komposition. Es tanzt nach der Pfeife des Rechts.

„Rechtsfolgen stellen den Schlüssel zur Aufklärung der emotionalen Wirksamkeit der Ehre dar.“

So liefert auch die Abwehr der Knechtschaft (in der Konsequenz eines Kriegsverliererschicksals) ein starkes Motiv für ehrwürdige Tapferkeit. Man kann sich nicht sicher sein, dass der anständige Tod billiger zu haben ist als die Ehre. Bereits in der antiken Gesellschaft gibt es keine Position außerhalb des Wettbewerbs. Nichts steht fest. Vielleicht rührt daher die Begeisterung für Denkmäler; da sie festzustehen scheinen, bis zum nächsten Erdbeben oder Standbildersturm im Zuge einer Kulturrevolution.

Kurz gesagt, die Peitsche kann jeden treffen.

Was sich im Streifzug als Symbolpolitik leicht missverstehen lässt, erscheint im Fadenkreuz der Klarheit als vom Abschreckungswillen hochgefahrener Rechtsakt. Die Entehrung ist ein Aspekt der Rechtsökonomie, ein Gefängnis, für das kein staatlicher Aufwand getrieben werden muss. Die Bevölkerung springt ein und ergreift die Gelegenheit, sich als Verachtungsmaschine zu bewähren.

In diesem Sinn handeln, wenn auch ohne staatlichen Auftrag, die aggressiven Humanisten vom Zentrum für politische Schönheit:

"Die Basis einer wehrhaften Demokratie ist die Wachsamkeit und Verteidigungsbereitschaft der Zivilgesellschaft. Die Amadeu Antonio Stiftung listet auf ihrer Seite "Kein Netz für Nazis" vier Maßnahmen auf, was zu tun ist, wenn der Nachbar Neonazi ist:

1. Im Haus auf ein Klima des Hinsehens und Eingreifens wirken. Alle Anwohner über die rechtsextreme Einstellung des Nachbarn informieren.

2. Zur Ermittlung von Straftaten ist es notwendig, genaue Beobachtungen anzustellen und sie umfassend – mit Datums- und Ortsangabe – zu fixieren. Das hilft der Polizei und im Strafprozess vor Gericht. Droht der rechtsextreme Nachbar anderen Bewohnern? Pöbelt er sie an? Oder verängstigt er durch Gesten?

3. Alle Anwohner sollen dem Rechtsextremen deutlich machen, dass sie seine Anwesenheit als beängstigend wahrnehmen.

4. Rechtsextreme Mieter sollen dazu gebracht werden, aus ihren Wohnungen auszuziehen. Sie sollen signalisiert bekommen, dass sie nicht erwünscht sind. Jede Straftat muss sofort gemeldet werden. Nur wer sich unwohl in seinem Wohnumfeld fühlt, wird nicht ewig dort bleiben."

Siehe https://www.politicalbeauty.de/mahnmal.html

Wird fortgesetzt.

09:47 23.03.2019
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