Die Blaupause für einen Helden

Literatur "Wir sind blind gegenüber unserer Gegenwart." Das erklärte Marjolijn van Heemstra im Gespräch mit der Schriftstellerin Kristine Bilkau gestern Abend bei der ...
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Die Verwandtschaft mit Audrey Hepburn ist kein Thema in der Familie. Das erklärte Marjolijn van Heemstra im Gespräch mit der Schriftstellerin Kristine Bilkau gestern Abend bei der Berlin-Premiere ihres Romans „Ein Name für dich“ im Kunsthaus ACUD.

Der Ring erzählt eine Geschichte

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Sie ist Theaterautorin und Kolumnistin – eine Person des öffentlichen Lebens in den Niederlanden. In ihrem ersten Roman erzählt die 1981 in Amsterdam geborene Marjolijn van Heemstra eine fiktional verdichtete, im Kern jedoch wahre Geschichte aus dem Fundus ihrer Familie. Ihre berühmteste Verwandte ist Audrey Hepburn. Deren Mutter war Baroness Ella van Heemstra. Man entstammt dem friesischen Adel, nachweisbar seit 1492. Heemstra bestimmte einen zunächst heroisch erscheinenden, dann aber zunehmend fragwürdigeren Aspekt ihrer Familiengeschichte zum Erzählanlass.

Es geht um einen 1987 verstorbenen Großonkel namens Frans Julius Johan, der 1946 einen Kollaborateur in die Luft sprengte, deshalb ins Gefängnis musste, jedoch als Widerstandskämpfer begnadigt und rehabilitiert wurde.

Das ist die gefällige Fassung.

Es könnte auch ganz anders gewesen sein. In einer sinisteren Abwandlung wird aus der Lichtgestalt ein Terrorist.

Marjolijn van Heemstra, „Ein Name für dich“, Roman, Deutsch von Stefan Wieczorek, Atlantik bei Hoffmann und Campe, 206 Seiten, 20,-

Heemstra tritt mit ihrem eigenen Namen im Roman auf. Doch nicht nur das beglaubigt dessen autobiografische Grundierung. Die Autorin trägt auch den Ring, siehe Foto, der als narrativer Fetisch den Handlungsgang bestimmt.

Der Ring, den die Großmutter der Enkelin einst ansteckte, war ein Verlegenheitsgeschenk. Die Ahne hatte mit Marjolijn nicht gerechnet, als jene an ihrem achtzehnten Geburtstag spontan hereingeschneit kam, und deshalb die Preziöse zum Präsent erklärt. Sie wickelte das Stück in Erzählpapier. So behauptete sie, das wertvollste Andenken an den Familienhelden Frans soeben aus der Hand gegeben zu haben. Nach dessen letztem Willen sollte ein Namensvetter den Ring tragen. Marjolijn wurde nun aufgetragen, ihren ersten Sohn erst Frans Julius Johan zu nennen und ihn dann zum Erben des Ringes zu machen.

Der beschwörende Begleittext war vielleicht nur einem budenzauberischen Ausstattungswunsch geschuldet. Er setzte sich indes fest.

Kristine Bilkau las im ACUD die Passage, in der Frans noch ungebremst heroisch geschildert wird.

„Mit dem Gedanken, es gebe keine Gerechtigkeit, konnte Frans nicht leben.“

Heemstra bestätigte im Gespräch noch einmal den autobiografischen Gehalt der entsprechenden Romanstellen. Sie habe für ihren ersten Sohn „die Blaupause eines Helden“ gebraucht und sich an Frans orientiert. Angaben zur Person des Heldengroßonkels seien mit vielen „Phrasen und Allgemeinplätzen“ bei ihr abgeliefert worden.

Die Familie schwadronierte und übertrieb eine Vorliebe für Euphemismen. Frans‘ Bombe kursierte als „Bömbchen“.

Die noble Bagage residiert in Seniorenstiften, die zugleich Golfclubs sind. Sie verbindet die Vorzüge betreuten Wohnens mit vertrauten Genussprisen. Nach Durchsicht der ersten „Informationsschnipsel“ bemerkte die Autorin eine verblüffende Durchschnittlichkeit. Das Objekt der Recherche war Tabakhändler und Autovertreter ohne Nachwuchs und fotografischen Nachlass. Die äußere Erscheinung gab sich hinter lauter widersprüchlichen Angaben nicht zu erkennen.

Heemstra stellte fest, dass die Familiengeschichte(n) mit der Wirklichkeit nichts zu tun hatte(n).

„Wir sind blind gegenüber unserer Gegenwart“, erklärte die Autorin im ACUD. Das war für sie die Quintessenz der verwandtschaftlichen Mitteilungen.

Bemerkenswert war ferner die drastische Darstellung einer Geburt gleichsam als Premierenhöhepunkt.

Um den Roman nicht in der Luft hängenzulassen:

Die Erzählerin glaubt nach dem ersten Durchgang die Eckdaten im Leben des Großonkels zu kennen. Tatsächlich weiß sie nichts. Das heißt, die kolportierenden Angehörigen waren mit einer grotesken Ahnungslosigkeit zufrieden. Der populärste Heemstra seiner Generation hatte kein auch nur im Mindesten realistisches Nachleben. Dann taucht ein Karton mit Fotos auf, die Frans als einen Mann zeigen, „der ohne Autos und Anzüge“ nicht auffiele. Das kommt Heemstras Fazit entgegen:

„Die Wahrheit ist langweilig.“

Aber wir müssen sie erzählen. Wir dürfen in unseren Familiengeschichten keine Erfindungen implementieren. Weil sonst jeder Vorbildcharakter der Vorfahren flöten geht – die Blaupausen für Helden in Zukunft.

09:34 05.07.2019
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