Die dritte Generation

Literatur Min Jin Lee, „Ein einfaches Leben“ - Osaka in den 1950er Jahren: Sunjas Söhne gehen an den gesellschaftlichen Start. Noa verschweigt seine koreanische Abstammung.
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Osaka in den 1950er Jahren - Sunjas Söhne gehen an den gesellschaftlichen Start. Noa verschweigt bei jeder Gelegenheit seine koreanische Abstammung. Er erkennt die Nachteile einer doppelten Stigmatisierung. Er ist sowohl ethnisch als auch religiös im ethnisch homogenen und rassistisch rabiaten Japan geächtet.

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Der Geistliche Isak setzt sich als agitierender koreanischer Christ gleich zweimal in die japanischen Nesseln. Im shintoistisch-buddhistischen Kosmos mit einem gottgleichen Kaiser an der Spitze der weltlichen Pyramide gibt es weder Eifersucht unter Göttern noch Erbarmen mit dem Nächsten.

Min Jin Lee, „Ein einfaches Leben“, auf Deutsch von Susanne Höbel, dtv, 13.90 Euro

Seine Diaspora sitzt Isak über einen geräumigen Zeitraum im Gefängnis ab. Isak war vorher schon schwach auf der Brust. Nach seiner Entlassung figuriert er nur noch als Schatten seiner Selbst in kurz angebundenen Verhältnissen. Es geht stets nur ums Überleben für Min Jin Lees Heldin Sunja. Die auf einem nordöstlichen Küstenstrich von Korea robust aufgewachsene Tochter einer früh Witwe gewordenen Pensionswirtin verkauft eingelegtes Gemüse auf den Straßen von Osaka. Sie kriegt zwei Söhne in der Migration. Einer ist nicht von Isak, sondern von einem koreanischen Nebelfürsten im Reich der Zainichi-Koreaner. Zainichi nennt man die ins Mutterland eingewanderten, kolonisierten Koreaner, und vielleicht auch die unter Zwang nach Japan Verbrachten. Im II. Weltkrieg müssen Koreaner*innen in japanischen Fabriken die Wirtschaft am Laufen halten.

Die dritte Generation

Nach dem Krieg werden die Karten neu gemischt. Zu den Platzhirschen, die ihre Position behaupten können, zählt der Vater von Sunjas erstem Sohn Noa. Hansu begreift sich als Geschäftsmann. Seinem Adlatus, dem Auslandskoreaner Kim erklärt er:

„Du darfst nicht vergessen, dass die Männer in den Führungspositionen der koreanischen Interessengruppen in erster Linie Menschen sind – also nicht viel klüger als Schweine.“

Min Jin Lee nimmt das Lehrgespräch zum Anlass, eine Reihe von Allgemeinplätzen zu verbreiten, ohne auch nur ein überflüssiges Wort zu verlieren. Honsu erklärt die Bipolarität der Nachkriegswelt mit ihren einer Vereisung entgegenstrebenden Blöcken, die als Monolithe mit beweglichen Rändern gehandelt werden.

Als Meister des Krisenmanagements postuliert Honsu in einer Lage, in der man vom körperlichen bis zum Lausch-Angriff alles für möglich halten und von einem überlegenen Gegner dauerhaft ausgehen muss, die Diffusion: um amorph zu wirken.

Die Autorin bietet einer interessanten Überlegung Raum.

Kim repräsentiert bei einer Lecture Performance zwischen Bar & Bordell den zu Initiierenden – Novizen – Anfänger – Greenhorn – Adepten. Honsu verkörpert den volkstümlichen Aufklärer, der sich seine Sporen unter den Vorzeichen einer anderen Zeit verdient hat und sich inzwischen einem geostrategischen Überblick annähert. Er kritisiert Kims aus bloßem Heimweh gewonnenen Patriotismus. Er fragt (dem Sinn nach):

Was willst du Schweinebacke in Korea? Da ist alles mies und als nächstes werden sich da die Großmächte gegenseitig ihre Fäuste unter die Nasen reiben.

Indirekt fragt Honsu: Was bedeutet eine freundliche Aufnahme, wenn es nichts zu essen gibt. Wie freundlich ist das eigentlich? Umgekehrt heißt das doch: Wie unfreundlich sind feindliche Verhältnisse, wenn sie einem erlauben, zu gut erträglichen Konditionen am Leben zu bleiben?

Also, was ist freundlich und was ist feindlich?

In einer komplexen Gemengelage rät Honsu zu einer Existenz in der Verachtung, da sie dem Verachteten Eierkuchen, Milchreis und Butterkekse einträgt.

Instinktiv wissen das auch Sunjas Söhne. Sie wollen gar nicht weg von dem Bauernhof ihrer Evakuierung. Zehn Jahre später fällt Noa knapp durch eine Prüfung. Seine Mutter legt sich für Nachhilfeunterricht krumm. Ich frage mich, worum nicht der Ultrachecker Honsu einspringt, den Sohn ausreichend fördert und Sunja für größere Aufgaben schont.

Bald mehr.

Stille Billigung

Im frühen XX. Jahrhunderts verliert Korea seine Souveränität an Japan. Das Land durchläuft einen Prozess der Entmündigung vom Protektorat (1905) bis zur Kolonie (1910 - 1945). Die Annexion korrespondiert mit einer einfallsreichen Entwürdigungspraxis. In den Augen der Kolonialherren sind die Unterworfenen „raffiniert und gerissen“. Viele Koreaner verdingen sich als unbeliebte „Gastarbeiter“ in Japan. Osaka ist ein Hot Spot der Migration. Dahin verschlägt es Sunja, die unter entehrenden Bedingungen schwanger gewordene und von einem Pastor auf dem Hochzeitsweg rehabilitierte Tochter der früh verwitwete Logierhauswirtin Yangjin. Die Mutter erscheint als Muster der Selbstlosigkeit. Sunja hat einen eigenen Kopf. Vorlieben und Abneigungen bestimmen sie stärker als der Herkunftstext. Zwar ist sie erklärtermaßen die Dienerin ihres Mannes Isak. Doch dessen Verfügungsgewalt wird von mildernden Umständen eingeschränkt. Sunja folgt Isak nach Osaka, wo sie in dem koreanisch dominierten Bezirk Ikano heimisch zu werden versucht. Das erzählt Min Jin Lee in ihrem Epos „Ein einfaches Leben“ so einnehmend, dass man sich als Leser schon fast zur Familie rechnet.

Sunjas Eltern - Die sozialen Koordinaten der ersten Generation

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Yangjins Ergebenheit ist beinah lückenlos. In ihrer von äußerst dürftigen Verhältnissen bestimmten Vorstellungswelt ist kein Raum für individuelle Erwartungen. Das Ich-Bewusstsein findet keinen Halt.

Hunger bestimmt den Alltag der Heranwachsenden. Auf eine gute Partie hat Yangjin keinen Anspruch. Daran gewöhnt, zu akzeptieren, was ihr vorgesetzt wird, nimmt sie auch die näheren Umstände einer arrangierten Ehe mit dem „Dorfkrüppel“ Hoonie so hin wie das Wetter.

Hoonie gewinnt im Folgenden ungemein. Nicht wenige betrachten sich in Abhängigkeit von seiner „stillen Billigung“ ihres Lebenswandels.

Drei Mal kommt Yangjin mit Söhnen nieder, die nicht lange von dieser Welt sind. Dann kriegt sie eine Tochter, und Sunja bleibt am Leben.

Gemeinsam mit Hoonie führt Yangjin ein Logierhaus in Yeongdo, einem Bezirk von Busan: der zweitgrößten koreanischen Stadt. Hoonie vergeht lautlos. Als Witwe beweist Yangjin unternehmerisches Geschick in einem besetzten, schwer gezeichneten Land. Die japanischen Usurpatoren neigen zu heftigen Herabwürdigungen.

Von einem betuchten Schwätzer wird Sunja mit siebzehn schwanger. Sie hofft auf eine Heirat. Die Tochter eines Mannes, dessen Aufmerksamkeit von vielen als Segen empfunden wurde, erwartet mehr als Fürsorge von dem Liebhaber, der Anstalten macht, Sunja so gut wie eben möglich unterhalb der Schwelle einer Ehe zu stellen. Während Yangjin in der Brautrolle nur Demut kannte, stellt Sunja Forderungen. Sie verlangt nicht nur Achtung, sondern auch Liebe.

Feindliche Fremde

Mit der Eingliederung Koreas ins japanische Kaiserreich wurden Koreaner zu japanischen Staatsbürgern zweiter Klasse. Bis heute nennt man sie Zainichi.

Die Generation der Osaka-Koreaner – Geboren in feindlicher Fremde

„Die Gegend taugt nur für Schweine und Koreaner.“

Die Handlung gipst den biografischen Bruch ein, den Sunja in den 1930er Jahren erleidet. Die mit dem Makel einer unehelichen Schwangerschaft seelisch abtauchende Tochter tüchtiger Leute, erwartet nach ihrem Einzug in das passende Ghetto von Osaka sich auf die gleiche Weise zurechtrütteln zu können wie in der Heimat an der südöstlichen Küstenlinie Koreas, wo sie in einem Mix aus maritimen Stimmungen, donnernder Urbanität, ruraler Rückständigkeit, mütterlichem Protektionismus und seemännisch-junggesellig-unbeholfenen Avancen erwachsen wurde.

In Japan ist alles anders.

Der Sunja vertraute Trott findet in Osaka keinen Schauplatz. Die Einwanderin gehört zu einer offensiv diskriminierten Minderheit. Sie muss sich auch vor ihren Landsleuten fürchten. Es herrscht doppelte soziale Kontrolle. Die Mehrheitsgesellschaft guckt von oben auf die Verhältnisse der Zugezogenen. Die Community zerrt an sich selbst herum. Dazu kommen Gefahren, die von gescheiterten Migranten ausgehen. Manche suchen ihr Heil in privatgemeinschaftlicher Schwarzbrennerei und im organisierten Verbrechen. Dazu gehört das Glücksspiel. Es spielt zwar eine enorme Rolle im japanischen Alltag, zieht aus seiner Bedeutung aber kein Prestige.

Im Original heißt Min Jin Lees Roman nach einem Glücksspiel „Pachinko“. Die Automatenhallenunterhaltung verbindet sich in Japan vielfach und in langen Traditionslinien mit den Existenzen koreanisch-stämmiger Einwanderernachkommen. Die mitunter in der vierten Generation geächteten Garanten eines süchtig gesuchten Vergnügens haben die Reputation von Dealern. Ohne jede Anerkennung sind sie systemrelevant.

Man warnt Sunja vor den schrägen Vögeln. Später wird sie selbst einen zur Welt bringen.

*

„Niemand vermietet gern an Koreaner.“

Sunja gewöhnt sich an ihre Unsichtbarkeit im Straßenbild. Unsichtbarkeit variiert die Unberührbarkeit der Parias. Min Jin Lee beschreibt kleine Schockwellen, die Sunjas Kurs verändern. Ihr im Grunde bäurisches Selbstbewusstsein dominiert in der Maske größter Bescheidenheit und willigster Anpassung die despektierlichen Fremdzuschreibungen.

Die Mehrheitsgesellschaft immunisiert sich mit Verachtung gegen Kontaminationen. Nichts besorgt sie mehr als ein Verlust an Reinheit. Mit Unreinheit assoziiert zu werden, erscheint Sunja absurd.

Ein Leben im Holzpuppenstil

Das harte Brot der Migration - Sunja verkauft saures Gemüse auf der Straße

Der Geistliche Isak verschwindet im Gefängnis. Christenverfolgung in Japan ist ein spannendes Thema. Ich habe davon oft erzählt, ein Shot anbei:

Christenverfolgung im römischen Stil

Tokugawa Iemitsu, dritter Shogun der Tokugawa-Dynastie, schließt Japan 1633 von der Welt ab. Das Shogunat beschränkt den Kontakt zu Europäern auf Vertreter der „Verenigden Oostindischen Compagnie”, die ab 1640 als Expatriierte auf einer stinkenden, aus dem Meerbusen vor Nagasaki ragenden, mühsamer Landgewinnung abgetrotzten Erhebung namens Dejima konzentriert werden. So unbequem die Verhältnisse auch liegen, sie bieten sich doch einer Monopolstellung, die erst von amerikanischer Kanonenbootpolitik 1853 gebrochen wird, zur Nachsicht an. Dass die kleinen Niederlande Portugal ausstechen, hat jedenfalls auch diesen Grund: die Protestanten missionieren nicht. Anders als jene katholischen Imperialisten, die Japan am Ende der Magellanstraße „entdeckten” und ihre koloniale Doppelstrategie (Rettung der Seelen, Plünderung der Ressourcen) nach Schema F repetierten. - Und auch wieder nicht. Die besonderen kulturellen Formate Japans werden von allen Reisenden geschildert. Im Gegenzug studieren Japaner europäische Vorsprünge (nach der Abschottung im Rahmen der Hollandkunde-Rangaku).

Tokugawa Iemitsu betreibt unter seinen Leuten Christenverfolgung im römischen Stil. Viel weiß man über den im Reichseinigungskampf erfolgreichen Shogun von François Caron. Der Sohn hugenottischer Flüchtlinge kommt als Küchenhelfer auf einem holländischen Schiff nach Japan. Er bildet sich zum Dolmetscher aus und findet in dieser Rolle Verwendung beim Fürsten. …

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Die Schwierigkeiten nehmen zu. Sunja macht die Bekanntschaft von Kredithaien und Geldeintreibern. Sie lernt das Elend der Pfandleihen kennen. Immer weiter rückt sie ab von der tristen Solidität ihrer Herkunft. Sunja beginnt, das Schicksal einer Stigmatisierten anzunehmen. Das ist alles was ihr in der feindlichen Fremde übrig bleibt. Die mit einem presbyterianischen Geistlichen verheiratete Koreanerin lebt zwar in einer landsmannschaftlichen Gemeinschaft in Japan. Doch ist in der Diaspora niemand, der ihr heimatlichen Halt geben könnte. Zumal das Christentum, zu dem Sunja von ihrem Mann bekehrt wurde, im Widerspruch zu mehr als einer japanischen Staatsdoktrin steht. Der Kaiser wird als irdisch lebende Gottheit verehrt; jede Christin negiert das in ihrem Bekenntnis.

Isak verschwindet im Gefängnis. Christenverfolgung in Japan ist ein spannendes Thema. Ich habe davon oft erzählt, will mich jedoch im Augenblick nicht wiederholen.

Sunja, inzwischen Mutter von zwei Söhnen, macht sich selbständig, so wie einst ihre Mutter als junge Witwe zu ungeahnten Leistungsufern aufbrach.

Not stärkt die Erfindungskraft. Sunja steigt in den Straßenhandel ein und ficht erst einmal einen erbitterten Kampf gegen die Arrivierten unter den Ambulanten aus. Man will ihr in die Töpfe pinkeln.

Man bedroht und beschimpft Sunja, aber die Tochter einer resoluten Pensionswirtin hat das Doppelaxtherz eines Ōyama Masutatsu. Ein Straßenschlachter und Freibankfex, der seine Messer so geschickt führt wie ein Bushi seine Schwerter, nimmt Sunja die Scheu und schenkt ihr seine Sympathie. Die Sympathie des Schweineschlachters wiegt im Straßenkampf alles auf.

Sunja lässt sich nicht unterkriegen, während sich ihr Mann in den Tod hustet. Sie steigt auf zur Kimchi-Lieferantin eines Restaurants. Das Bodensatznetzwerk von Osaka spannt sie ein.

Wieder bleibt alles an Sunja hängen. Sie zieht ihre Söhne Noa und Mozasu so heran, wie sie selbst herangezogen wurde.

Noa kommt nach seinem Vater. Er spielt nicht mit den Schmuddelkindern, singt nicht ihre Lieder (Franz-Josef Degenhardt).

Wie gedankenlos von mir. Der bleiche Prediger, dieser schwindsüchtige Zaunkönig und salbadernder Zauderer, ist gar nicht Noas leiblicher Vater. Sunja hat Noa von einem koreanischen Mogul, der in Osakas höchsten Kreisen vorgelassen wird und die Mutter seines einzigen Sohnes nie aus den Augen gelassen hat.

Hansu kennt keinen Zweifel. Er hätte Sunja zu seiner Frau gemacht, wäre er nicht mit einer Magnatentochter bis zum Erbrechen vorteilhaft verheiratet. Er besitzt die Dreistigkeit, Sonja als Versorgungsinstanz für seinen Stammhalter in einem fremden Haushalt unter Kontrolle zu halten. Alles, was ihr in Osaka passiert, geschieht in Abstimmung mit Hansu. 1944 befiehlt er der Witwe die aus Papier und Holz zusammengebastelte, mit einem Streichholz entflammbare Stadt zu verlassen.

Zunächst empfindet Sunja Rührung und erlebt sich erotisiert angesichts der fleischigen Effizienz. Doch schnell realisiert sie, wem allein Hansus Sorge gilt.

Zur Autorin

Min Jin Lee wurde 1968 in Seoul/Südkorea geboren und immigrierte, als sie acht Jahre alt war, mit ihrer Familie in die USA. Sie hat in Yale studiert und vor der Veröffentlichung ihres ersten Romans als Anwältin gearbeitet. ›Ein einfaches Leben‹ stand auf der Shortlist des National Book Award und auf allen Bestsellerlisten der USA. Min Jin Lee lebt in New York.

11:12 29.03.2020
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