Die Dimension der Relevanz

#DailyStorytelling In den Feuchtgebieten der Organisationsform Großfamilie sumpfen ursprünglichste Informationen
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

“Kata follows the essence of martial arts which is to minimize movement.” - Tsuguo Sakumoto

“Karate has been described as unnatural movement that you do, until it becomes natural for you. And just because a movement feels natural, doesn’t mean it's the most efficient or powerful way to move.” Gesehen auf Instagram, Quelle shuridojo

Beispiel für schmerzhafte Effizienz in der prinzipiellen Ordnung von one motion two actions

Eingebetteter Medieninhalt

*

Akki ist siebenundzwanzig, trägt sich aber so, als liefe ihre letzte Lebensabendveranstaltung. Das Ächzen, die Kurzatmigkeit und Schwerfälligkeit gehören zu einer Inszenierung dessen, was der Fall ist. Akki täuscht ihre Umgebung mit der Wahrheit.

In den Feuchtgebieten der Organisationsform Großfamilie sumpfen ursprünglichste Informationen. Sie überliefern ein System. Personell steigt das System von der Sippe zum Stamm auf. Man staunt, wie klein jene Gruppen waren, die einen Anfang im Jungpleistozän überlebten. Nomadische Beutemacher:innengemeinschaften betrieben inmitten eines Megafaunamassensterbens (waffenlose) Ausdauerjagd nach dem Prinzip andauernder Beunruhigung. Man scheuchte das Wild, bis es sich der Erschöpfung ergab. Heute noch hetzen isolierte Ju/’Hoansi-Gruppen im Nordosten Namibias Tiere zu Tode. Alternativ jagen sie mit Pfeil und Bogen oder stellen Fallen, während die Finanzmärkte einmal wieder weltweit kapriolen und Griechenland brennt. Im Gespräch mit den Schwestern Akki und Kiku kontrastiert Brain (nicht Brain) Thundergod* das archaische Programm der Ju/’Hoansi, die lange als „Buschmänner“ diskriminiert wurden, mit dem Panikpuls fortgeschrittener Zivilisationen.

Akki ist siebenundzwanzig, trägt sich aber so, als liefe ihre letzte Lebensabendveranstaltung. Das Ächzen, die Kurzatmigkeit und Schwerfälligkeit gehören zu einer Inszenierung dessen, was der Fall ist. Akki täuscht ihre Umgebung mit der Wahrheit.

Royaler Tross

In der chinesischen Provinz Hunan fängt man Frauen von Straßen und Feldern. Man jagt sie auf Bahnhöfen und in Zügen und verkauft sie an Bauern für zwei- bis viertausend Yuan. Jungfrauen werden als „ungeöffnetes Importgut” deklariert. Um sie am Weglaufen zu hindern, bricht man den Bräuten die Beine.

„Geistig Behinderte sind begehrt”, weiß Akki. Sie verbreitet ihr Spiegelwissen. „Sie sind teurer als normale Frauen.”

„Was du nicht sagst”, brummt Mops Leo, ein Ex-Tierheimer und der einzige echte Berliner unter lauter Versprengten. Akki und Kiku kommen aus der niedersächsischen Provinz, hatten ihre Zeit in der Hauptstadt, und versucht jetzt eine Brandenburger Weiler namens Schupfdorf (im Kontext der Landliebe) geil zu finden.

Am Zaun bekundet eine Nachbarin bodenständiges Interesse. Sie grunzt Rauchzeichen, für die sie einen Stumpen unter Feuer hält. Sie steht da wie eine Eigentümerin oder eine Henkerin oder wie die Klempnerin. Ihre Legitimation steht in jedem Fall außer Frage.

„Die Spinnerin”, presst Kiku hervor. Sie wendet sich Brain zu: „Meine Liebe, kommst du.”

Das ist keine Frage.

Leo wumpert vor den Frauen ins Haus.

Die Zaungästin schaltet sich ein. Sie beklagt das Los der Obstbäume in diesem Jahr.

„Das war früher gängig. Was tragen konnte, wurde gefercht.”

Akki hört nicht hin, sie will noch im Dorf-Späti einkaufen. Einen betriebsbereiten, Dreck patinierten Kaugummiautomaten an der nächsten Ecke erlebt sie als schönen Gruß der Kindheit. Auf einer Veranda lagert hemdsärmelige Korpulenz. Ablehnung im Speckmantel. Vier Mofajockeys lassen Akkis Argwohn abtropfen. Die Vortäuschung von Harmlosigkeit gehört seit der Grundschule zum Repertoire des indigenen Nachwuches.

Akki hört Fanfaren der Jugendmobilität im Vorspann drehorgeliger Jahrmarktgeräusche.

Die Schupfdorfer Schützenschwesternschaft sitzt im Festzelt wie jedes Jahr die Fercherkirmes ab. Kein Mensch weiß, wie die Kirmes zu ihrem Namen kam. Ferchen könnte so viel wie stoßseufzen bedeuten. Die „Blackbirds“ aus Blankenfelde spielen englische Lieder, das gab es früher nicht vor Sonnenuntergang. Die Schwestern traktierten selbst ihre Instrumente, vor und nach dem „Hahnenköppen“, bei dem ein Gockel bis zum Hals um seinen Kamm gebracht wird. Wem der Kopf in den Schoss fällt, der ist Hahnenkönigin und führt den Festzug an. Die Schwestern erreichen im royalen Tross das Zelt hochsitzend auf den letzten Überlebenden der örtlichen Nutztierbestände.

Morgen mehr.

11:06 09.08.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentarfunktion deaktiviert

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert. Deshalb können Sie das Eingabefeld für Kommentare nicht sehen.

Kommentare