Die Eifersucht

Die Ära Achtundsechzig Gisela Getty: Wir nutzten die Stärke aus der Verdopplung effektiv und empfanden uns als unabhängige und erfolgreiche Frauen.
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Weiter aus der Entstehungsgeschichte der Biografie von Gisela Getty und Jutta Winkelmann - Die Zwillinge oder Vom Versuch Geist und Geld zu küssen.

Datum: Fri, 19 Oct 2007 19:54:22 +0200

Von: "Gisela Getty"
Betreff: Briefe

Lieber Jamal,

natürlich geht es gerade ziemlich rund bei Jutta und mir. Dazu kommt, dass die Arbeit am Buch eine Ausdifferenzierung unseres Selbstverständnisses ist, sowohl des Zwillingsselbstverständnisses als auch des individuellen. Das ist sehr mühsam und schmerzhaft. Wir können uns nicht so zurückziehen und abgrenzen wie zum Beispiel du es ganz hervorragend kannst. Du hast solche Barrieren und dahinter guckst du wie durch Schießscharten. Deshalb kannst du diese Arbeit auch mit uns machen und uns begleiten, weil sie dich nicht verschlingt.

Rom Anfang der Siebziger

Eingebetteter Medieninhalt

Jutta und ich sind in einem Prozess, der uns alles abverlangt. Unser Egoismus kann sich so gegen uns selbst richten. Wir richten uns mit bösem Egoismus manchmal gegenseitig hin.

Ich steuere den Punkt noch mal an. Ich kann meinen Egoismus in Jutta etablieren. Und umgekehrt kann auch sie mir mehr zusetzen als jeder andere. Wenn wir aufeinander böse sind, tun wir uns zwangsläufig selbst weh. Deshalb finden ungeheure Eiertänze der Vermeidung statt. Am Ende lässt sich natürlich nichts vermeiden, und wir haben Streit und Schmerz und Wut auf der Grundlage einer schrecklichen Verbundenheit. Das ist das Vertraute. Der gemeinsame Text führt uns in neue Schreckenskammern. Wir erleben die Textarbeit als einen Vorgang, der uns verändert. Jutta und ich fürchten uns vor jeder Veränderung, weil sie stets das Risiko einer kleinen Trennung birgt. Wir streben Distanzierungen an und haben gleichzeitig Angst davor. Könnten wir das, würden wir dich in unser Dilemma hineinziehen.

Anmerkung des Autors. Zum Glück konnte ich mich bewahren. Ich war Regionalist mit einer Neigung zur Bagatelle und allem Großartigen abhold. Mein Bob Dylan hieß Berthold. Mein Hollywood war der Habichtswald. Ich habe mir nie gewünscht, mit einer berühmten Sängerin zusammen zu sein. Daher kam meine Unabhängigkeit den Schwestern gegenüber. Wir umkreisten zu dritt eine Reihe von Stationen. Ein Hauptbahnhof des Erlebens stand in Rom.

Gisela schreibt:

In Rom erlebten wir unsere (geschwisterlichen) Unterschiede noch positiv. Wir paktierten und verhandelten auf Augenhöhe und bewunderten sogar die Fähigkeiten der Anderen. Wir setzten uns komplett mit unserer Intelligenz, unserer Vision und unserer Schönheit ein. Wir hatten die Zukunft im Blick und wussten, dass Aufmerksamkeit eine neue Währung ist. Wir akkumulierten Aufmerksamkeit. Das war unser Kapital. Es wuchs mit jeder Filmrolle, jedem Artikel über uns, der irgendwo erschien. Wir waren Zelebritäten aus eigener Kraft und nicht nur Randfiguren, die man damals auf Fotos von berühmten Leuten oft mit am Tisch sitzen sah. Deutsche Gräfinnen, die sich in Rom langweilten und mal was mit einem Rennfahrer gehabt hatten. Amerikanerinnen, die mit Magnaten verheiratet waren, und die Hälfte des Jahres in Europa verbrachten und da Jackie Onassis nachahmten.

Wir nutzten die Stärke aus der Verdopplung effektiv und empfanden uns als unabhängige und erfolgreiche Frauen. Erst später verloren wir den guten Mut und das unterschwellig Feinselige, der Fressneid, die Eifersucht setzten sich manchmal eruptiv durch. Wir wussten, dass das kontraproduktiv war. Die Arbeit am Buch führt uns dahin zurück. Wann und warum verloren wir unser Licht und die apollinische Orientierung? Das ist wirklich eine irrsinnige Herausforderung, bitte versteh das. Dass wir in diese römischen Keller kriechen müssen. Wir wissen beide nicht mehr und doch ganz genau, wie die Wege dahin waren. Du bist in ein Kreuzfeuer geraten und bisher hast du das ja auch, zwar mit Schwierigkeiten, aber doch echt nicht nur ausgehalten, sondern den Kopf behalten und bist uns oft auch ganz schön angegangen. Das muss so sein. Wenn ich Jutta anschieße oder mich subtil als Opfer geriere, geschieht das aus Eifersucht. Ich bin einfach immer wieder unerträglich eifersüchtig, das ist leider die Wahrheit. Das muss man richtig sehen.

Morgen mehr.

07:25 04.06.2018
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