Die Belladonna-Mission

Uljana Wolf/Sophie Seita Uljana Wolf hält „dem dunkeldeutschen Denken der Einsprachigkeit“ ihre „Doppelgeherrede“ entgegen.
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Von links: Sophie Seita, Uljana Wolf, Eugene Ostashevsky

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Im Jahr 2180 ist Deutsch nur noch eine Erinnerung. Etwas Rekonstruiertes auf einem Plafond ungesicherter Behauptungen. Eine Schwärmerei, in der die Aussprache von der Muttersprache der Liebhaberin sowie von phonetischen und philologischen Phantasien abhängt. Die Stunde von Finnigans Wake schlug lange zuvor dem letzten Fass einer verbrauchten Geläufigkeit den Boden aus.

fall (bababadalgharaghtakamminarronnkonnbronntonner ronntuonnthunntrovarr hounawnskawn toohoohoordenenthur nuk!) of a once wallstrait oldparr is retaled early in bed and later on life down through all christian minstrelsy. The great fall of the … Auf einem Kongress in dem säkularisierten Kloster Taktshang (im Himalaya) referiert die koreanisch-türkische Sprachwissenschaftlerin Puma Park in dem akademischen Rummelplatzenglisch, das gerade Mode ist, wie im frühen 21. Jahrhundert Englisch und Türkisch ins Deutsche einwanderten und die Sprache in Akten durchgreifender Migration transformierten.

Wörter brauchen kein Visum. Sie infiltrieren alte Realität und schaffen neue.

In visionärer Eile erreichte eine Avantgarde bis dahin unbekannte Gestade „abgespaltener Binnenreiche“ (Arno Schmidt) mit ihrem Neuenglisch. Dazu ersannen die Sprinterinnen eine Mythologie auf Fruchtbasis. Puma Park erwähnt Uljana Wolf, eine jene altdeutschen Dichterinnen, die von diversen Verwerfungen, „über die wir heute nicht reden wollen“, (wie vom Donner gerührt und bis zum Scheitel geschockt) beschleunigt worden waren, um endlich im ewigen Jetlag zu erkennen: „All travels are possible. / All ways of the voice that lead across it, are good.” Das sind Feststellungen aus “Annalogue on Oranges”. Im Vorbeiflug der Wörter genießt Puma Park die Valeurs von Anna Logue on Oranges. Sie präsentiert dem Auditorium den Publikationszusammenhang des Gedichts - ein von Astronautinnen erst zerlesenes und dann in einem russischen Weltraum Antiquariat Jahrzehnte links liegengelassenem Exemplar von Subsisters: Selected Poems Uljana Wolf translated by Sophie Seita. Veröffentlicht bei Belladonna.

The Belladonna* mission is to promote the work of women writers who are adventurous, experimental, politically involved, multi-form, multicultural, multi-gendered, impossible to define, delicious to talk about, unpredictable and dangerous with language.

Die Übersetzerin Sophie Seita erscheint als Kollaborateurin. Sie ist vielmehr Autorin als irgendwas mit Co, ihre Interventionen schreiben das Kunstwerk fort. Sie spalten ab und fügen ein und überholen das Original auf Rennstrecken eines neuen Kontinents der Sprache. In einer Landschaft der Zukunft.

Aus „Wer den Schaden hat, muss für spots nicht sorgen“ wird „Wer den Schatten hat ...“ Die phonetische Nähe von Schaden und Schatten schafft eine Nachbarschaft mit überall hin flottierenden Bedeutungen im Spektrum zwischen lautmalendem Übermut und dem Mehrwert translingualer Phänomene.

“Two heads are better than ohne” schreibt Seita. Dem lässt sich nichts hinzufügen.

Wolf & Seita betraten beinah Hand in Hand die Bühnen ihrer Gegenwart. Puma Park weiß von transkontinentalen translingualen Transgender Transaktionen etwa 2018, wo das Paar im Kunstraum des Berliner Bethanien wie ein Mann auftrat.

Ich habe schon einmal versucht, Uljana Wolfs Lyrik zu begreifen:

Gibt multilinguale Vieldeutigkeit den Ton und das Ziel an, ist Finnigans Wake das Buch der Bücher. Sein phonetischer Furor erzeugt eine Waterworld aus Worten. Der transkontinentale Gesang der Wale könnte Joyce inspiriert haben: „Whaling away the whole of the while (hypnos chilia eonion!) lethelulled between explosion and reexplosion (Donnaurwatteur! Hunderthunder!) from grosskopp to megapod, embalmed, of grand age, rich in death anticipated.“ Auch Beckett liefert in Dreams of Fair to Middling Women ein Spiel mit Sprachen ab. „Don’t bother me with such Quatsch“, heißt es in einem Beispiel für Becketts Freude an der Seltsamkeit des Deutschen in seinen Ohren. Nicht weniger verspielt ist ein Gedicht, das Uljana Wolf im Berliner Pink Melon Joy der ersten Lesung aus ihrem neuen Band meine schönste lengevitch voran schickt. Darin geht das Deutsche verloren in einer schmerzhaften Auswanderung nach Amerika. Am Horizont mancher Gedichte bleiben von der Herkunftssprache nur Ballhörner übrig – Verlust und Erinnerung. Vor diesen depressiven Prospekt hängen im Pink Melon Joy (von Uljana Wolf) auf die Bühne gebetene Autor*innen polyglotte Girlanden der Heiterkeit. Auf der Suche nach einer Lengevitch sind Cia Rinne, Eugene Ostashevsky, Shane Anderson, Isabel Cole und Sharmila Cohen. Ihre poetischen Recherchen reichen vom „Zahnarzt- und Google-Deutsch“ bis zurMiss in Missverständnis. In einer von Kenntnissen unbelasteten Übersetzung aus dem Niederländischen ergibt sich: „Soll ich in die Wanne ejakulieren? Lass lieber meinen Frachter passieren.“ Isabel Cole erzählt die schönste Geschichte des Abends. Ihr sei erst auf Deutsch klargeworden, wieso ihrem „Gehirn das Auge durchging“. Der narrative Einfall spielt mit der Nähe von Blinzeln und Schielen in einem englischen Wort: to squint. Den Entschluss, richtig zu sehen“, habe sie in der Fremdsprache gefasst – ein Resultat der Differenz. Von der Zweifelhaftigkeit der Zweisprachigkeit zu Zeiten Friedrich Schleiermachers (1768 – 1834) berichtet Uljana Wolf. Der Theologie verglich Zweisprachigkeit mit „einem künstlichen Mann, der auf einem weißen Blatt Papier Kresse wachsen lässt.“ Uljana Wolf hält „dem dunkeldeutschen Denken der Einsprachigkeit“ ihre „Doppelgeherrede“ entgegen: „ich ging ins tingeltangel, lengevitch angeln. an der garderobe bekam jede eine zweitsprache mit identischen klamotten, leicht gemoppeltes doppel. die spiegel aber zeigten nur eine von uns, ich schluckte: kalte spucke, spuk. hinten hoppelten wortkaninchen aus ashberys hut. zum ballsaal dann, mit meinem zwilling zirkumstanzen, am tresen ein köpfchen kaffee mit mrs. stein. dass ich gespenster seh!, rief plötzlich aus der nische, wo das denken dunkeldeutsch blieb, mr. veilmaker im schlafanzug der philosophen. ein kressekästchen vor der brust, verblüfft: wächst auf einem weißen blatte! ohne alle erde! wurzellos! ich wollte nach paar samen fragen, doch mein zwilling sprang, ging schwofen mit dem mann. wer schatten hat, muss für die spots nicht sorgen, sagte mrs. stein, packte ihre knöpfe ein.“

Aufmarschieren lässt die Dichterin Jean Paul, Jacob und Wilhelm Grimm, Bertha Pappenheim in einer Geschichte der (Anna) O und der Aphasien - und Erika Steinbach, die ihre Muttersprache in einem Verein schützt. Identität – Sprache – Nation. Uljana Wolf zieht aus dem von ihr auf links gedrehten Eingemachten der Nation selbst eine Prise Identität: „Wir waren mehr Rädchen als Mädchen“ erinnert sie sich an junge Pioniere ihrer Ostberliner Kindheit. „Aus dieser Zeit stammt mein inneres Echo / ... / Selbst der Wind drängte auf Richtung“.

Zur Feier des Tages - Gesehen in Kreuzberg

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Subsisters: Selected Poems Uljana Wolf translated by Sophie Seita, Belladonna, $18

08:20 11.07.2018
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