Die Desperados von Skogsholmen

Lilja Ikkunan bringt den Showman in Viḍō Karāsa zum Vorschein
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Karl Marx spricht von der passiven Verfaulung tiefer sozialer Schichten. Er beschreibt so das Lumpenproletariat, das eher in die Reaktion als zur Revolution drängt. Das Verhängnis spiegelt Vorgänge des Alterns. Die Vergreisung führt in Verkehrungen. Vitale Prozesse enden zu Lebzeiten. Der Körper gibt nach, er zeigt den Kadaver, der in ihm steckt, schon einmal vor.

Kompostierung setzt ein. Zum Rotwein die Redundanz. Die neunzehnjährige Lilja Ikkunan eilt dem Niedergang eines in Academia ergrauten Literaturwissenschaftlers ahnungsvoll voraus. Viḍō Karāsa lenkt mit großen Worten von großen Schwächen ab. Er überhöht einen Wunsch nach gefahrloser Nähe zu einer vierzig Jahre Jüngeren. Er übertreibt seine Weltläufigkeit. Er fährt auf, was er hat. Lilja bringt den Showman in Viḍō zum Vorschein.

Viḍō heiratet eine Debütantin mit rätselhafter Vergangenheit. Lilja könnte sich die Hochschulzugangsberechtigung erschlichen haben. Sie bestimmt die norwegische Insel Skogsholmen zum Schauplatz der Flitterwochen.

Woher kennt Lilja den entlegenen Ort?

Das zwischen Sandnessjøen und Kirkøy zirkulierende Postboot legt in Skogsholmen nur auf Anfrage an. Das Paar landet auf einem bemoosten Flecken im Meer. Abgeschiedener als dieses Produkt postglazialer Landhebung ist wenig auf dieser Welt. Kein Mensch lebt mehr dauerhaft auf der Insel, die einst von Fischer:innern und Bäuer:innen besiedelt wurde. Nachkommen der Leute von Skogsholmen verbringen die Sommerfrische auf einem Schauplatz anachronistischen Eigensinns. Was mag die Ahnen bewogen haben, unter geradezu absurd harten Bedingungen wenigstens zweihundert Jahre ein Gemeinwesen aufrecht zu erhalten? In ihrem Kreis überlebten Desperados.

Lilja behauptet, der letzte Mensch zu sein, der auf Skogsholmen von Geächteten gezeugt wurde.

Stimmt das?

Noch vertraut Viḍō seiner Braut blind. Wir vom Alphaworldteam konsultieren unsere Quellen. In den 1970er Jahren wurde der letzte stationäre Betrieb auf Skogsholmen eingestellt. Das waren eine 1890 aus Wrackteilen zusammengeschlagene, in den 1940er Jahren um ein Gjestehus erweiterte Schule. Seither nutzen Bäuer:innen der Nachbarinseln das geräumte Eiland wie eine Alm. Dazu kommt ein unaufdringlicher Ferienverkehr. Im engeren Sinn gibt es keinen Tourismus und auch keinen Erschließungsplan; obwohl die dem UNESCO-Weltkulturerbe eingegliederte Umgebung malerisch ist und magnetisch wirkt. Skogsholmen gehört zum Vegaøyene-Archipel mit seinen sechstausend Holmen und Schären in der polarkreisnahen Region Sør-Helgeland.

Lilja skizziert sich so: früh verlassen vom Vater, unverbunden mit der Mutter. Ihre Herkunft stellt Viḍō vor Rätsel. Lilja genießt Alleingänge, wohl wissend, dass sie in ständiger Beobachtung ihres (bis zu ihr Junggeselle gebliebenen) Mannes am Strand elegische Posen einnimmt. Ein Gjestehus-Fenster wird zum Rahmen, in dem sie nicht immer bleibt.

In seinen Notizen überträgt Viḍō die Schönheit seiner Frau auf die Landschaft. Sie halten das vielleicht für ein harmloses Vergnügen und erkennen darin den Potenzersatz. Wir Spezialist:innen vom Alphaworldteam sehen in Viḍōs kompensativen Fehldeutungen eine Sicherheitslücke.

Viḍō verspannt Land- und Leidenschaft. Der alte Verspanner ordnet die Landschaft der Frau und die Leidenschaft dem Mann zu. So suggeriert er sich eine Kontrolle, die er nicht hat. Viḍō sitzt als von seinen eigenen Entscheidungen Verdammter in einem gemütlich gehaltenen Haus. Akademisch bemüht er sich um eine Sirene in der Literatur des 18. Jahrhunderts. Sie erscheint dem Seminarschwadroneur paradox als eine vor dem Meer sich ängstigende Schaumgeborene im Stil der Venus von Botticelli. Die mechanisch heraufbeschworenen Komplikationen, Koinzidenzen und Echos überlagern das Feld realer Gefahren. Jeder ergreifende Blick und alle erotischen Degustationen werden zu Stichwörtern für biografische Einlassungen und Bemerkungen des Scheiterns degradiert. Die Anthropophagie der Liebe funktioniert nur gegen Viḍō.

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Und da ist er auch schon: der adoleszente Nutznießer im Norwegerpullover. Cruceo Kolisi verkörpert eine Mischung aus Sahara und Sommersprossen. Der Sohn einer Schwedin und eines Mauretaniers lebt in Stockholm und weiß noch nicht, wohin für ihn die Reise geht. Das findet Lilja niedlich, während Viḍō aus dem Fenster guckt und die Schönheit erratischer Felsbrocken poetisch einzufangen versucht.

Gleich mehr.

08:05 12.07.2021
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