Die Absteige in K.

#Leben Ausgerechnet K. Die Stadt der kurzen Wege und der neun Türme. Das Tor des Nordens. Der dänische Fuß im holsteinischen Nacken ...
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Plötzlich ist sie wieder da und beansprucht auch noch in der Rolle eines Schattens ihrer selbst viel Raum. Yael Granata, genannt Ela, erlangt mit Hinfälligkeit und einem spannenden Vorleben die Aufmerksamkeit ihrer Schwester Shira, die Ela längst abgeschrieben hatte, als ein Anruf sie aus ihrer Ahrenshooper Ordnung riss und nach K. rief.

Ausgerechnet K. Die Stadt der kurzen Wege und der neun Türme. Das Tor des Nordens. Der dänische Fuß im holsteinischen Nacken. Die Vizekönigin der Hanse und der Kindheitsschauplatz von Ela - und Shira. die für ihr Leben lauter gute Lösungen auf der Basis des Verzichts gefunden hat. Mit Freundinnen leitet sie nun eine Bewegungsschule für Frauen und Kinder in Ahrenshoop. Die Preisgabe eines eigenen künstlerischen Ehrgeizes zugunsten der Brotentscheidung hängt mit dem Erfolg und der Sicherheit zusammen. Shira hat (am Strand) eine Tochter allein großgezogen und dem Mädchen wechselnde Bekanntschaften verschwiegen. Roni ahmt sie nach, gemeinsam entwerten die Frauen den Erzeuger als Lappen.

Roni rechnet mit der Mutter (ab). Sie wirft ihr vor, das familiäre Bollwerk zugunsten einer Abtrünnigen zu schleifen. Der Vorwurf trifft Shira, die mit beinah vierzig zum ersten Mal über ihre Ufer tritt; herausgefordert von Begegnungen mit der Schwester, die nach einem Kampf im Diakonissenkrankenhaus zu K. nicht nur der Fürsorge bedarf. Sie hat auch was zu geben. Einen Piratenschatz beinah. Dazu später mehr.

Für Shira ist Ela zunächst nur eine dämliche Drecksau. Als Schulabbrecherin hatte Ela das Weite gesucht und sich bei der Familie nicht mehr gemeldet. Shira zieht vorübergehend in die Wohnung, die Ela in K. höchstens als Absteige genutzt haben konnte. Sie besichtigt das halbfremde Leben der abenteuerlustigen Schwester, während das Personal einer mysteriösen Vergangenheit vorstellig wird. Shira erinnert Szenen, in denen Ela sie bis zur Schwelle des Missbrauchs manipulierte. Noch immer brennt die Scham, auf die Charismatikerin hereingefallen zu sein.

Shira träumt komplette Spielfilme. Leute, die vorgeben sie von jeher zu kennen, erscheinen ihr vollkommen fremd. Die Fremden wissen gut Bescheid.

In einem Romannebenraum leben die norddeutschen Eltern unter einem hessischen Mittelgebirgskamm in der Gegend von Kassel. Sie sind da als Betreuer einer dementen Verwandten hängengeblieben.

Shira kennt die Residenzstadt Kassel.

Die Geografie ihrer Biografie zieht Linien zwischen K., Kassel und Ahrenshoop. Das ist kein typisches Nachkriegsdreieck.

Die Liebe zu allen möglichen Verzweigungen, Schluchten und Einkehren endet mit einem Flug. Auf den Existenzspuren der Schwester erreicht Shira Mexiko, begegnet einem Herrn Brandt und gerät in die Nähe der Ciudad-Juarez-Femizid-Hölle.

„Als Frauenmorde von Ciudad Juárez wird eine seit mindestens Anfang der 1990er-Jahre andauernde Mordserie in der nordmexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez bezeichnet. Seit 1993 wird in den internationalen Medien über diese Mordfälle berichtet. Die Opfer werden entführt, gefoltert und zumeist nach einigen Tagen bis einigen Wochen gefesselt auf Brachflächen außerhalb der Stadt abgelegt. Die Leichen weisen in der Regel Spuren von Gewaltanwendungen auf, manche Leichen wurden enthauptet oder verstümmelt. Die meisten Morde wurden bisher nicht aufgeklärt. Es werden unterschiedliche Männergruppen hinter den Taten vermutet.“ Wikipedia

Die Ereignisse nehmen ungeheuer Fahrt auf. Sie gehen ab ins Burleske und kapriolen surreal. In Mexiko erfährt Shira, wie ungemein findig Ela war. Demütig und geläutert kehrt Shira zu der genesenen Schwester zurück. Die beiden sind reich. Sie müssen nie mehr arbeiten und wollen das auch nicht. Sie überzeugen Roni von Elas Großartigkeit und führen zu dritt ein Superleben an der Ostsee.

09:07 11.02.2021
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