Die blaue Stunde am Main (1987)

Frankfurt Jeden Abend zog Dynamit Sweetwater mit seinen Leuten um die Häuser im Bahnhofsviertel
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Der Kunstbuch-Verlag Tabrouba residierte in der Münchner Straße auf drei Etagen. Der Verlag war das Hobby eines Erben. Jeden Abend zog Dynamit Sweetwater mit seinen Leuten um die Häuser im Bahnhofsviertel. Mittags fiel er beim „Schenk“ auf. Unter dem letzten Fischladen des Quartiers war ein Eiskeller, der am Main endete. Der Keller diente den sonderbarsten Schwärmen als Spielplatz. Ich komme darauf zurück.

Dynamit war ein lärmender Langweiler, das sagte ihm keiner. Er umgab sich mit Günstlingen, kaufte alle. Ich glaube, von daher kam mein Interesse zuerst. Ich wollte wissen, ob Ellen so eine war. Sie wohnte in der Teeküche auf einem Dachaufbau des Verlagshauses. Sich auf der Terrasse sonnen zu dürfen, war was. In den Liegestühlen gingen Karrieren los. An manchen Nachmittagen lag der Verlag geschlossen da wie am Strand.

Ellen arbeitete Dynamit zu, sie war die einzige, die sich nicht irgendwie auch als Künstlerin sah oder zumindest hauptsächlich mit Künstler:innen zu tun haben wollte. Sie bewahrte einen schroffen Abstand zu den Hungrigen und zu den Gierigen. Kleinen Lichtern und lieben Leuten schanzte sie Aufträge zu, manchmal sah ich, wie ihr Atem stockte.

Wir waren Nachbarn, trafen uns im Viertel. Es gab beruflichen Kontakt. Ich sah sie mit Ali, allein deshalb konnte ich mir bei ihr weiter nichts vorstellen. Diese Verbindung blockierte mich. Ich fand Ellen scharf, sie hatte das Zeug, mich zu faszinieren. Doch Ali untergrub meine Faszination so effektiv, dass ich kaum Kontakt zu der Faszination hatte.

Ali verrottete öffentlich. Er war völlig geschmacklos.

Er blies sich vor Ellen auf, machte auf Mann aus dem Leben. Er war ein Liebhaber der deutschen Bierstube, die nun ausstarb. In ihren letzten Abfüllstationen mümmelte die erste Garnitur von Neunzehnhundertsiebzig, unfassbar verwitterte und verbogene Gestalten, ich will das Thema nicht folkloristisch vertiefen.

Ali verschleppte Ellen. Die letzten Löcher machten ihr Spaß. Vielleicht hatte das wenig zu bedeuten, Ellen schien Spaß auf der ganzen Linie ihres Lebens zu haben.

Sie war stets dabei, Obst und Gemüse zu kaufen und die standdiensthabenden Türk:innen mit dadaistischen, prickelnd hintersinnigen Bemerkungen hellhörig zu machen. Mit mir redete sie wie mit jedem im Quartier. Dass sie so überhaupt nicht auf mich abfuhr, war ein Missklang. Ich glaubte, ich sei ihr zu kantig, zu strukturiert. Zu bewusst. Zu kritisch. Sie wollte gewiss keinen Mann, dem Küchenkacheln nicht egal sind.

Gleich mehr.

06:19 28.05.2021
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