Die bestimmende Kraft

Literatur Jillian zählt sich zu den Gezeichneten. Von jeher kann sie kein Mensch leiden. Als Ausnahme erscheint die Empathiemaschine Weston „Baba“ Babansky.
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"Wir alle sind Zuhörer unseres Lebens, und wenn Baba seiner Gefühlssymphonie lauschte, dann benahm er sich wie eines dieser Wunderkinder, das jeden Fehler orten kann, etwa ein B anstelle eines H beim fünften Bratschisten."

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“The Washington and Lee University in Lexington, Virginia is a nationally ranked, small, private, liberal arts university nestled in the mountains of …” (Wikipedia).

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Malerisch unterliegt der Campus den Himmeln von West-Virginia. Sogar da kann man unzufrieden sein, so wie Jillian, die Heldin in Lionel Shrivers Roman „Die perfekte Freundin“.

Lionel Shriver, „Die perfekte Freundin“, Roman, auf Deutsch von Christine Richter-Nilsson, Piper Verlag, 18,-

Jillian Frisk zählt sich zu den Gezeichneten. Von jeher kann sie kein Mensch leiden. Als Ausnahme erscheint die Empathiemaschine Weston „Baba“ Babansky. Baba weiß, was Worte auslösen. Ihn treibt ein vorauseilendes Verständnis für die Wirkung von Gemeinheit. Ein Medium ihrer Liebe ist das Tennisspiel. Jillian und Baba durchlaufen romantische Phasen mit sexuellen Ausflügen bis dorthinaus. Schließlich blicken sie an Ort und Stelle auf über zwanzig Jahre Freundschaft zurück. Der Rekord stellt sich in der Romangegenwart ein.

Jillian trägt das Kainsmal der Ächtung mit Fassung. Eine umfassende und durchgreifende soziale Lethargie schützt sie wie ein Strahlenschutzmantel vor den meisten Kontaminationen. Die Resistenz hat ihren tiefsten Grund in ehrgeizloser Gleichgültigkeit.

Jillian bringt sich mit Jobs durch. Sie bewohnt das „autarke Nebengebäude eines Antebellum-Anwesens“ in der Nebenfolge eines kommoden Arrangements mit Wohlhabenden, die Jillian aus naheliegend-praktischen Erwägungen in ihrer Sphäre installiert haben.

Hoffnung und Resignation halten sich solange die Waage, bis Paige Mayer zur bestimmenden Kraft in Babas Leben wird. Ist Jillian ein verwildertes Beet in den Farben der Auflösung jedweder bürgerlichen Ordnung, so ist Paige das scharfgeschnittene Gegenteil. Jillians Intelligenz schillert, flackert auf und wird von Idiosynkrasien wie von manisch patrouillierenden Hütehunden bewacht. Paiges Intelligenz gleicht einem Nagelbrett der Genauigkeit. Die Frauen fliegen in Feindschaft aufeinander.

Aus der Ankündigung

Die perfekte Freundin - Was, wenn die alten Freunde nicht zur neuen Partnerin passen?

Weston liebt Paige, doch als es ans Heiraten geht, verlangt sie von ihm ein Opfer. Er soll sich von seiner langjährigen Freundin – und Ex-Flamme – Jillian lossagen, die Paige schon immer etwas zu einnehmend, zu schillernd, kurz: zu gefährlich fand. Weston setzt sich zur Wehr. Aber beweist das nicht, dass Paige mit ihrer Forderung ins Schwarze trifft?
Nur wenige Schriftsteller beherrschen es, Konflikte so unmerklich und gründlich eskalieren zu lassen wie Lionel Shriver. Schonungslos und heiter erzählt sie von Vertrauen, Vereinnahmung und den Entbehrungen, die wir für die Liebe auf uns nehmen.

Zur Autorin

Lionel Shriver, geboren 1957 in Maryland, USA, lebt mit ihrem Mann, dem Jazzmusiker Jeff Williams, in London und Brooklyn. Ihr in 25 Sprachen übersetzter Roman „Wir müssen über Kevin reden“ wurde mit dem Orange Prize for Fiction ausgezeichnet. Auch ihr um ein Gedankenspiel kreisender Roman „Liebespaarungen“ erhielt international höchstes Kritikerlob und stand wochenlang auf den Bestsellerlisten. Zuletzt erschien „Eine amerikanische Familie“. Daneben engagiert sich Lionel Shriver seit einigen Jahren verstärkt für Presse- und Meinungsfreiheit.

„Diese Frau kann einfach keinen Satz schreiben, der nicht intelligent wäre ... Lionel Shriver hat den Blick eines John Updike oder einer Patricia Highsmith.“The Times

„Ein schmales, überaus scharfsinniges Buch, das eloquent vor Augen führt, mit welchen Mitteln Menschen versuchen, Besitz voneinander zu ergreifen.“Observer

17:31 30.11.2020
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