Die Braut von Dörnigheim

Heimvorteil Es war ein Gestank aus geistiger Armut und Bösartigkeit.
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Ungesühnte Verbrechen, heidnische Bräuche, Leichenteile in Tiefkühltruhen, getunte Traktoren, ein perverser Bürgermeister und jede Menge unregistrierter Waffen in den Eichentruhen des Schicksals - Er war noch einmal zurückgekehrt, entschlossen nach einer finalen Maßnahme nie wieder in seine Geburtsstadt H. zu kommen. Das hatte Goldemar seiner Verlobten in Dörnigheim am Main verkündet und sich selbst in einem stillen Moment versprochen.

H. in einer sommerlichen Abendstunde

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Es gab einen Moment kurz nach Einfahrt des Zuges, an den sich beide fünfzig Jahre später im Gespräch auf der Veranda erinnern.

„Du zuerst“, sagt sie. Sie bläst Atem auf den kalten Spiegel in ihrer Teetasse. Sie verbirgt ihren Blick vor mir. Zwei Extremfehlbildungen trennen sie von einem Leben mit geraden Gliedern. Mit einer zittrigen Verschiebung des Aschenbechers beweist ihr Mann Aufmerksamkeit.

Er war noch einmal zurückgekehrt, entschlossen nach einer finalen Maßnahme nie wieder in seine Geburtsstadt H. zu kommen. Das hatte Goldemar seiner Verlobten in Dörnigheim am Main verkündet und sich selbst in einem stillen Moment versprochen. Die Verlobte war ihm nach einer läppischen Belagerung zugefallen, als einheimische Braut mit schönen Schleifen und effektiver Verwandtschaft. Während Goldemar geworben hatte, hatte sein Bruder das Elternhaus gut verkauft und auch das übrige Erbe zu Geld gemacht. Die Brüder waren sie nie nah gewesen und in einem behutsamen Umgang bis zu dem Punkt gelangt, sich jederzeit ohne Streit einig zu werden. Sie hatten die Beute geteilt, die Einzelheiten waren am Telefon besprochen worden. Es fehlte eine Kleinigkeit, die zu vollbringen einen abschließenden Aufenthalt in H. notwendig machte. Goldemar erwartete nicht, danach je wieder etwas von seinem Bruder zu hören. In seinem inneren Aufbau spielte die Ursprungsfamilie keine Rolle mehr. Goldemar betrachtete sich als ein nach Südhessen Versprengter im Familiengründungsfieber. Insgeheim fürchtete er, zu breiig für seine Aufgaben zu sein.

Als nun der Zug in H. einfuhr, bemerkte Goldemar in einem Garten, der dem Bahnhof so nah stand, dass man ihn für einen Bahnhofsgarten als einem exotischen Detail von H. halten konnte, einen schwer tragenden Apfelbaum und davor im Gras das sexuelle Zentralgestirn seiner Jugend. Der Baum und die Frau erinnerten an vieles. Deshalb wählte Goldemar den Weg zur kleinen Pforte, den in H. heute noch jedes Kind kennt. Die Pforte trennt einen Bahnsteig von einem Trampelpfad, der manchem als Abkürzung dient. Da stand der Baum wie ein Portier im Livree und zwischen seinen Wurzeln saß Hertline wie in Erwartung ihres Bräutigams. Hertline gab ein Bild ab, dass Goldemar bannte.

„Ich sah mich gezwungen, inne zu halten.“

Ich bitte Hertline um ihre Version. Sie winkt versöhnlich ab.

„Es war doch so, wie Goldemar sagt. Ich saß unter dem Baum und gehorchte einem Traum, der mich dahin befohlen hatte. Mir war sofort klar, dass Goldemar mein Mann werden würde.“

Goldemar fehlte die Gewissheit. Er war mit einer aus Dörnigheim verlobt, die ein Haus besaß und noch mehr. Er arbeitete gewissenhaft auf der Sparkasse von Dietzenbach und galt auch sonst als einwandfrei. Was sollte er mit einer in H. Hängen- und Sitzengebliebenen?

Ach so, es war heller Vormittag. Goldemar hing am Kälberstrick der Vergangenheit. Ihn drosselten Erinnerungen an die Eltern, den kaum älteren Bruder, die Freunde. Mit allen verband ihn Gestank. Seine Kindheit war eine Geruchsmischung aus Kohl, Kot, in Mauern gezogene Pisse, Fußschweiß, Schuhmief, Schimmel und großelterlichen (und später elterlichen) Ausdünstungen. Es war ein Gestank (auch) aus geistiger Armut und Bösartigkeit. So roch eine Kleinstadtdepression, die wie ein Amok laufender Geiselnehmer unterwegs war.

Goldemar musste gegen seinen Willen daran denken, wie er in der halb zerfallenen Zehntscheune zwei Jahre vor ihrer großartigen Instandsetzung mit Hertline zu einem Paar der Verschmähten geworden war. Goldemar kannte den Widerwillen nicht, der andere von Hertline fernhielt. Vielmehr fühlte er sich angezogen, angezogen und abgestoßen zugleich. Nur diese Kombination erlaubte seinem Begehren alle Segel zu setzen.

Einmal abgesehen davon, hatte er auch keine Wahl.

Hertline machte keinen Freak aus Goldemar. Er war stets ein Freak gewesen, gewiss ohne zu begreifen. Hertline und Goldemar verlangten wenig voneinander. Sie gaben sich gerade genug. Alles Weitere hätte sie überfordert.

Ich könnte mit Schilderungen Ihr Entsetzen melken. Wie lieblos, würden Sie sagen. Doch nicht jeder verträgt Zärtlichkeit. Einige erinnert Zärtlichkeit nur schmerzhaft an ein amputiertes Glied oder einen verödeten Punkt. Solche halten nur das Hereinbrechende und Gleichgültige aus. So hereinbrechend und gleichgültig war die erste Liebe im Leben von Hertline und Goldemar beschaffen.

„Gewisse Stellen ihres Körpers schienen mit dem Rest keinen Kontakt zu haben“, sagt Goldemar auf der Veranda. Er ist ein Greis, der sich nicht mehr für sich interessiert. Er kennt aber die Zahl der Schwangeren in H. Man trifft ihn in der evangelischen Kirche; er bestreitet seine Gläubigkeit. Im Gemeindezentrum hatte er als Heranwachsender starke Erlebnisse.

Hertline hatte Schönheit zu bieten, jawohl. Das wusste sie. Sie besaß die Kraft, Goldemar in H. an sich zu binden und ihn dahin zu bringen, Dörnigheim so abzuwickeln wie er ursprünglich H. hatte abwickeln und endgültig hinter sich lassen wollen. Hertline wirtschaftete gezielt mit dem Heimvorteil. Man war aneinander gewöhnt, auch wenn man sich nicht mochte.

Es ging um das Mindeste. Das war garantiert. Nur eine Närrin konnte an Hertlines Stelle mehr für möglich halten.

Morgen mehr.

13:48 26.04.2018
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