Die Ausgeschlossene

#Leben Diese Aufsteiger:innenfamilien betreiben Migration auf der Grundlage von Strategiehandbüchern. Sie ziehen das Beste aus zwei Welten zusammen ...
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Einwander:innen auf der Überholspur

Solche Aufsteiger:innenfamilien betreiben Migration auf der Grundlage von Strategiehandbüchern. Sie ziehen das Beste aus zwei Welten zusammen, ohne Rücksicht auf persönliche Belange: mit dem Ziel, ihre Kinder sofort da als soziale Raketen zu installieren, wo die Planlosen im besten Fall nach drei Generationen hinkommen.

Maida verkörpert die mitunter zweifelhafte Kreativität jener, die gelernt haben, alles für möglich zu halten und sich selbst in den Kategorien von Versuchsreihen zu denken. In gleichermaßen solidarischen und selbstsüchtigen Systemen organisieren sie individuelles und kollektives Fortkommen. Das Ganze läuft wie auf Schienen unglaublich strukturiert und auf die entscheidenden Punkte konzentriert ab.

Doch dann geht etwas schief, und ehe sich Maida versieht, ist sie eine Ausgeschlossene. Die Community der Ehrgeizigen akzeptiert keine Entschuldigungen. Failure is not an opition bei ihrer Marsmission zur Mehrheitsgesellschaftsmitte. Eine um den Preis von Zugehörigkeit und anderen Annehmlichkeiten aufgebaute Migrant:innenexistenz wurde gerade eben von einem harten Schicksal zerschlagen. Während sie Erbsenmus in kochendes Wasser rührt, bedenkt Maida ihre Lage als Frau eines zerrütteten Mannes und Mutter einer von den erwachsenen Nervositäten irrritierten Tochter namens Imogen. Bald illuminiert sie die Einsicht, dass Enttäuschungen keine Rolle mehr spielen. Maida wirft sich auf jeden Sonnenstrahl und reagiert bis zur Absurdität euphorisiert auf den letzten Scheiß. Zu ihrer Unterstützung zieht sie die invalide Scharlatanin Gerda Clark heran, die sich als Heilerin von Autismus, Zerebralparese und Unfruchtbarkeit durchschlägt. Gerda zieht bei Maida ein. Imogen und ihr Vater werden nicht gefragt. In ihrer Verzweiflung fängt Imogen an zu boxen. Sie braucht keinen Anlauf, um ihre Form zu finden. Imogen gewinnt vom ersten Kampf an. Die Trophäen nehmen zwar einen Ehrenplatz in der überfüllten Wohnung ihrer Eltern ein, doch könnte man sie leicht huldvoller betrachten als Maida, die der Tochter immer noch und noch einen egalisierenden Spruch reinreibt, aufgestachelt von der alten Hexe Gerda. Seit Maida gesellschaftlich am Boden liegt, postuliert sie ein Gleichheitsphantasma. Im Weiteren tun Maida und Gerda so, als wüchsen Spitzenathletinnen in der Nachbarschaft auf den Bäumen; so als seien Imogens Siege leichter zu haben als die Siege im Überlebenskampf der Deklassierten.

Bald mehr.

13:12 07.03.2021
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