Die Angst vor Rom

Fremdenfeindlichkeit Hank, der als junger Mann Kanak Attak Aktivist gewesen war, erklärte mir Murksel Merksens Versagen.
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Am Beispiel des Grashüpfers erklärte Feridun Zaimoglu die Schliche von Prinz Mimikry, damals der beste Gunslinger in Grünwest.

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In den letzten Jahrzehnten vor dem Ende des Römisches Reichs in seiner herrschaftlichen Verfassung ist die Angst vor Rom ein Bollwerk, das manchen Ansturm bremst. Jahrhundertelang verminderte das Imperium die Aufstandsbereitschaft der unterworfenen Völker mit drakonischen Strafen. Man nimmt an, dass die Angst noch lange nicht aufgebraucht war, als ihre Riegel brachen. Einige Autoren schildern die Überwinder als zerlumpte Haufen, die wie mit Bulldozern vom Hunger, der Landlosigkeit und den Feinden im Rücken gegen die römischen Stadtmauern geschoben werden. Die Barrieren beenden den Expansionswillen von Generationen, bis sie so porös sind, dass Alarich und seine Goten am 24. August 410 durchbrechen. Die anschließenden Plünderungen zählen zu den Wegmarken eines zivilisatorischen Rückschritts, der erst tausend Jahre später in der Renaissance gestoppt wird.

Zaimoglu widersprach der Ansturmthese vehement. Ich zitiere aus einer Vorlesung im Jahr 1998: „Die Mannschaften unter Alarich waren latinisierte, an die römische Suprematie ohne besondere Widerstände gewöhnte Landsknechte. Sie hielten sich selbst für Bürger des Weltreichs. Sie waren Kombattanten in einem Bürgerkrieg. Unter gewissen Voraussetzungen hätten sie genauso gut als Verteidiger Roms auftreten können.“

Das waren Marodeure.

Zaimoglu gab zu bedenken, dass Alarich nur als Zerstörer, nicht jedoch als Gründer überragend gewesen war. Er erteilte seine Lektionen im Hinterzimmer der „Roten Rosa“. Schüler und Studenten teilten sich die Kneipe mit abgestiegenen Kleinbürgern und anders Prekären. Sabahattin-Ali-Anhänger hatten da einen Stammtisch. Sie diskutierten mit Falken und Jungsozialisten, die entschlossen waren, ihre Vorstellungen von direkter Demokratie als Abgeordnete im Bundestag durchzusetzen. Das war eine richtige Mission, von langer Hand geplant. Die Jugendlichen kamen Leuten nach, die im langen Marsch durch die Institutionen irgendwo komfortabel steckengeblieben waren und ihre subversive Energie nie verloren hatten. Die Arrivierten gaben ihre Erfahrungen mit systemischen Fallstricken konzertiert weiter. Sie förderten politisch durchsetzungsfähige Sozialisten, die das Werk von Achtundsechzig weiterführen sollten. Die angehenden Politiker*innen assoziierten mit den Goten die gute Barbarei im Kampf gegen bourgeoise Dekadenz. Sie ignorierten, dass Alarichs Erben darum bemüht gewesen waren, sich wieder im Imperium einzugliedern. Könige der Goten schätzten den Wert zivilisatorischer Errungenschaften wie zum Beispiel gesetzlich garantierte Verhältnisse. Sie suchten den Schutz der überlegenen Ordnung. Die Ordnung aber zerfiel und die Könige mussten in der Nachahmung römischer Herrschaft erkennen, dass sie nicht so herrschen konnten. Sie verloren ihre Reiche an die Franken bereits in der Ära von Alarichs Enkel Alarich II.

Zaimoglu erklärte: „Wenn die Deutschen Alarich zum Stammvater des Römischen Reichs Deutscher Nation erklären, dann stellen sie eine fragwürdige Figur an die Spitze.“

Ist es nicht traurig zu sterben: mit so vielen echten Zähnen im Maul?

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Ein Jungsozialist namens Murksel Merks wollte die ganze Geschichte vom Tisch wischen. Für ihn lichteten sich die Nebel der Vergangenheit im Manchesterkapitalismus. Murksel Merks argumentierte revolutionär. Zaimoglus Reformismus fand er zu bedächtig und auch verdächtig. Ich fragte mich damals, wie ernst es Murksel Merks meinte mit der Revolution. Er war ein charismatischer, vielversprechender Fürst mit treuer und fähiger Gefolgschaft. Er verlor seine Überzeugungen nicht an das Vermögen, das ihm zuflog, bevor er dreißig war. Er verließ die SPD und wechselte zur Linken. Überall vertrat er offensiv seine Standpunkte. Er bemerkte wohl kaum, wie die aus einem Kinderladen herausgewachsene linksradikale Korona zum Klotz an seinem bürgerlichen Bein wurde. Murksel Merks lebte im Spagat zwischen politischem Anspruch und dem Alltag eines Millionärs und Meinungsführers. Er verfing sich in einem Konflikt mit dem fad-undurchsichtigen Langweiler Hank Tecumseh Beauregard-Aslan. Hank war marginalisiert und nahezu mittellos. Er sammelte Pfandflaschen, drehte Zigaretten aus Tabakresten in Kippen, die er vom Boden las, sprach in der Öffentlichkeit laut zu sich, trank von mittags bis in die Puppen so viel Alkohol wie er kriegen konnte und residierte am liebsten auf Parkbänken. Kam ihm jemand zu nah, wechselte er indigniert den Platz. Jemand, der sich selbst gegenüber so wehrlos war wie Hank, schied als Gegner in einem Kampf mit Murksel Merks ohne zusätzliche Erwägungen aus. Das war die herrschende Meinung. Vier Jahre später rauchte Hank nicht mehr. Er redete nicht mehr laut mit sich in der Öffentlichkeit. Niemand sah ihn mehr Flaschen sammeln und auf Bänken vergammeln. Stattdessen hatte er England, Schottland, Litauen, Italien, Schweden, Dänemark, Spanien und Portugal bereist. Offensichtlich folgte er einem Trainingsplan. Man musste sich anstrengen und weite Wege zurücklegen, um Hank nicht aus den Augen zu verlieren. Alle Versuche, ihn psychisch zu destabilisieren, waren gescheitert.

Hank, der als junger Mann Kanak Attak Aktivist gewesen war, erklärte mir Murksel Merksens Versagen.

Ich bin von einer einzigen Beobachtung ausgegangen. Ich wusste, dass dieser Murksel Merks eher bereit ist, Fehler zu machen, als nichts zu unternehmen. Fehler sind Eigentore. Sie erlauben es dem Gegner, die Spielzeit unter der Dusche zu verbringen. Er kann nicht verlieren und muss nicht treffen. Murksel Merks schießt sich selbst ins Koma (vor allem mit seiner revolutionären Überschreitungsbereitschaft nach der Devise soviel Rechtsstaat wie nötig, soviel Selbstermächtigung wie möglich). Die hyperdämliche Milchwurst eiert seit Jahren an der roten Linie zur Kriminalität herum, während ich Atemübungen mache.

Wird auf besonderen Wunsch von Murksel Merks fortgesetzt.

18:00 27.06.2018
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