Die Arroganz der Anderen

Migration/Populismus Nach ihren Berufen und dem Status der meisten arabischen Juden hätte diese gesellschaftliche Formation zur Verstärkung des linken Lagers beitragen müssen.
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Ihr brüskierendes Wesen brauchte keinen Menschen, um sich zu zeigen. Ilanit brauste auch auf, wenn sie sich allein in der Küche wähnte. Sie haderte mit dem Herd, schmähte das Öl und schüchterte Pfannen ein. In Ilanit lief ein Abwertungsmotor, für den alles zum Treibstoff werden konnte.

Ilanit war im Tross der Eltern meines Vaters aus dem Irak gekommen und im Verlauf von Jahrzehnten zu einer Familienangehörigen geworden. Kein Sabbat ohne Ilanits Kube. Kube sind Fleischbällchen in Teig. Sie gehören zur Küche kurdischer, irakischer, jemenitischer und marokkanischer Juden, die als über einen Kamm geschorene und in einem aschkenasischen Herabsetzungsdiskurs abgebügelte Mizrachim in der Ära ihrer Einwanderung Anfang der 1950er Jahre einen besonders schweren Stand in Israel gehabt hatten. Sie waren religiös gewesen - in einem vermeintlich militant säkularen Staat; gegründet von Leuten, die das Erbe der europäischen Moderne im Nahen Osten verherrlichten.

Das ist eine Wahrheit. Genauso wahr ist, dass Ben-Gurion die Frage, wer Jude ist, folglich Anspruch auf die israelische Staatsbürgerschaft hat, von Rabbinern beantworten ließ. Orthodoxe Tentakel schmiegten sich an den Staat vom ersten Tag seiner Existenz, ungeachtet der weltlichen Erscheinungen der Gründungsmannschaft. Fundamentalismus lieferte das Fundament. Davon konnte sich der Staat nie mehr lösen – im Sinne von befreien.

Zuerst dünstet man eine Zwiebel. Man hackt sie und mischt sie mit gehackter Petersilie ins Hack. Man würzt mit Salz und schwarzem Pfeffer.

Im Haus meiner Großeltern sprach man den jüdischen Dialekt von Bagdad. Man sprach Arabisch auf den Märkten und stand hoch in der Achtung palästinensischer Händler. Ilanit verwandte Gewürze und servierte Soßen, die Produkte uralter irakisch-babylonischer Fernhandelsbeziehungen waren. In der greisen Magd steckte mehr Welt als in mir.

Meine ultra-urbanen Großeltern waren in Israel an einem ruralen Rand platziert worden so wie man wenig geschätzte Gäste in einem Restaurant am Katzentisch Platz nehmen lässt. Man stempelte sie ab als Orientalen. Ihr kultureller Reichtum schwand in der hoheitlichen Wahrnehmung und verwandelte sich da in schiere Armut. Keine ihrer Sprachen und Kodes garantierte Distinktion.

Ihnen eilte der Ruf voraus, vormodern zu sein. Die Rückständigkeit äußerte sich exemplarisch in ihrer Religiosität, deren Praxis aber moderner war als die fundamentalistischen Auslegungen der im Staat implantierten aschkenasischen Orthodoxie.

Nach ihren Berufen und dem Status der meisten arabischen Juden hätte diese gesellschaftliche Formation zur Verstärkung des linken Lagers beitragen müssen. Da die Linke ihr überheblich begegnete, unterstützte sie Menachem Begin.

1984 gründeten Mizrachim die Schas Partei (Sephardische Tora-Wächter), deren ultraorthodoxe Ausrichtung Folge der Segregation und keinesfalls die Wiederannahme historischer Reinheitsgebote war. Der Säkularisierungsprozess, in dem sich viele sephardische Juden befunden hatten und dessen Genese von den Rahmenbedingungen in den diasporischen Gemeinden gestiftet worden war, stockte in einer doppelten Reaktion. Die Mizrachim reagierten auf die Verweigerung einer säkularen jüdischen Identität mit religiösem Eifer. Bei der diskriminierenden Unterscheidung zwischen Juden und Arabern, positionierten sich die sephardischen Tora-Wächter eindeutig. So geht gesellschaftliche Partizipation. Um die Sache abzurunden, ging man dann selbst in die Vollen der Herabwürdigung von Minderheiten. Unter dem Vorwand des gepflegten Vorurteils, so gegen Schwule, übte man Rache. Die Arroganz der Anderen sorgte dafür, dass der linke Humus bis zu einer Erosion der Verhältnisse abgetragen wurde. Eva Illouz und Mati Shemoelof, auf die ich mich in dieser Phantasie beziehe, erklären so, dass in Israel der rechte Populismus floriert.

10:53 21.01.2019
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